PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1983„Wir wollen rein, wir wollen rein!“, skandierten Lindenberg-Fans in Ost-BerlinStand: 07:13 UhrLesedauer: 5 MinutenUdo Lindenberg am Abend des 25. Oktober 1983 im Ost-Berliner Palast der RepublikQuelle: picture alliance/APEs sollte ein Triumph für die SED werden – und erwies sich als Desaster für die Partei: Udo Lindenbergs Auftritt in Ost-Berlin am 25. Oktober 1983 entwickelte eine ganze eigene Dynamik. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Der „Sonderzug“ durfte nicht fahren am 25. Oktober 1983, jedenfalls nicht der „nach Pankow“. Diesen Song zu singen, war Udo Lindenberg bei seinem Auftritt im Ost-Berliner Palast der Republik ausdrücklich verboten worden. Denn die DDR-Staatssicherheit sorgte sich, dass „Passagen des Textes objektiv geeignet sind, die persönliche Würde eines Menschen grob zu verletzen“. Die Bedenken galten Erich Honecker, Staatsratsvorsitzender und als Generalsekretär der SED der eigentliche Machthaber im anderen deutschen Staat. „Eine Verbreitung des Liedtextes stellt objektiv eine Straftat im Sinne des §139 (3)“ des Strafgesetzbuches der DDR dar, befand die Geheimpolizei.Zwei Monate zuvor, Ende August 1983, hatte sich Lindenberg brieflich an den „Sehr geehrten Herrn Honecker“ gewandt und geschrieben: „Ich möchte im Palast der Republik oder beim Festival des politischen Liedes wie andere Sänger auftreten.“ Obwohl die Stasi intern warnte, genehmigte Honecker einen Auftritt des Hamburger Rockers beim „Friedensfestival“ der Jugendorganisation FDJ in Ost-Berlin, neben beispielsweise dem US-Star Harry Belafonte – sofern er darauf verzichtete, über den „Sonderzug nach Pankow“ zu singen.Da der politisch linksgewirkte Musiker auf eine folgende und grundsätzlich bereits zugesagte Tournee durch die DDR hoffte, war er zu diesem Zugeständnis bereit. SED und FDJ wiederum hofften, den Auftritt politisch zugunsten des Ostblocks ausschlachten zu können. Der West-Berliner WELT-Reporter Hans-Rüdiger Karutz verfolgte das Konzert auf der Pressetribüne und berichtete: „Nach acht Jahren des Wartens durfte Rock-Star Udo Lindenberg in Ost-Berlin auftreten.“Das hatte der bisherige FDJ-Chef Egon Krenz, gerade erst aufgestiegen ins SED-Politbüro, das höchste Machtgremium, ermöglicht – in der Hoffnung, für die DDR einen politischen Stich machen zu können. „Jeder, der für die Sache dabeisein will, ist uns immer gern willkommen“, lobte Krenz vor westlichen Journalisten, einschließlich Karutz. „Die ,Sache‘ war der Frieden“, merkte der WELT-Mann spitz an, genauer: das, was die SED darunter verstand. Ein Großaufgebot der Stasi überwachte die Vorbereitungen zu Lindenbergs Auftritt im Rahmen des Konzerts; alle 4200 Eintrittskarten waren an sorgfältig gesiebte FDJ-Mitglieder vergeben worden und trugen zur Kontrolle deren Personalausweisnummer, damit niemand Unerwünschtes in den Großen Saal des Renommierbaus vorstoßen konnte. „Volkspolizisten“ und ganze Trupps von FDJ-Ordnern in roten und blauen Anoraks hielten die wahren Fans des Sängers vom Veranstaltungsort fern. „Wir wollen rein, wir wollen rein!