Er sucht die Grenzen und kämpft mit schönen Gedanken gegen den Atemreiz: wie Christian Langer vom Eishockeyprofi zum Freitaucher wurde Einst glitt Christian Langer, 56, über das Eis – heute taucht er unter Wasser. 1997 holte er mit dem SC Bern den Meisterpokal. Dreissig Jahre später ist er Schweizer Meister und Weltmeister im Tauchen ohne Luftzufuhr.Nadine Gerber01.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenChristian Langer im Hallenbad Langnau am Albis. Er trainiert täglich ein- bis zweimal: Freitauchen, Aikido, Yoga und Krafttraining.Dominic Nahr / NZZEs sieht elegant aus. Dynamisch. Christian Langer ist vom Beckenrand aus fast nicht sichtbar – in seinem schwarzen Neoprenanzug und mit der riesigen Monoflosse zieht er im Hallenbad Langnau am Albis Bahn um Bahn. Ohne aufzutauchen. Kein Spritzen, lediglich beim Wenden verursacht er leise Wellen auf der Wasseroberfläche. Ein Gewicht, das er um den Nacken gelegt hat, hält ihn in seiner horizontalen Position stabil.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei den Pool-Schweizer-Meisterschaften im März tauchte Christian Langer in über drei Minuten 219 Meter weit. Rekord. In der Schweiz kann dem 56-Jährigen, der in Bäch bei Wollerau (SZ) lebt, keiner das Wasser reichen – um dabei zu bleiben. Insgesamt hält Christian Langer derzeit zehn Schweizer Rekorde. Bei den beiden letzten Weltmeisterschaften im Tieftauchen wurde er mit einer Tiefe von 92 Metern in der Kategorie der 50- bis 60-Jährigen zweimal Weltmeister.Es ist Christian Langers zweite Spitzensport-Karriere. Die erste lancierte er 1994 so richtig, als er mit dem Schlittschuhclub Rapperswil-Jona zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Nationalliga A aufstieg. Drei Jahre später wurde Langer mit dem SC Bern Schweizer Meister. Zum Hockey kam er damals aus Zufall, wie er nach dem Training bei einem Gespräch erzählt. «Ich habe relativ spät angefangen, mit sieben oder acht. Damit käme man heute wohl nicht mehr weit.»Eishockey lange verdrängtNach weiteren Stationen in Frankfurt und Chur trat er 2001 vom Eishockeysport zurück. «Das war nicht einfach. Ich war verletzt, fand keinen gemeinsamen Nenner mit dem Trainer. Dazu war ich gerade Vater geworden und sollte mein Studium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich endlich abschliessen.» Damals habe der Rücktritt mit 32 Jahren für ihn gestimmt – im Nachhinein denkt Langer, er hätte gerne noch weitergemacht. «Fünf Jahre lang hat mich das Hockey nicht mehr interessiert», sagt er. Erst dann habe er wieder einen Zugang gefunden und sei ab und zu mit seinen Kindern aufs Eis gegangen. «Da kam mein Lachen zurück.»Je länger diese Karriere zurückliege, desto mehr erinnere er sich an die schönen Zeiten. «Als Fribourg jetzt Meister wurde, durchlebte ich meine eigenen Emotionen von damals neu. Unser Leben ist ein Fluss. Alles kommt im richtigen Moment, und alles hat einen Anfang und ein Ende.»Der Athlet in Langer lebte weiter. Er fand zur Kampfkunst Aikido, in welcher er den 4. Dan hält; in Wald (ZH) führt er mit einem Freund ein eigenes Dojo. Später entdeckte er seine grosse Leidenschaft, das Freitauchen. Während eines Ferienaufenthalts 2010 in Ägypten erblickte er beim Schnorcheln eine Schildkröte. Das Tier hatte keine Angst, schwamm nicht weg, und Langer konnte es unbehindert beobachten – bis ihm eben die Luft ausging. «Dieser Moment war für mich so wertvoll und einmalig, dass ich dachte, ich möchte das vertiefen.»Bei seinen Recherchen stiess er auf die Sportart Freitauchen. Er absolvierte einen ersten Kurs, ebenfalls in Ägypten – und fühlte sich zurückkatapultiert in seine Zeit als Hockeyprofi. «Wir gingen morgens um acht ins Wasser, hatten Theoriekurse, machten Atemübungen. Abends um zehn kippten wir todmüde ins Bett. Ich habe das Eishockeyfeeling von früher wieder gespürt.» Ein Jahr später lernte er beim Freitauchen seine heutige Partnerin Moky kennen. Die Leidenschaft verbindet das Paar seit fast fünfzehn Jahren.«Das Hirn ist ein Gewohnheitstier»Langer, der Teilzeit als Qualitätsmanager bei Implenia arbeitet, fing an, erste Wettkämpfe zu bestreiten – kam immer tiefer, immer weiter. «Ich war nicht einmal so schlecht, und plötzlich stand ich mit einem Bein drin im Leistungssport.» Ihn begeistern am Freitauchen das Zusammenspiel und die Verbindung zwischen Geist und Körper. «Ich versuche, die Grenzen zu erleben, herauszufinden, wie weit ich gehen kann, und die Grenzen zu verschieben.» Negative Gedanken muss er während eines Tauchgangs verdrängen. «Wenn ich nach 25 Metern denke, ich habe keine Lust, dann komme ich nicht weit. In diesem Moment muss ich den inneren Schweinehund überwinden.»Im Pool ist der Weg, aufzugeben, genau fünfzig Zentimeter weit – die Distanz zur Wasseroberfläche. «Die erste Hälfte des Tauchgangs fühlt sich schön an, man gleitet, spürt das Wasser und noch keinen Atemreiz. Dann kommt eine Phase, wo es anfängt, weh zu tun. Das ist überall so, auch bei einem Marathonläufer oder einem Velofahrer. Da muss man sich überwinden, sich sagen, ich bin heute bereit dazu, ich akzeptiere diese Gedanken, den Atemreiz und die brennenden Beine.»Christian Langer beim Freitauchen. 