Das kleine Fahrzeug wackelt ein wenig, als es sich langsam über ein ausgetrocknetes Feld bewegt. Dann plötzlich gibt es eine Explosion. Erdklumpen wirbeln durch die Luft, dichter, grauer Rauch steigt auf. Dann zeigt das Video wieder den Roboter, jetzt mit Gräsern und Staub bedeckt, ansonsten aber unversehrt. Eine Mine ist explodiert – und damit alles nach Plan gelaufen.Der Roboter ZMIY wird von dem ukrainischen Start-up Rovertech hergestellt. Es gehört zu einer wachsenden Gruppe junger Unternehmen, die den Krieg von Grund auf revolutionieren wollen – buchstäblich. Sie stellen kleine, unbemannte Bodenfahrzeuge her, die nahe der Front verschiedene Aufgaben erfüllen: Minen räumen zum Beispiel, wie der ZMIY, oder Verwundete aus umkämpften Gebieten evakuieren; Nahrung und Wasser zu den Soldaten bringen; feindliche Stellungen auskundschaften – und immer öfter auch: den Feind töten.

Rovertech wurde 2023 von Borys Drozhak und zwei Freunden gegründet, wie so viele ukrainische Rüstungs-Start-ups aus der schieren Notwendigkeit heraus, die russischen Angriffe mit neuer Technologie abzuwehren. „Mein Freund und Mitgründer, ein Kriegsveteran, sagte zu mir: Es kann doch nicht sein, dass ich händisch das Gras kürzer schneiden muss, um die Kabel zu den Minen zu finden – da muss es einen besseren, einen sichereren Weg geben“, erinnert sich Drozhak. Die Verminung von Gelände stellt die Ukraine seit Kriegsbeginn vor große Probleme: Russland setzt Streumunition, Stolperdrahtminen und Antifahrzeugminen ein. So werden weite landwirtschaftliche und zivile Flächen zur Gefahr für die Soldaten und Menschen, die in ihre Heimat zurückkehren wollen. Rovertech entwickelte den Roboter ZMIY, der mit rotierenden Metallketten auf den Boden schlägt und so gezielt Druck erzeugt. Das ist ausreichend, um nahe Minen zu aktivieren und kontrolliert zu sprengen, und das oft, ohne das Fahrzeug zu zerstören. Gesteuert wird die Mission von einem Soldaten in mehreren Kilometern Entfernung.Vor Kurzem hatte der Roboter einen Gastauftritt in einem Video von Wolodymyr Selenskyj. In dem Clip wählt der ukrainische Präsident große Worte für die Bedeutung solcher kleinen, unbemannten Fahrzeuge: „Die Zukunft ist da auf dem Gefechtsfeld – und die Ukraine schafft sie“, so Selenskyj, hinter ihm ein Arsenal an Drohnen und Robotern. „Zum ersten Mal im Krieg wurde eine feindliche Stellung vollständig durch unbemannte Bodensysteme und Drohnen eingenommen.“ Keine Infanterie, keine menschlichen Verluste auf ukrainischer Seite, erklärt er.Dann schwenkt die Kamera um, filmt kleine und größere Fahrzeuge in grüner Tarnfarbe – auch den ZMIY. Die „Unmanned Ground Vehicles“, kurz UGVs, hätten in den letzten drei Monaten mehr als 22.000 Missionen an der Front ausgeführt, sagt Selenskyj. „In anderen Worten: 22.000 Leben wurden gerettet – weil sich ein Roboter und nicht ein Soldat in die gefährlichste Zone begeben hat.“ Die Botschaft des ukrainischen Präsidenten ist eindeutig: Die Bodendrohnen, sie sind die nächste, prägende Technologie, die der Krieg in der Ukraine hervorbringt.Zahl der Einsätze mehr als verdreifachtAus der Luft sind die Drohnen schon lange nicht mehr wegzudenken. Sie waren die Antwort der Ukraine auf die zahlenmäßig überlegenen Russen und auf ausbleibende westliche Waffenlieferungen. Zunächst wurden sie vor allem zur Aufklärung eingesetzt, um ein detailliertes Lagebild von der Front zu erhalten. Bald kamen Kamikazedrohnen mit Sprengstoff hinzu, die von Piloten auf ihr Ziel gelenkt werden. Auch für die Luftverteidigung, die Abwehr feindlicher Drohnen, sind sie heute unabdingbar, genauso für logistische Zwecke wie den Nachschub an Munition oder Medikamenten.Bodendrohnen sind