“, skandierten die bis zu 3000 Ausgeschlossenen – ein Wunsch, der bezogen auf einen Ort in der DDR sonst nur sehr selten zu hören war.Der Gast kam allein, also ohne sein „Panik-Orchester“, und sang brav wie vorher abgestimmt vier Lieder, unter der stilisierten Friedenstaube. „Lindenberg schlug jedoch nicht alles über den ,DDR‘-Friedensleisten“, berichtete Karutz mit den noch bis Juni 1989 bei WELT üblichen Anführungszeichen für den selbstgewählten Namen der SED-Diktatur. Und zitierte: „Weg mit dem Raketenschrott in der Bundesrepublik und in der DDR. Nirgends wollen wir auch nur eine Rakete sehen – keine Pershings und keine SS-20.“ Das war nun gar nicht das, was Krenz hatte hören wollen.Als Lindenberg auf die sowjetischen SS-20 verwies, ertönten aus dem Publikum Pfiffe. Natürlich ließ das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ den Vorgang in seiner Berichterstattung auf der Titelseite des folgenden Tages unerwähnt. Ebenso seinen weiteren Satz: „Die Menschen wollen im Westen wie im Osten überall das Gleiche – sie wollen Frieden und keinen heißen Krieg. Aber sie wollen auch keinen kalten Krieg und keine neue deutsch-deutsche Eiszeit.“Das war wohl zu viel für die Nomenklatura der SED. Jedenfalls wurde die für 1984 geplante Tournee von Lindenberg durch die DDR bald darauf gestrichen. Äußerer Anlass war, dass es zwischen dem neuen FDJ-Chef Eberhard Aurich und dem Chef der Künstler-Agentur der DDR Hermann Falk zum Streit kam. Der Zentralrat der FDJ hatte Lindenbergs Abstecher nach Ost-Berlin eigenmächtig organisiert – und damit im streng durchbürokratisierten Arbeiter-und-Bauern-Staat seine Kompetenz überschritten. Als die Kölschrock-Band BAP im Januar 1984 einen ähnlich zustande gekommenen Auftritt in Ost-Berlin kurzfristig absagte, geriet der FDJ-Zentralrat intern in die Defensive. Man beschloss, dass Rockgruppen aus dem Ausland nur noch auftreten dürften, wenn das mit der offiziellen Künstler-Agentur koordiniert war. „Die vorgesehene Tournee des Udo Lindenberg in der DDR wird nicht stattfinden“, lenkte Aurich in einem Brief an die Stasi ein. Der wirkliche Grund war schlichter: Das Risiko Lindenberg schien nicht kalkulierbar. Und zwar sowohl hinsichtlich dessen, was auf der Bühne geschah („SS-20“) als auch mit Rücksicht auf die Lindenberg-Fans, die am Abend des 25. Oktober 1983 der Volkspolizei und den FDJ-Ordnern vor dem Palast der Republik das Leben schwer gemacht hatten. Daher blieb dieser Auftritt Lindenbergs einziges Konzert in der DDR vor dem Mauerfall.„Lindenbergs Bekenntnis zur Freiheit und zu einem selbstbestimmten Leben faszinierte viele Menschen in DDR“, bilanzierten der langjährige Stasiunterlagen-Beauftragte Roland Jahn und der Historiker Hubertus Knabe 2013: „Es stand in krassem Widerspruch zum Ideal des sozialistisch genormten Einheitsmenschen. Individualismus konnte in der DDR schnell zum Problem werden.“ Daher schienen Konzerte provokanter Künstler aus dem Westen der DDR-Führung leicht als staatsgefährdend – auch ohne den erfrischend frechen „Sonderzug nach Pankow“. Den Udo Lindenberg zum ersten Mal am 6. Januar 1990 live in der DDR zu Gehör bringen durfte, beim ersten Termin einer kurzfristig organisierten Tour mit dem Panik-Orchester in Suhl. Dafür hatte er den Text leicht abgewandelt. Hieß es im Original noch: „Ich hab 'n Fläschchen Cognac mit und das schmeckt sehr lecker / das schlürf' ich dann ganz locker mit dem Erich Honecker“, sang er nun: „Der Whisky, der ist sehr lecker / den trinken wir jetzt ohne den Erich Honecker.“ Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählt unter anderem die SED-Diktatur. Lindenberg-Fan war er nie, aber dennoch gehört der „Sonderzug nach Pankow“ zu seinen Lieblingssongs.