PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1988„Es gehört zur Taktik des Regimes, sorgfältig dosierte Freiräume zu gestatten“Stand: 10:14 UhrLesedauer: 5 MinutenBruce Springsteen am 19. Juli 1988 bei seinem Konzert in Ost-Berlin auf der Radrennbahn WeissenseeQuelle: picture alliance/ZB/Thomas UhlemannAm 19. Juli 1988 versammelten sich so viele Jugendliche in der DDR wie nie zuvor zu einem Rockkonzert: Bruce Springsteen kam nach Ost-Berlin. Die Sehnsucht nach der Welt stellte den Staat bereits infrage. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Das Ende des anderen deutschen Nachkriegsstaates, den die WELT, bis er verschwand, in Gänsefüßchen setzte, hatte viele Anfänge. Am 13. November 1976 gab Wolf Biermann ein Konzert in Köln und wurde ausgebürgert. Udo Lindenberg spielte am 25. Oktober 1983 im Palast der Republik in Ost-Berlin und löste einen Aufruhr aus. Und am 19. Juli 1988 trat Bruce Springsteen in der DDR auf und erklärte, indem er auf Deutsch von seinem Zettel ablas: „Es ist schön, in Ost-Berlin zu sein. Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung. Ich bin hier, um Rock ’n’ Roll für euch zu spielen.“160.000 Eintrittskarten waren für die Radrennbahn in Weißensee verkauft worden. Wie viele in Siebdruckwerkstätten gefälscht wurden, wie viele das Konzert besuchten, indem sie die Zäune niedertrampelten, verliert sich in den Schätzungen zwischen 300.000 und 500.000. Autos stauten sich erstmals auf dem Berliner Ring aus allen Richtungen des Landes. Das größte Konzert der DDR ging auch in die Geschichte ein als größte aller Shows, die Springsteen weltweit jemals gab. Am übernächsten Tag erschien die WELT mit zwei Artikeln dazu auf der Titelseite. Oben rechts im Leitartikel kommentierte Peter Gillies als Chefredakteur das Gastspiel, dem er einen Hauch von Woodstock zugestand.„Bei der FDJ durften Sternenbanner flattern“, staunte eine kleine Reportage unten auf der Seite mit zwei Bildern, die ein solches selbst gemaltes Schild zeigten und zwei begeisterte Volkspolizisten, die dem Star mehr Aufmerksamkeit widmeten als allen staatsfeindlichen Äußerungen. „Der Beifall wird zum Orkan, als Springsteen (geschätzter Jahresverdienst 60 Millionen Dollar) vom ‚Neuen Deutschland‘ als Sänger vorgestellt, ‚der den Jugendlichen in der Welt des Kapitals Hoffnung und Mut zu geben versucht‘, und seine Band ‚Born in the U.S.A.‘ anstimmen. Leuchtraketen steigen in den Himmel und erhellen das Bild der Massenekstase.“Springsteen spielte, sang und sprach vier Stunden lang. Leinwände zeigten ihn allen, die nicht vor der Bühne stehen konnten. Jeder sah das Kreuz, das er als Katholik vor seiner Brust trug. Die Gitarre hielt er wie ein Sturmgewehr. Wer seine Lieder kannte, sie im Lärm verstand und sie sich aus dem Englischen erschließen konnte, bezog sie auf sich, die Lage und das Land. „Lights out tonight“, hieß es in „Badlands“, „trouble in the heartland“. Aber wie schon 25 Jahre vorher John F. Kennedy wollte der Boss, wie man ihn auch im Osten nannte, seine Botschaften auf Deutsch verkünden. Der Chauffeur seines Tourneeveranstalters notierte ihm den Text über den Rock’n’Roll und die Regierungen in Lautschrift. Ursprünglich wollte der Rocksänger den Wunsch äußern, dass alle Mauern fallen mögen. Davon rieten ihm seine Betreuer ab. Er hoffe, sprach er, „dass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden.“ Für eine barrierefreie Welt, ein Diplomat in Lederweste. Aus der zeitversetzten Fernsehübertragung wurden Springsteens Hoffnungen herausgeschnitten.Das größte Konzert im deutschen Osten hatte eine Vorgeschichte: 1987 war der ehemalige Wahlberliner David Bowie auf der Wiese vor dem West-Berliner Reichstag aufgetreten. Auch er hatte einen Gruß auf Deutsch verlesen: „Wir schicken unsere besten Wünsche zu unseren Freunden, die auf der anderen Seite der Mauer sind.