zwar auch schon lange im Einsatz, aber ihre Verbreitung nimmt erst seit einigen Monaten rasant zu. Zwischen November und März hat sich die Zahl ihrer Einsätze auf ukrainischer Seite mehr als verdreifacht. Das Verteidigungsministerium will allein in der ersten Hälfte dieses Jahres 25.000 weitere Fahrzeuge beschaffen, um perspektivisch die gesamte Logistik an der Front mit Robotern zu bewältigen. Der Boom ist auch damit zu erklären, dass die Bodenroboter erst allmählich an einen Punkt kommen, wo sie technisch so ausgereift sind, dass sie an der Front gut funktionieren. „Panzerung, Traglast, Geschwindigkeit und Reichweite zu vereinen ist sehr anspruchsvoll“, sagt Rovertech-Gründer Drozhak, der laut eigenen Angaben inzwischen knapp 1000 der Geräte an die ukrainische Armee verkauft hat.Das bestätigt auch Marc Wietfeld, Chef von Arx Robotics. Sein Münchner Start-up beliefert die Ukraine schon seit 2022 mit Bodendrohnen zu Aufklärungs- und Transportzwecken. „Die Roboter am Boden sind sehr komplex, sie müssen Wälder, Schlaglöcher, Pfützen überwinden, mit Frost zurechtkommen. Sie sind Minen ausgesetzt, feindlichen Soldaten und ihren Fahrzeugen“, so Wietfeld. Die Drohnen in der Luft müssten nach oben kommen, aber dann sei freier Flug. „Am Boden ist nie freie Fahrt.“Die Brutalität des Kriegs nimmt zuNicht zuletzt erschweren die Hindernisse auch die Kommunikation zwischen dem Fahrzeug und demjenigen, der es aus der Ferne steuert. Die Vernetzung mit anderen Drohnen und zum Fahrer in der Entfernung sei auch heute noch die größte Herausforderung der UGVs – und zugleich die wichtigste Voraussetzung, damit sie im Verbund mit Soldaten und Drohnen in der Luft überhaupt ihre Aufgaben erfüllen können, sagt Drohnenbauer Wietfeld. Nicht nur kann die Verbindung etwa durch physische Barrieren abbrechen, durch Wälder oder Bebauung. Russland versucht selbstredend auch, die Signale zu stören. Hundert Millionen Euro habe Arx bisher in die Entwicklung seiner Roboter gesteckt, die Technologie mehrere Jahre lang in der Ukraine erprobt, sagt Wietfeld. Heute ist die Firma laut eigenen Angaben der größte europäische Hersteller von UGVs außerhalb der Ukraine.Doch der Boom ist auch Ausdruck der zunehmenden Brutalität des Krieges, davon, dass es für Soldaten kaum mehr möglich ist, nahe der Front unversehrt zu bleiben. Die Frontlinie ist eine Todeszone, die sich mit zunehmender Reichweite der Drohnen immer weiter ausdehnt. Schon jetzt ist sie bis zu 20 Kilometer breit. Größere Transportfahrzeuge haben kaum eine Chance, dort unentdeckt zu bleiben, Panzer schon gar nicht. „Die Drohnen zerstören alles, was sich der Front auf fünf bis 15 Kilometer nähert“, sagt David Kirichenko, Analyst der neokonservativen Denkfabrik Henry Jackson Society aus London. „Pick-up-Trucks sind sehr knapp geworden. Es sind kaum mehr genügend Fahrzeuge da, um Nachschub an die Front zu bringen.“ Die Bodendrohnen sind kleiner, und da viele von ihnen elektrisch fahren, haben sie eine geringere akustische und thermische Signatur, wie es im Militärjargon heißt. Sie bleiben also leichter unentdeckt.Noch viel schwerer wiegt für die Ukraine, dass sich auch ihre Soldaten kaum mehr verstecken können. Zum Teil harren sie wochenlang in Stellungen aus, weil sie sonst von russischen Drohnen angegriffen würden. Für die Ukraine sind die Kämpfer das teuerste Gut: „Die Manpower ist sehr limitiert in der Ukraine“, sagt Kirichenko. „Das Land führt einen asymmetrischen Kampf gegen ein deutlich größeres Land.“ Dass die ukrainischen Soldaten in der Unterzahl sind, müssen sie mit besserer Technologie kompensieren. „Eher wird die Ukraine Hunderte Bodenroboter im Monat verlieren als ihre Soldaten.