GastkommentarEr träumt von Säuberung und Zensur – die Machenschaften des Medienmoguls Vincent Bolloré sind symptomatisch für das politische Klima in FrankreichDer Milliardär will die Medien und die französische Kulturindustrie beherrschen. Es ist Zeit, ihm Grenzen zu setzen, findet Pascal Bruckner.Pascal Bruckner02.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenGegenseitige Eskalation: Vincent Bolloré während einer Anhörung in der Nationalversammlung in Paris, März 2026.Gonzalo Fuentes / ReutersWir sind uns nur ein einziges Mal begegnet, vor fünf Jahren, zu einer Zeit, als ich noch gar nichts von seiner Existenz wusste: am Strand von Les Graniers in St-Tropez. Ich ging frühmorgens mit einem Freund spazieren, als uns ein Mann in Shorts vor seinem Haus aus der Ferne zuwinkte und uns auf einen Kaffee einlud.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Von dieser Stunde, in der ich mit Vincent Bolloré sprach, ist mir nur eine Erinnerung geblieben: Der freundliche Gastgeber sprach nur von Jesus, von der Kirche, von Ritualen, die verlorengehen, und von seinem Beichtvater Abbé Grimaud, der laut der Zeitung «Le Canard enchaîné» des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verdächtigt wird. Er zeigte uns die drei Häuser, die er um sein eigenes herum hatte bauen lassen, damit seine Kinder Platz haben.Kreml-Propagandistin bei CNewsDer Milliardär verabschiedete sich mit den Worten: «Gott behüte euch!» So viel kirchliche Salbung bei so viel Härte im Geschäftsleben – die katholische Kultur hat uns daran gewöhnt, doch bei Bolloré ist sie wie eine zweite Natur: Er kann einen nur hinterrücks erstechen, wenn er die Evangelien zitiert. Dieser Mann hat viele Liebesabenteuer erlebt, er heiratete die Schwester seiner Frau, sobald die Scheidung von Letzterer vollzogen war, lebte mit der Schauspielerin Anaïs Demoustier zusammen und platziert seine Schützlinge in seinen Fernsehsendern. Unter ihnen Xenia Fedorova, ehemalige Journalistin des Propagandasenders Russia Today, die heute bei CNews arbeitet – als Stimme des Kremls in Frankreich.Auch wenn es manchen Linken nicht passt: Vincent Bolloré ist kein Faschist, sondern ein konservativer Christ aus der Bretagne, der sich von Gott auserwählt fühlt, Frankreich zu retten. Denn das Land schwebt seiner Meinung nach in «zivilisatorischer Gefahr». Das macht ihn vielleicht nicht weniger gefährlich, verhindert aber, dass man in eine aufwieglerische Rhetorik verfällt.Mit einem Vermögen von 10,3 Milliarden Dollar steht Bolloré laut «Forbes» auf Platz 260 der weltweiten Milliardärsrangliste, in Frankreich auf Platz 11. Im Kreis der Superreichen gehört er zu jener eher seltenen Spezies, die Ideen hat. Während sich die meisten französischen Milliardäre, wie François Pinault oder Bernard Arnault, damit begnügen, Künstler zu fördern beziehungsweise über die hohen Steuern zu schimpfen, verfolgt Bolloré mit den von ihm kontrollierten Medien politische und ideologische Ziele.Bolloré und Pigasse, zwei Männer mit MissionSein linkes Pendant in Frankreich ist Matthieu Pigasse, ein antisemitischer Populist, der der Partei La France insoumise nahesteht. Pigasse bezeichnet sich als Punk und sponsert zahlreiche Musikfestivals. Auch er verfolgt im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen ein ehrgeiziges Ziel und träumt davon, die sogenannt progressiven Kräfte zu vereinen.Über seine Holding Combat Médias hält Pigasse unter anderem die Zeitschrift «Les Inrockuptibles» und Radio Nova, das antizionistische Propaganda verbreitet und Stimmung gegen säkulare Muslime macht. Doch im Vergleich zu Bolloré ist Matthieu Pigasse ein kleiner Fisch, sein Vermögen besteht zu gleichen Teilen aus Schulden und Vermögenswerten.Vincent Bollorés Ziel ist es, sein gesamtes Medienimperium in den Dienst der Präsidentschaftswahlen 2027 zu stellen: Über die Zeitung «Journal du Dimanche», über Paris Match, Gala, CNews, Europe 1 und Canal+ will er alles mobilisieren, um den Triumph von Marine Le Pen sicherzustellen. Oder, falls Le Pen am 7. Juli gerichtlich verurteilt und von den Wahlen ausgeschlossen wird, von Jordan Bardella, der gemäss Umfragen schon jetzt auf ein Stimmenpotenzial von 35 Prozent zählen kann.Um dies zu erreichen, muss er alle aus dem Weg räumen, die seinen Ambitionen im Wege stehen. Bei der Übernahme des Fayard-Verlags hat er die Direktorin Sophie de Closets 2023 kurzerhand entlassen. Über seinen Handlanger Nicolas Diat (einen traditionellen Katholiken, der nach Anerkennung giert) öffnete er Fayard für rechte Politiker wie Jordan Bardella, Philippe de Villiers und Nicolas Sarkozy, die allesamt Bestseller veröffentlichten. Aber auch Éric Zemmour, Marion Maréchal Le Pen, Alain de Benoist, der