Was in den tausend Seiten neu publizierter Mandelson-Akten stehtDie E-Mails und Chat-Verläufe zeigen, wie undiplomatisch sich der entlassene britische Botschafter in den USA und seine hochrangigen Gesprächspartner über Premierminister Keir Starmer äusserten. Das ist entlarvend und unterhaltsam, bietet aber wenig Substanz.01.06.2026, 21.50 Uhr4 LeseminutenPeter Mandelson, der frühere britische Botschafter in Washington, am 14. Mai in London.Kirsty Wigglesworth / AP«Du wirst es nicht bereuen, wenn ich zum Botschafter ernannt werde», schrieb Peter Mandelson im November 2024, einen Monat, bevor er den Posten in Washington antrat, dem damaligen Aussenminister und jetzigen Vizepremierminister David Lammy. Es klingt heute wie ein Witz, denn kaum etwas schadete dem Premierminister Keir Starmer letztlich so sehr wie die fatale Personalentscheidung. Mit Spannung ist deshalb am Montag die Veröffentlichung von mehr tausend Seiten Akten rund um Mandelsons Umtriebe in den USA erwartet worden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bereits im letzten Herbst war publik geworden, wie sehr sich Mandelson und der verurteilte Sexualstraftäter Jeffrey Epstein standen, bevor letzterer im Herbst 2019 Suizid beging. Damals wurde auch öffentlich, dass Mandelson Geld von Epstein erhalten und ihm vertrauliche Regierungsinformationen weitergeleitet hatte. Starmer entliess darauf Mandelson nach nur neun Monaten als Botschafter. Der heute 72-jährige Mandelson, der zahlreiche hohe Posten in verschiedenen Regierungen inne gehabt hatte, gab in der Folge auch seinen Sitz im Oberhaus auf und trat aus der Labour-Partei aus. Die Polizei ermittelte wegen Fehlverhalten im Amt und nahm ihn zur Einvernahme vorübergehend fest. Anklage wurde bis jetzt nicht erhoben.Die erste Portion von Dokumenten wurde im März publiziert. Sie offenbarte, dass es beim Auswahlverfahren starke Vorbehalte gegen Mandelson gab und er die Sicherheitsüberprüfung nicht bestand. Starmer sagte, er sei darüber nicht informiert worden und entliess zwei Verantwortliche. Die Opposition wirft Starmer einen massiven Fehlentscheid und Irreführung des Parlaments vor.Das Material rund um Mandelsons Ernennung fehltKönnte es ob bei der jetzigen Aktenfreigabe erneut zu einem politischen Erdbeben oder sogar zum erzwungenen Rücktritt von Starmer kommen? Dagegen spricht, dass die Dokumente, die mit der Ernennung Mandelsons zu tun haben, im aktuellen Konvolut fehlen, da sie noch Gegenstand von Ermittlungen sind. Auch von Starmer selbst gibt es kaum Dokumente. Zudem weigerte sich Mandelson selbst, den Behörden sein Mobiltelefon zur Sicherung von Daten auszuhändigen.Die vorliegenden Akten bestehen aus insgesamt 340 Emails beziehungsweise Email-Verläufen, sowie 56 Whatsapp-Gesprächen, von denen einige aus Hunderten von Nachrichten bestehen. Hinzu kommen 15 Briefe sowie 26 GesprächsnotizenEs sind noch längst nicht alle Dokumente ausgewertet, aber aufgrund von ersten Berichten aus britischen Medien wird klar, dass es sich vor allem um Gespräche zwischen Mandelson und Ministern handelt. Sowohl der ehemalige Botschafter wie auch einige Kabinettsmitglieder äussern sich dabei freimütig und abfällig über Starmer, was noch für einige Unruhe in der Regierung sorgen dürfte. So schrieb zum Beispiel der jetzige Minister für Arbeit und Renten, Pat McFadden, über Gespräche, die er mit andern Labour-Politikern über