Video «NZZ Standpunkte»«Dieser Sommer wird damit enden, dass die Deutschen mehr arbeiten»Nicht mehr lange, und die Regierungskoalition zwischen Union und Sozialdemokraten unter Kanzler Friedrich Merz könnte der Vergangenheit angehören, sagt die Journalistin und Buchautorin Mariam Lau. Oder kommt doch sehr bald schon alles anders?Melchior Poppe01.06.2026, 05.30 UhrNiemand könne sagen, wie lange die Regierung Friedrich Merz noch bestehen werde, sagt die «Zeit»-Journalistin Mariam Lau in NZZ Standpunkte. «Es fühlt sich so an, als könnte die Koalition praktisch jede Minute zerbrechen. Man kann sich ganz leicht eine Situation vorstellen, in der ein Wort das andere gibt, und plötzlich geht die SPD aus der Regierung oder die CDU wirft sie raus.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Beide Parteien seien verzweifelt und würden deshalb auseinanderstreben. «Da sind Fliehkräfte am Werk, nicht nur von aussen», sagt Lau. «Bei den Sozialdemokraten sind viele erfahrene Leute raus, die mit Koalition und Kompromissen aufgewachsen sind. Dafür sind Leute gekommen, die ganz andere Biografien haben, und die sich unter SPD pur etwas anderes vorstellen.»Bei der CDU sei es genauso. «Da sind 65 von 208 Leuten im letzten Jahr in den Bundestag gekommen, die Generation Merz, die Generation Linnemann. Und die haben gehofft, dass mit diesem Kanzler der Schalter umgelegt wird – und die jetzt mit ihrer Enttäuschung leben müssen»: Die Enttäuschung darüber, dass Merz sein Versprechen, keine Schulden zu machen, gebrochen hat.Allerdings äussert Lau ein gewisses Verständnis für den Kurs des Kanzlers. Denn die Investitionen in die Verteidigung und in die Infrastruktur – «ohne Schulden wäre das nicht zu machen gewesen». Gleichzeitig habe die CDU mit einer Lebenslüge aufräumen müssen, nämlich dem Zusammenbruch des deutschen Geschäftsmodells: «billige Energie aus Russland, die Verteidigung aus den USA, der Absatzmarkt in China – das ist alles kaputt.» Die SPD sowieso, aber auch die CDU habe sich in die Tasche gelogen darüber, was das bedeuten würde – und dies schon in der Ära Merkel.«Merz sieht Deutschland und Europa im Fadenkreuz der Autoritären»Merz hingegen rechnet Lau an, dass er die vielleicht grösste Gefahr erkannt habe, in der wir uns befänden: «Merz sieht Deutschland und Europa im Fadenkreuz der Autoritären. Und er arbeitet unter Zeitdruck: wir müssen so schnell wie möglich resilient werden.» Diesem Anspruch werde Merz gerecht, indem er der Aufrüstung alles andere untergeordnet habe. Und deshalb sei eine gewisse Trägheit bei den anderen Reformen akzeptabel. Bis jetzt jedenfalls, denn nun sei auch dort ein höheres Tempo dringend notwendig.Allerdings ist Merz dafür auf die SPD angewiesen. Und an deren gutem Willen hat Lau Zweifel. «Ich bin zum Beispiel nicht sicher, ob die Priorität Wirtschaftswachstum wirklich auch die der SPD ist, und das müsste sie ganz klar sein.» Lau hegt den Verdacht, dass die Sozialdemokraten in den «Antifa-Modus» geschaltet hätten und Sozialleistungen versprechen würden, um das weitere Erstarken der AfD zu verhindern – «was ich für eine komplette Fehleinschätzung halte».Gleichwohl will Lau nicht ausschliessen, dass sich die Koalitionspartner doch noch auf gemeinsame Nenner einigen werden, bei den Renten etwa oder bei einer Gesundheits- und Pflegereform. Das seien «alles Sachen, die politisch nicht ganz einfach sind» und deshalb ihre Zeit bräuchten, zumal so lange nichts gemacht worden sei. Lau rechnet sogar mit einigen grossen Veränderungen in absehbarer Zeit: «Dieser Sommer wird damit enden, dass die Deutschen mehr arbeiten», prophezeit sie. Sowohl die Wochenarbeitszeit als auch das Renteneintrittsalter dürften Lau zufolge angehoben werden.«Merz ist der erste Kanzler, den wir mehrfach weinen sehen»Ob allerdings Friedrich Merz der Richtige dafür ist, solche Veränderungen der Bevölkerung zu verkaufen, daran hegt Lau Zweifel. «Friedrich Merz sieht es nicht ein, um Leute zu kämpfen. Das ist wirklich ein Problem seiner Kanzlerschaft.» Mit den Leuten meint Lau einerseits die Mitglieder seiner Partei, genauso aber die Bürger «da draussen im Land».Merz wolle offenbar nicht um Leute werben. «Seine Herzlichkeit kommt entweder aus der Situation oder eben gar nicht», sagt Lau – obwohl sie ihn in kleineren Runden schon ganz anders erlebt habe. Merz sei sogar «der erste Kanzler, den wir mehrfach weinen sehen».Tatsächlich sei nichts verkehrter, als das von seinen politischen Gegnern gezeichnete Bild von Merz als abgebrühtem Zocker. «Er ist wahnsinnig impulsiv. Und vor allen Dingen fehlt ihm die Kälte, die zum Beispiel Merkel hatte, als sie dafür gesorgt hat, dass er nicht Kanzlerkandidat wurde.»Nun ist Merz doch noch Kanzler geworden. Und er wird sich beweisen müssen, soll das politische Deutschland nicht noch weiter ins Chaos abdriften. «Vielleicht geht es mit der Koalition tatsächlich nicht mehr vier Jahre», so Lau. «Aber ich würde mal sagen: lassen Sie uns den Sommer abwarten und die Landtagswahlen. Und dann wird sich sowieso alles noch mal neu rütteln.»Passend zum Artikel
Ist Friedrich Merz am Ende, oder kommen jetzt Reformen ohne Ende? Mariam Lau im Interview
Nicht mehr lange, und die Regierungskoalition zwischen Union und Sozialdemokraten unter Kanzler Friedrich Merz könnte der Vergangenheit angehören, sagt die Journalistin und Buchautorin Mariam Lau. Oder kommt doch sehr bald schon alles anders?