92 Meter Tiefe sind sein persönlicher Rekord.PDChristian Langer nennt drei Bereiche, die helfen, die Dauer des Luftanhaltens zu verlängern. «Der erste Schritt ist, zu verstehen, dass man nicht atmen muss, weil der Sauerstoff im Blut zu Ende ist. Wir denken, wir sterben, weil wir keinen Sauerstoff mehr haben. Das stimmt nicht – wir wollen atmen, weil unser Hirn ein Gewohnheitstier ist, das sagt, du musst jetzt wieder atmen. Wenn man das nicht macht, sagt das Hirn, dass ihm etwas fehlt.» Diesen Mechanismus gelte es zu überlisten.Dann helfe der Gedanke an etwas Schönes: «Wenn man im Winter ohne Jacke an einer Bushaltestelle steht, sind fünf Minuten eine lange Zeit. Beim ersten Date mit einer tollen Person gehen fünf Minuten dagegen schnell vorbei.» Im Training versuche er, den Atemreiz mit Einheiten auf hohem Niveau und kurzen Pausen immer länger auszuhalten. Dazu sei es wichtig, die körperliche Fitness zu erhöhen. «Je fitter der Körper ist, desto höher ist die Sauerstoffkapazität, und man kann die Luft länger anhalten.»Ihm helfe auch seine mentale Gelassenheit, die er vom Eishockey mitgebracht habe. «Wenn ich vor einer Schweizer Meisterschaft stehe und weiss, ich will meinen Titel verteidigen, macht das Druck und erzeugt negative Energie. Man muss einen Weg finden, das loszulassen. Nur so kann man den Moment geniessen und das Beste geben.»Irgendwann erreicht auch ein Rekordtaucher seine Grenze. «Dann fällt der Körper in einen Schutzmechanismus, er stellt die Muskeln ab, fällt in einen Ruhemodus. Wir nennen das ein Blackout, man wird ohnmächtig. Das klingt schlimmer, als es eigentlich ist, denn wir tauchen immer mit den notwendigen Sicherheitsvorkehrungen.» Ihm sei das noch nie passiert – «zum Glück, es gibt eine kurze Phase vorher, wo man die Bewegungen nicht mehr kontrollieren kann. Dann weiss man: Jetzt ist man zu nah am Limit.»Plötzlich sieht er Farben«Come up with a smile», lautet Christian Langers Motto. Er will nicht nur erfolgreiche Tauchgänge erleben, sondern dabei auch ein gutes Gefühl haben. Und denken, es wäre noch etwas mehr möglich. In den letzten zwei Jahren machte er neue Erfahrungen bei seinen Tauchgängen: «Hinter meinen geschlossenen Augen war plötzlich alles blau. Zuerst hatte ich Angst. Später habe ich gelesen, dass manche Menschen in hochkonzentrierten Zuständen Farben sehen, etwa Musiker oder Mathematiker. Man nennt dies Synästhesie.» Er komme in einen meditativen Zustand – das passiere allerdings nur beim Tieftauchen. «Im Pool ist mir das bisher nicht gelungen.»Das Thema mentale Stärke interessierte ihn bereits als Eishockeyprofi. «Doch erst jetzt habe ich es richtig verstanden. Mentale Stärke fängt lange vor den Tauchgängen an. Ich stelle mir vor, wie ich den Moment liebe, ihn schön finde, mich freue, nicht nervös sein muss. Ich habe eine innere Zuversicht, werde ruhig. Höchstleistungen werden über Emotionen gesteuert. Und Emotionen haben eine körperliche Reaktion. Wenn ich traurig bin, weine ich. Die Kunst ist, sich über Gedanken in den Zustand zu versetzen, den man erreichen will.»WM ohne AlterskategorienFür seine Erfolge trainiert Christian Langer täglich ein bis zwei Mal – Schwimmen im Triathlonklub, Freitauchen, Aikido, Yoga und Krafttraining. 92 Meter waren sein bisher tiefster Tauchgang. Bei 136 Metern liegt der Weltrekord. Da sind die jüngeren Taucher dem 56-Jährigen voraus.Am 2. Juni startet in Budapest die Pool-Weltmeisterschaft. Es gibt keine Unterschiede zwischen den Alterskategorien, und Langer weiss, für eine Medaille wird es nicht reichen. Ein Platz unter den besten zwanzig ist sein grosses Ziel. Vor allem möchte er aber perfekte Tauchgänge erleben und die Grenzen noch ein Stück weit verschieben.Christian Langers Augen leuchten – egal, ob er übers Eishockey oder übers Freitauchen spricht. Er identifiziert sich bis heute mit beidem. Doch seine Sportlerkarrieren könnten unterschiedlicher nicht sein. Das harte, schnelle, kämpferische Hockey und das sanfte, ruhige Freitauchen. Wie passt das zusammen? Langer lacht und erwidert: «Wie passen Yin und Yang zusammen?»Im Januar 2026 wurden die Spieler der Aufstiegsmannschaft 1994 der Rapperswil-Jona Lakers vom Klub gewürdigt – auch Christian Langer.Thomas OswaldPassend zum Artikel
Christian Langer: vom Eishockeyprofi zum Freitauch-Champion
Einst glitt Christian Langer, 56, über das Eis – heute taucht er unter Wasser. 1997 holte er mit dem SC Bern den Meisterpokal. Dreissig Jahre später ist er Schweizer Meister und Weltmeister im Tauchen ohne Luftzufuhr.