“ Die Ressource Mensch ist endlich, und einen Soldaten auszubilden und auszustatten kostet viel Geld. Und so ist der Einsatz von Bodenrobotern auch das Ergebnis knallharter Kriegsökonomie.Unterstützung bei Logistik und EvakuierungManch einer glaubt, dass der Einsatz von Robotern an Land und in der Luft die Kriege weniger tödlich machen könnte, dass in der Todeszone irgendwann nur noch Roboter gegen Roboter kämpfen. So skizzierte es etwa der Drohnenunternehmer und Ex-Google-Chef Eric Schmidt anfang des Jahres in einem Gastbeitrag für die „Financial Times“. Angesichts der vielen menschlichen Opfer, die der Krieg in der Ukraine weiterhin fordert, scheint das in weiter Ferne. Aber in Ansätzen zeigt sich ein solches Szenario in der Ukraine durchaus. Berichten zufolge werden unbemannte Bodenfahrzeuge seit Ende 2024 im Gefecht eingesetzt. Seitdem nimmt der Erfolg ihrer Einsätze im Verbund mit Drohnen in der Luft stetig zu. „Als Beispiel lassen sich jüngste Operationen ukrainischer Einheiten anführen, bei denen die eigentliche Bekämpfung des Feindes mithilfe von Angriffsdrohnen erfolgte, erst dann wurde die Position von ukrainischen Sturmgruppen gesichert“, sagt Serhii Kuzan, Leiter der Denkfabrik Ukrainian Security and Cooperation Centre in Kiew.Ein Mann steuert ein UGV bei einem Wettbewerb in der Region Lviv.AFPIm Bereich der Logistik und Evakuierung übernehmen die Bodendrohnen schon heute Schlüsselaufgaben. In dieser Rolle ersetzen die Roboter Soldaten in den gefährlichsten Abschnitten der „letzten Meile oder des letzten Kilometers“, erklärt der österreichische Militäranalyst Franz-Stefan Gady. Skeptisch sei er allerdings bei der These, dass Bodendrohnen die Infanterie als solche ersetzen werden. Was sie einzigartig mache, habe sich nicht verändert: „Die Infanterie nimmt Gelände, hält es, unterscheidet auf kurze Distanz in allen Wetterlagen Freund von Feind, kontrolliert Räume und bleibt einsatzfähig, wenn hoch technisierte Systeme oder die Technik insgesamt ausfallen.“ Es komme vielmehr auf die Zusammenarbeit von Mensch und Roboter an.Auch Marc Wietfeld von Arx Robotics hält reine Roboterkriege für unrealistisch. „Diese Überlegung, das Ganze werde irgendwann praktisch ein Computerspiel, die geht nicht auf.“ Krieg sei immer tödlich, egal auf welche Distanz. Mit dem massenhaften Einsatz unbemannter Systeme ist es viel wichtiger geworden, die Kontrollzentren zu treffen anstatt den einzelnen Soldaten mit seinem Gewehr in der Hand, sagt Wietfeld. Damit werden auch Regionen weiter im Hinterland zum Ziel von Angriffen – was auch Zivilisten größerer Gefahr aussetzt.Ist das der Preis, den man zahlen muss, um gegen den Feind zu bestehen? Das ist nur eine ethische Frage, die der breite Einsatz von Robotern im Krieg aufwirft. Noch ist es der Soldat, der das Ziel auswählt, der bestimmt, wessen Leben die Drohne nimmt. Mit Künstlicher Intelligenz könnte irgendwann auch diese Entscheidung von einer Maschine getroffen werden. „Die Entwicklungen hin zu größerer Autonomie der Waffensysteme sind rasant“, sagt Analyst Kirichenko.Er fürchtet eine Zukunft, in der ethische Maßstäbe zu einem militärischen Nachteil werden könnten, weil der Gegner seinen Robotern keine derartigen Grenzen setzt. „Wir haben schon Fälle gesehen, in denen sich russische Soldaten als Zivilisten verkleiden oder ganz normale Autos nutzen, um ukrainisches Gebiet zu infiltrieren“, sagt er. „Soll man dann also die Algorithmen darauf trainieren, auf Zivilisten zu schießen?“ Oder eine russische Stellung zu attackieren, in der sich eine ukrainische Geisel befindet?Zum Einsatz von Robotern im Krieg sind viele solcher Fragen offen, sagt Kirichenko. Es werde Zeit, dass Politiker Antworten finden.