Anthropic meldet seinen Börsengang in den USA an: Die wichtigsten Antworten zum Mega-IPOErst kürzlich wurde Anthropic mit 965 Milliarden Dollar bewertet – höher als Open AI. Nun drängt die Firma hinter dem populären Chatbot Claude an die Börse. Schon im Herbst könnte es so weit sein.02.06.2026, 03.49 Uhr6 LeseminutenAnthropic hat seinen Börsengang bei der SEC angemeldet.Dado Ruvic / ReutersAuf diesen Schritt hat Amerikas Tech-Szene seit Monaten gewartet: Am Montag kündigte Anthropic, für viele die derzeit führende KI-Firma, ihren Börsengang an. Das IPO des mit 965 Milliarden Dollar bewerteten Startups dürfte eines der grössten des Jahres werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.InhaltsverzeichnisWas weiss man über den Börsengang?Was hebt Anthropic von anderen KI-Firmen ab?Wie kommt die hohe Bewertung von knapp 1 Billion Dollar zustande?Mit welchen Problemen kämpft Anthropic zurzeit?Wer wird von einem IPO am meisten profitieren?Was weiss man über den Börsengang?Anthropic teilte am Montag (1.6.) in einer Stellungnahme auf seiner Webseite mit, es habe den Börsengang bei der zuständigen Aufsichtsbehörde angemeldet. Die Firma entschied sich jedoch für eine sogenannte «Confidential Submission», also ein vertrauliches und kein öffentliches Einreichen des Börsenprospekts. Dies ist eine Option, die ursprünglich für kleine Firmen erfunden worden war. Inzwischen nehmen aber immer mehr grosse Unternehmen diese Option in Anspruch, darunter das Raumfahrtunternehmen SpaceX.Eine «Confidential Submission» bedeutet, dass die Finanzzahlen, erwarteten Risiken und Wachstumsstrategien erst kurz vor Börsengang von Journalisten, Analysten und Konkurrenten eingesehen werden können. Den Startups erspart das womöglich negative Schlagzeilen lange vor dem Börsengang. Auch können andere KI-Firmen so aus den Daten noch keine Rückschlüsse auf Anthropics Strategie ziehen.Entsprechend weiss man nur wenig über Anthropics wirtschaftliche Situation. Der Börsengang würde von «Marktumständen und anderen Faktoren abhängen», hiess es in der Mitteilung. Einen angestrebten Termin für den Börsengang gibt es noch nicht. Dieser kann aber frühestens im Herbst erfolgen, wenn nämlich die zuständige Börsenaufsichtsbehörde Security and Exchange Commission die Prüfung der Unterlagen abgeschlossen hat.Neben Anthropic stehen in Amerikas Technologie Szene noch zwei weitere gigantische Börsengänge an: Space X wird am 12. Juni an die Börse gehen. Und auch Open AI strebt einen Börsengang an, zu dem aber noch nichts Genaueres bekannt ist. Denkbar ist, dass die Firma in den nächsten Tagen ebenfalls mit einer «Confidential Submission» nachzieht.Von den dreien ist das fünfeinhalb Jahre alte Anthropic die jüngste Firma. Wie viele andere führende KI-Startups hat Anthropic den Sitz in San Francisco, in einem modernen Bürogebäude an der Shopping-Meile Market Street. Die Firma beschäftigt zwischen 3000 und 5000 Personen gemäss Schätzungen.Was hebt Anthropic von anderen KI-Firmen ab?Anthropic zählt seit der Gründung im Januar 2021 zu den führenden KI-Firmen überhaupt, doch lange konnte es nicht aus dem Schatten des Marktführers Open AI heraustreten. Das änderte sich schlagartig vergangenes Jahr, als die Firma ihren eigenen Chat GPT-Moment hatte: Sie präsentierte die KI «Claude Code» für Programmierer. Seither stellt diese KI die Technologie-Szene