Ein Baustellenschild, ein Bauzaun und eine rote Arbeitsbühne: Es tut sich etwas in Münchens bekanntester Baulücke – der des ehemaligen Uhrmacherhäusls in Obergiesing. Es ist halb zwölf Uhr an einem Tag Ende der vergangenen Woche, als drei junge Bauarbeiter sich auf den Weg zur Mittagspause machen. Die Reste der Wände würden sie abtragen, sagt einer von ihnen, was danach komme, das wüssten sie auch nicht so genau. Wahrscheinlich wundern sie sich ein bisschen über das Interesse. Ist doch nur eine Baustelle, vermeintlich wie jede andere, Tagesgeschäft. Merkur/tz hatten als Erstes berichtet, dass Bauarbeiten im Gange sind.Im September 2027 jährt sich der illegale Abriss des denkmalgeschützten Hauses zum zehnten Mal. Neun Jahre sind es also mittlerweile. Neun Jahre, in denen die Geschehnisse rund um das zur historischen Feldmüllersiedlung gehörende Häuschen zum Symbol für die fortschreitende Gentrifizierung Münchens und der Gier mancher Investoren geworden sind. Neun Jahre, in denen einige Hartnäckige sich, versammelt im Bündnis „Heimat Giesing“, regelmäßig zu Mahnwachen getroffen haben, um an die Zerstörung zu erinnern. Neun Jahre, in denen in der Baulücke nichts voranging, abgesehen davon, dass das Grundstück zuwucherte.Seit fünf Jahren steht nach einem Gerichtsurteil fest, dass der Eigentümer das Gebäude wieder aufbauen muss, so, wie es einmal war. Doch passiert ist nichts – bis zur vergangenen Woche. „Gott sei Dank“, sagt Clemens Geyer, „ich bin froh, wenn es vorwärtsgeht“. Er wohnt direkt gegenüber, bei den Mahnwachen sei er immer dabei gewesen, sagt er. Ob er glaube, dass das Uhrmacherhäusl nun tatsächlich wieder aufgebaut werde? Es sei ja amtlich, dass das geschehen müsse, sagt Geyer. „Ich glaub’ an das Gute.“Das Gute. Nicht jeder hier in Giesing glaubt daran, dass das Uhrmacherhäusl bald wieder steht. „Garantiert wird der das nie aufbauen“, sagt eine ältere Frau, die man vor der Baustelle trifft. „Wie will er das machen, er weiß ja gar nicht, wie es ausgeschaut hat.“ Ein paar Straßen weiter wohne sie, sagt die Frau, sie habe den früheren Eigentümer des Hauses gekannt. Ihren Namen will sie nicht nennen, zu viele würden sie hier im Viertel kennen, und offenbar sollen die nicht wissen, was sie über die Sache denkt.Das Uhrmacherhäusl an der Oberen Grasstraße 1 stand unter Denkmalschutz, es wurde 2017 abgerissen. BLfD/Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege/dpaDabei hat die Stadt den Wiederaufbau bereits 2018 angeordnet. Der Eigentümer Andreas S. klagte dagegen und bekam zunächst wegen eines Formfehlers Recht. Im Berufungsverfahren vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof gewann dann jedoch die Stadt. Seit 2021 ist also klar: Das frühere Handwerkerhaus muss wieder aufgebaut werden, „in äußerlich kubaturgleicher Form und gleichem Erscheinungsbild“, wie es das Rathaus verlangt.Welche Arbeiten sollen nun auf der Baustelle stattfinden, und in welchem Zeitraum? Welche Bebauung ist auf dem Grundstück geplant? Wird das Uhrmacherhäusl, wie gerichtlich angeordet, wieder aufgebaut? All das hätte man gern von Andreas S. gewusst. Auf eine schriftliche Anfrage antwortet der Eigentümer jedoch nicht, wie so oft in den vergangenen Jahren.„Wohngebäude mit zwei Wohneinheiten genehmigt“„Zum Zwecke des Wiederaufbaus des Uhrmacherhäusls an der Oberen Grasstraße 1 wurde ein Wohngebäude mit zwei Wohneinheiten genehmigt“, teilt ein Sprecher des städtischen Planungsreferats auf Anfrage mit. Bei der Vermessung im Zuge der Planung habe sich herausgestellt, dass das Uhrmacherhäusl ursprünglich auch „auf schmalen Streifen der unmittelbar benachbarten Grundstücke stand“. Seither gebe es Verhandlungen zwischen dem Bauherrn und den benachbarten Grundstückseigentümern auf zivilrechtlicher Ebene. „Diese sind noch nicht abgeschlossen, weshalb sich der Wiederaufbau verzögert.“Eine Sorge der Anwohner bezieht sich offenbar auf die geplante Unterkellerung des Gebäudes. Ein von ihnen beauftragtes Gutachten habe ergeben, dass diese die Statik der umliegenden Gebäude gefährden könnte. So schilderte es Albert Cermak der SZ am Freitag. Der Rechtsanwalt unterstützt die Anwohner in der Kommunikation mit Behörden und dem Bauherrn, sein Büro liegt neben dem ehemaligen Uhrmacherhäusl. Demnach sollte der Gutachter am Freitagnachmittag noch einmal zur Baustelle kommen, um den Status quo zu sichern – falls es im Zuge der Bauarbeiten zu Schäden an den Nachbargebäuden kommen sollte.Die Unterkellerung des Anwesens sei „baurechtlich genehmigungsfähig“ gewesen, teilt das Planungsreferat mit. „Die Nachbarhäuser sind ebenfalls unterkellert; baurechtliche Gründe einer Versagung lagen nicht vor.“ Der Eigentümer habe hierfür einen „Standsicherheitsnachweis“ zu führen. Die Lokalbaukommission werde weiterhin Kontrollen durchführen und das Verwaltungszwangsverfahren unter Anwendung der gesetzlich zur Verfügung stehenden Zwangsmittel, „insbesondere Zwangsgelder“, weiterbetreiben, „soweit dies erforderlich ist“.
München: Wird das Uhrmacherhäusl neun Jahre nach dem illegalen Abriss wieder aufgebaut?
In der Baulücke in Giesing sind seit einigen Tagen Bauarbeiten im Gange. Doch der Wiederaufbau könnte sich nochmals verzögern.