Anführer der alten neuen Rechten, und die bereits erwähnte Xenia Fedorova profitierten von Fayard.Schauspieler protestieren gegen Bollorés MachtDie Rentabilität ist für Bolloré kein Problem, die Ideologie steht an erster Stelle: Der Verkauf von Universal, seinem «Juwel», wird ihm mehrere Milliarden einbringen, er wird keinerlei Liquiditätsprobleme haben, auch wenn es um den Aktienkurs seines Medienkonzerns Vivendi eher schlecht steht. Für die Finanzmärkte gibt es heute einen sehr realen «Bolloré-Abschlag»: Die Investoren hegen Zweifel an seiner Unternehmensführung und bewerten seine Vermögenswerte niedriger, als sie es bei einem anderen Geschäftsführer tun würden.Seit 2023 kontrolliert Bolloré die Hachette-Gruppe, den grössten französischen Verlag, der das gesamte Ökosystem des Buchhandels beherrscht, bis hin zu den Relay-Verkaufsstellen in Bahnhöfen, Flughäfen und Krankenhäusern.Die Bolloré-Affäre begann in diesem Frühling mit der Entlassung von Olivier Nora, dem Geschäftsführer des Grasset-Verlags. Der Rauswurf – «Schmeisst mir diesen Idioten raus», soll Bolloré gesagt haben – provozierte den Weggang von 300 Autoren des Verlags. Darunter die koreanische Nobelpreisträgerin Han Kang und 50 weitere ausländische Autoren. Die Sache hätte kaum ein solches Aufsehen erregt, wenn sie nicht einen Vorgeschmack auf die voraussichtliche Politik des Rassemblement national von Marine Le Pen gegeben hätte, sollte dieser 2027 an die Macht kommen. Es ist eine Generalprobe.Diese Politik hat einen Namen: Säuberung und Zensur. Symptomatisch ist, wie Bollorés Imperium kürzlich am Filmfestival in Cannes auf eine ziemlich lächerliche Petition von Juliette Binoche und anderen Künstlern reagiert hat. Die Petitionäre protestierten gegen die geplante Übernahme der Kinokette UGC durch Bollorés Sender Canal+, der bereits heute die meisten Filme in Frankreich fördert.Sie warnten vor einer faschistischen Gedankenkontrolle, was Maxime Saada, den Vorstandsvorsitzenden von Canal+, zu der Drohung veranlasste, sein Konzern werde nicht mehr mit den Unterzeichnern zusammenarbeiten, die ihn als «Kryptofaschisten» bezeichneten.Die Drohung sorgte für Applaus bei RN-Politikern, die die Linke süffisant daran erinnerten, es gebe keinen Freipass, jene zu beschimpfen, die einen finanzierten.Kritik am öffentlichen RundfunkInzwischen scheinen sich die Gemüter in der Filmbranche beruhigt zu haben. Doch nun gerät auch das Theater in Aufruhr, und in Petitionen wird gefordert, Monopole in den Medien, im Verlagswesen und in der Filmindustrie gesetzlich zu beschränken.Das Problem ist, dass sich in Sachen Inhaltskontrolle und Verbote die Rechte und die Linke nichts schenken: Diejenigen, die bei CNews in jeder Sendung die Voreingenommenheit des öffentlichrechtlichen Rundfunks auf France Inter anprangern – manchmal zu Recht –, vergessen, sich zu empören, wenn Elizabeth Levy, eine Mitarbeiterin von Pascal Praud, von heute auf morgen entlassen wird, weil sie gegen einen Artikel in Bollorés «Journal du Dimanche» protestiert hat, den sie als antisemitisch empfand.Es ist eine gegenseitige Eskalation, in der sich beide politischen Lager zum Verwechseln ähnlich sind. Vincent Bolloré kann denken, was er will, er hat das Recht, Wladimir Putin zu verehren, Frankreich bekehren zu wollen und sich in seinem Umfeld wie ein Despot zu benehmen. Das ist seine Sache. Aber wenn er sich in die Medien, die Presse, das Verlagswesen und das Kino einmischt, um seine Ideen durchzusetzen oder zumindest diejenigen auszuschliessen, die sie nicht teilen, bricht er einen Konsens.Ist es akzeptabel, wenn das in den 1980er Jahren entwickelte Canal+-Modell, das der massiven Finanzierung des französischen Kinos diente, heute von einem privaten Akteur getragen wird, der ohne Kontrolle über die Vergabe dieser Mittel entscheidet?Es ist Aufgabe der Politik und der Medienaufsichtsbehörde, ein System zu überdenken, das anachronistisch geworden ist. Die Kultur ist par excellence der Bereich der Vielfalt und des Pluralismus; sie unter dem Vorwand der Finanzierung kontrollieren zu wollen, bedeutet, sie zu zerstören. Es ist an der Zeit, dass im Parlament ein Gesetz verabschiedet wird, um die Konzentration aller Machtbefugnisse in den Medien in den Händen eines einzigen Akteurs einzudämmen.Umso mehr, wenn derselbe Mann das Monopol auf den französischen Film, einen Grossteil der Presse und des Verlagswesens besitzt und sich für Citizen Kane hält. Um es in Bollorés Duktus auszudrücken: Gott bewahre uns vor den Potentaten!Pascal Bruckner ist Philosoph und Schriftsteller. Er lebt in Paris und gehört zu jenen Autoren, die den Verlag Grasset aus Protest verlassen haben. - Übersetzt aus dem Französischen.Passend zum Artikel