der USA auf den Kopf. Denn Claude Code ermöglicht es, ohne Kenntnis von Programmiersprache zu programmieren. Jeder und Jede wird zum Software-Ingenieur.Seit der Lancierung von «Claude Code» sind die Produkte von Anthropic die erste Wahl zahlreicher Tech-Unternehmen im Silicon Valley, was den Umsatz der Firma beflügelt hat. Unter KI-Talenten ist die Firma ausserdem beliebt, weil ihre Gründer, das Geschwisterpaar Amodei, sich als prinzipientreu verkaufen. Sie scheuen im Gegensatz zu anderen KI-Firmen nicht davor zurück, auch öffentlich vor den Gefahren der Technologie für die Menschheit zu warnen – und mehr Regulierung zu fordern.Mit diesem Fokus auf Sicherheit hat es Anthropic geschafft, einige der besten Köpfe der gesamten KI-Branche anzuziehen. Jüngst etwa Andrej Kaspersky, der einst den Rivalen Open AI mitgegründet hatte.Anthropic hebt sich auch dadurch von Konkurrenten wie Open AI ab, dass es weniger den Konsumentenmarkt im Blick hat, sondern sich auf den profitableren Unternehmensmarkt konzentriert. Beispielsweise hat Anthropic kein Produkt im Angebot, das Bilder oder Videos mit KI generieren kann. Stattdessen schult es inzwischen über eine eigene Beratungsfirma Drittunternehmen im Umgang mit KI-Software.Wie kommt die hohe Bewertung von knapp 1 Billion Dollar zustande?Vergangene Woche überholte Anthropic erstmals Open AI als wertvollstes KI-Startup. Gemäss der jüngsten Finanzierungsrunde ist die Firma 965 Milliarden Dollar wert. Open AI hingegen bepreisten Investoren zuletzt mit 830 Milliarden Dollar. Dabei ist die Bewertung von Anthropic im vergangenen Jahr regelrecht explodiert: Mitte Februar bewerteten Investoren die Firma noch mit 380 Milliarden Dollar. Im März 2025 waren es noch 61,5 Milliarden Dollar gewesen.Das sich der Firmenwert innerhalb von 14 Monaten auf bereits hohem Niveau verfünfzehnfacht, ist selbst für Technologie-Startups ungewöhnlich. Man sollte diesen Wert, der letztlich von einem kleinen Kreis an Anthropic-Insidern und ausgewählten Investoren festgelegt worden ist, als Annäherung betrachten, nicht als absolute Wahrheit.Zwar ist der von Insidern und Investoren festgelegte Wert bloss als Annäherung zu betrachten. Doch Anthropic hat immerhin einige Daten publiziert, dank derer sich die Bewertung nachvollziehen lässt: Die Firma gab jüngst an, dass ihr erwarteter Umsatz für 2026 gemessen an der aktuellen Performance bei 47 Milliarden Dollar liege. Vergangenes Jahr waren es noch 10 Milliarden Dollar gewesen. Unklar bleibt allerdings, ob die Firma profitabel ist, da sie auch enorme Ausgaben für Rechenleistung hat.Mit welchen Problemen kämpft Anthropic zurzeit?Die Rechenleistung entwickelt sich zunehmend zum Flaschenhals der Firma. Anthropic baut selbst keine Rechenzentren, sondern kauft sich diese Rechenleistung in erster Linie bei Amazon, Google und zu einem geringeren Teil auch bei Microsoft ein.Das enorme Wachstum der vergangenen Monate scheint aber selbst Anthropic überrascht zu haben: Jüngst musste sie die Token-Kontingente ihrer Kunden drosseln, weil die Anfragen zu viel Rechenleistung verschlungen hatten. Auch deswegen ist Anthropic eine Kooperation mit Elon Musks SpaceX eingegangen, um dessen überschüssige Rechenleistungen nutzen zu können.