“ Die Freunde auf der anderen Seite hörten zu und wurden dafür von der Polizei verprügelt. 1988 spielten Michael Jackson und Pink Floyd am Reichstag – und die FDJ veranstaltete auf der Radrennbahn in Weißensee ihren „Berliner Rocksommer“ mit eigenen Gästen aus dem Westen, mit Bryan Adams und James Brown. Über der Bühne hingen Banner gegen die Apartheid und gegen Atomraketen. Katarina Witt sagte die Weltstars sächselnd an, als Eiskunstlauf-Olympiasiegerin und als schönstes Gesicht der SED. Das Volk buhte, beschimpfte und bewarf sie. Nie wurde ein Würdenträger in der DDR öffentlich so gedemütigt.Es brach vieles zusammen an den Sommerabenden von 1988. Die Hoffnung des Staates, die verlorene Jugend sei noch zu gewinnen durch eine Art Perestroika in der Popkultur, und auch der Irrglaube der Jugend, wenn James Brown den Staat besucht, wäre er noch zu retten. Als Bruce Springsteen einen Monat später sein Konzert in Weißensee gab, stand zwar auf den Eintrittskarten noch „Konzert für Nikaragua“ für damals stolze 19,95 Mark der DDR. Die Bühnenbanner mit der Aufschrift „Nikaragua im Herzen“ ließ der Gast aus Feindesland aber kurzerhand abhängen. Er sang „Born in the U.S.A.“, und junge Frauen in blauen Hemden auf den Schultern ihrer Freunde sangen mit und klatschten dazu in die Hände. Es ging ihnen auch nicht um Amerika. Es war ein Heimweh nach der Welt, und diese Welt war eine Nacht lang in der DDR zu Gast. Das Fundament der Mauer wurde brüchiger, als auch die Freie Deutsche Jugend in „Born in the U.S.A.“ einstimmte, eine der globalen Hymnen in den Achtzigerjahren. Als würde sich eine Masse ihrer Macht zum ersten Mal bewusst. Und nichts geschah: Die freiwilligen Ordner und Volkspolizisten hingen, wie die WELT erkannte, einem Sänger an den Lippen, der vom anderen Leben sang. Die Stasi legte einen schmalen Aktenordner zum Konzert an, in dem nicht mehr stand, als dass ein Sänger sein Musikhandwerk beherrscht und dass seine Besucher mit ihm ihre Freude hatten.„Es gehört zur Taktik des Regimes, sorgfältig dosierte Freiräume zu gestatten, wobei mit jeder Öffnung Grenzüberschreitungen umso strenger geahndet werden. Wegen der ideologischen Reinheit wurde Millionenverdiener Springsteen auch noch als Mann aus der Arbeiterklasse dargestellt, der den Untergang des Kapitalismus und das Leid der Unterdrückten (in Amerika) besingt. Es schien nicht so, als habe diese Einkleidung des Rock die Jugendlichen beeindruckt“, schrieb Peter Gillies in der WELT am 21. Juli 1988, und darüber, was die DDR-Jugend nach Weißensee zog: „Hunger nach jenem Lebensgefühl, das sie in Kalifornien oder New York vermuten und im Sozialismus vermissen, nach ‚Normalität‘, die von Politikern beschworen wird, aber nicht real existiert. Aus Tonbändern und Filmen kann man es herausschneiden, aus Herzen nicht.“ Im Jahr darauf fiel die Barriere in Berlin, im übernächsten Jahr war auch ihr Staat Geschichte.Der Autor verschaffte sich am 19. Juli 1988 ohne Eintrittskarte Zutritt zum Konzertgelände und lernte, Bruce Springsteen zu lieben, auch wenn er dessen Rockmusik nicht mochte.
Bruce Springsteen in Ost-Berlin: Sein Konzert elektrisierte die DDR-Jugend - WELT
Am 19. Juli 1988 versammelten sich so viele Jugendliche in der DDR wie nie zuvor zu einem Rockkonzert: Bruce Springsteen kam nach Ost-Berlin. Die Sehnsucht nach der Welt stellte den Staat bereits infrage. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.