das Wohlfahrtssystem und öffentliche Ausgaben hatte: «Jedes Treffen handelt davon, wen man besteuern könnte, um anderen dafür Zuschüsse zukommen zu lassen.»Vernichtende Bemerkungen über StarmerVor allem aber spart Mandelson in den Dokumenten nicht mit Kritik an Starmer. In einer Nachricht an McFadden schreibt er über das Kabinett: «Keiner von ihnen weiss wirklich, was Keir denkt oder will. Tatsächlich glauben die meisten von ihnen nicht, dass Keir selbst weiss, was er will.» Und an anderer Stelle: «Es ist immer derselbe Kreis: Vor, zurück, vor, zurück.»Bei anderer Gelegenheit schreibt Mandelson, es fehle der Regierung einfach an Elan, und das beginne an der Spitze. Man müsse aus dem Whitehall System und dem ganzen Schimmel ausbrechen. «Business as usual» reiche nicht. «Ich wage zu sagen, man müsste mehr im risikofreudigen Draufgänger-Stil von Trump handeln.»Einmal schickte der ehemalige Gesundheitsminister Wes Streeting dem Botschafter eine lange Mail, in der er sagte, Israel verübe in Gaza «Kriegsverbrechen vor unser aller Augen». Mandelson äusserte sich kurz darauf, am 25. Juli 2025, folgendermassen darüber in einer Nachricht an McFadden: «Ich habe eine wilde, lange, hysterische Nachricht von Wes über Israel gekriegt... Sie wirft aus meiner Sicht ein sehr unvorteilhaftes Licht auf seine Reife.» Später fügte er hinzu, Streetings Verhalten sei erbärmlich und der Minister erlebe wohl gerade eine frühe Midlife-Crisis.Voyeuristisches Vergnügen, aber wenig SubstanzAndere Nachrichten, die man gerne gelesen hätte, sind zum grossen Teil geschwärzt. So zum Beispiel Mandelsons Überlegungen zu Trumps kontroverser «Big Beautiful Bill» vom letzten Sommer, zu den amerikanischen Zöllen gegenüber Grossbritannien oder zum Plan, das britische Übersee-Territorium der Chagos-Inseln an Mauritius abzutreten, der nach Trumps Einspruch vorderhand eingefroren wurde.Letztlich bleibt trotz dem riesigen Umfang der Briefwechsel das Gefühl von wenig Substanz. Sicher, es ist vergnüglich, durch das Schlüsselloch einen Blick auf die normalerweise verborgene Seite der Weltpolitik zu werfen. Aber eigentlich ist es ja selbstverständlich und menschlich-allzumenschlich, dass sich auch Botschafter und Minister unverblümt und undiplomatisch äussern, wenn sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit kommunizieren – oder es zumindest meinen.Eine Folge der Publikation ist allerdings, dass der polarisierende Mandelson selbst lange nach seinem Abgang noch für Zwietracht sorgt. Nicht umsonst nannte man ihn wegen seiner machiavellistischen Umtriebe «Prinz der Finsternis». Schon jetzt ist das Umfeld von Starmer tief gespalten, was seine Zukunft in der britischen Politik angeht. Nach der Publikation der «Mandelson Files» werden sich die Risse noch weiter ausbreiten.Passend zum Artikel
Tausend Seiten Mandelson-Akten: Wie Spitzenpolitiker unter sich reden
Die E-Mails und Chat-Verläufe zeigen, wie undiplomatisch sich der entlassene britische Botschafter in den USA und seine hochrangigen Gesprächspartner über Premierminister Keir Starmer äusserten. Das ist entlarvend und unterhaltsam, bietet aber wenig Substanz.
Peter Mandelson kritisierte als Ex-Botschafter in Washington PM Keir Starmer in 340 E-Mails und 56 WhatsApp-Chats; tausend Seiten Akten offenbaren Kabinetts-Divisionen. Die Publikation zeigt Governance-Defizite, bleibt aber politisch substanzarm.