Überhaupt gelten Anthropics KI-Modell zwar als sehr gut, aber auch als teuer mit Blick auf die Token-Kosten, die sie verschlingen. Besonders trifft das auf das KI-Modell Mythos zu. Dieses verfügt über herausragende Logik- und Programmierfähigkeiten und kann so IT-Schwachstellen autonom finden. Es gilt als so mächtig, dass es erstmal nicht am breiten Markt, sondern nur für eine ausgewählte Gruppe von Nutzern verfügbar ist. Doch wie das Branchenportal «The Information» berichtet, kostet die Verwendung von Mythos noch einmal sechs Mal mehr als das bisher fortgeschrittenste Modell von Anthropic.Wer wird von einem IPO am meisten profitieren?In erster Linie sind das die jetzigen Eigentümer von Anthropic. Man weiss grösstenteils, um welche Personen und Unternehmen es sich dabei handelt. Da Anthropic bisher privat gehalten wird, sind die genauen Anteile aber nicht öffentlich bekannt.Klar ist, dass das Gründerteam rund um die Geschwister Dario und Daniela Amodei zu den wichtigsten Eigentümern gehört. Ein Grossteil dieses Teams hatte zuvor beim jetzigen Konkurrenten Open AI gearbeitet, bevor es 2021 Anthropic gründete.Seither hat Anthropic rund acht Finanzierungsrunden durchgeführt, zu einer stetig wachsender Bewertung. Das heisst: Frühe Investoren konnten zu wesentlich besseren Bedingungen einsteigen. An der ersten Finanzierungsrunde waren beispielsweise der frühere Google-Chef Eric Schmidt, der Skype-Mitgründer Jaan Tallinn oder der IT-Unternehmer Dustin Moskovitz beteiligt, der einst Facebook mitbegründet hatte.Zwei bedeutende Teilhaber sind Unternehmen, die wichtige Lieferanten von Anthropic sind und den KI-Pionier mit Rechenleistung versorgen: Amazon und insbesondere Google, das sich bereits in der dritten Finanzierungsrunde beteiligt hatte. Es gibt Schätzungen, wonach Google bis zu 14 Prozent von Anthropic gehören.Amazon und Google profitieren insofern doppelt vom Anthropic-Börsengang: Erstens gewinnt ihre Beteiligung an Wert, zweitens erhält Anthropic mehr Mittel, um wiederum mehr Rechenleistung zu kaufen. Auch der Chipdesigner Nvidia und Microsoft haben in Anthropic investiert und eine breite Partnerschaft vereinbart, allerdings erst im November 2025 und somit vergleichsweise spät.Darüber hinaus haben sich in den bisherigen Finanzierungsrunden auch zahlreiche Wagniskapitalgeber aus der Tech-Szene und weitere namhafte Investmentfirmen an Anthropic beteiligen können. Sie können dank dem Börsengang auf Milliardengewinne hoffen.Warum ist Tempo jetzt so wichtig?Dass SpaceX etwas schneller an der Börse sein wird als Anthropic, hat Vor- und Nachteile für das KI-Unternehmen. Zum einen wird der IPO des Raumfahrtunternehmens im Juni wichtige Anhaltspunkte geben, wie gross die Risikobereitschaft und Aufnahmekapazität des Kapitalmarkts derzeit tatsächlich ist. Basierend auf diesen Informationen kann Anthropic die eigene Strategie noch anpassen, etwa wie viel Kapital zu welcher Bewertung man aufzunehmen gedenkt.Auch ein zu langes Abwarten birgt aber Risiken: Die Finanzierungsbedingungen am Markt könnten sich wieder verschlechtern. Die Anleger sind zwar sehr interessiert daran, in das Zukunftsthema KI zu investieren, aber sie verfügen nicht über unbeschränkte Mittel. Überspitzt gesagt: Irgendwann ist der Teich leergefischt. Wenn nebst SpaceX auch OpenAI seinen Börsengang deutlich vor Anthropic abschliesse, blieb womöglich weniger Kapital für Amodeis Unternehmen übrig.Passend zum Artikel
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