Schweigen gilt künftig als Zustimmung: Die Taliban erlauben die Kinderehe und erschweren Frauen die ScheidungUnter dem islamistischen Regime in Afghanistan werden die Rechte der Frauen immer weiter eingeschränkt. Ein neues Dekret erlaubt es nun Vätern, ihre Töchter noch vor der Pubertät zu verheiraten. Eine Scheidung ist für Frauen nahezu unmöglich.01.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSeit der Machtergreifung der Taliban dürfen Frauen kaum noch ausserhalb ihres Hauses arbeiten. Vielen bleibt da nur die Heirat, doch ist die Ehe einmal geschlossen, ist eine Scheidung fast unmöglich.APWer schweigt, stimmt zu. Dies gilt künftig für alle Kinderehen in Afghanistan. Gemäss einem neuen Dekret der Taliban-Führung wird es als Zustimmung gewertet, wenn ein Mädchen bei Erreichen der Pubertät nicht Einspruch gegen eine zuvor geschlossene Ehe erhebt. Auch gilt es als Zeichen des Einverständnisses, wenn ein Mädchen bei einem Heiratsantrag schweigt. Ein Mädchen könnte zu schüchtern sein, um öffentlich einem Heiratsantrag zuzustimmen, sagte der Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid der «New York Times» zur Erklärung. «Daher wird ihr Schweigen als Zustimmung betrachtet.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit dem neuen Dekret werden Kinderehen implizit legalisiert. In dem Erlass, den das Justizministerium des Taliban-Regimes am 14. Mai veröffentlichte, geht es in erster Linie um die Bedingungen, unter denen Frauen eine Scheidung beantragen können. Unter Artikel 5 heisst es: «Bei Erreichen der Pubertät hat eine Minderjährige die Option, eine Ehe aufzulösen», die ein Familienmitglied zuvor für sie geschlossen hat. Solche Kinderehen gelten also nicht als ungültig, die Betroffenen haben lediglich das Recht, ihre Annullierung zu beantragen.Der Prozess für eine Scheidung ist so komplex, dass kaum ein Mädchen ohne externe Unterstützung diesen Weg gehen wird. Gemäss der islamischen Hanafi-Rechtsschule, die unter den Taliban gilt, kann ein Mann ohne jede Formalität die Scheidung von seiner Frau erklären. Eine Frau dagegen muss vor Gericht gehen, um die Scheidung zu beantragen. Erfüllt sie die Bedingungen, muss sie eine Mediation durchlaufen, und am Ende benötigt sie die Einwilligung des Mannes.Ein weiterer Schritt zur Entrechtung der FrauenDie Uno-Mission in Afghanistan (Unama) kritisierte, das neue Taliban-Dekret sei ein weiterer Schritt zur Erosion der Rechte von Frauen und Mädchen in Afghanistan. Es ordne sich ein in eine lange Reihe von Massnahmen zur Einschränkung der Frauenrechte seit der Rückkehr der Taliban an die Macht 2021. Mit dem Erlass werde die Diskriminierung weiter institutionalisiert und ein System verfestigt, das Frauen und Mädchen ihre Autonomie nehme und ihren Zugang zur Justiz verwehre, mahnte die Unama-Leiterin Georgette Gagnon.Unter den Taliban sind die meisten Fortschritte rückgängig gemacht worden, die Frauen während der Zeit der Republik von 2001 bis 2021 erreicht hatten. Heute dürfen Mädchen nur noch die Grundschule besuchen, der Zugang zu Sekundarschulen und Universitäten ist ihnen verwehrt. Das Haus dürfen sie nur noch in Begleitung eines männlichen Verwandten verlassen. Die Arbeit für NGO ist ihnen untersagt, und auch sonst dürfen sie nur noch wenigen Berufen nachgehen.Das neue Strafgesetzbuch, das die Taliban Anfang des Jahres veröffentlichten, erlaubt es Männern, ihre Ehefrauen zu züchtigen. Zwar hat dies Grenzen, doch sind die Strafen bei schwerer Misshandlung mild. So drohen einem Mann, der seine Frau verprügelt, maximal fünfzehn Tage Haft. Wenn er eine andere Person verprügelt und verletzt, kann er dagegen bis zu sechs Monate Gefängnis erhalten. Verlässt eine Frau ihren gewalttätigen Ehemann, drohen ihr drei Monate Haft.Scheidungen sind in Afghanistan mit Scham besetztWie die Forscher des Afghanistan Analysts Network (AAN) kürzlich in einer Studie schrieben, ist es unter den Taliban sehr viel schwieriger für Frauen geworden, eine Scheidung zu erreichen. So ist einer Frau die Scheidung gemäss der geltenden Hanafi-Rechtsschule nur unter drei Bedingungen erlaubt: wenn ihr Mann unheilbar krank oder impotent ist, wenn sie sich mit ihm auf eine finanzielle Abfindung geeinigt hat oder wenn er sie verlassen hat und das Alter von 120 Jahren erreicht hat, so dass man annehmen kann, dass er tot ist.Die Autorinnen der Studie schreiben, für Frauen seien nicht nur die rechtlichen, auch die gesellschaftlichen Hürden für eine Scheidung enorm. Für den Vater des Bräutigams sei die Hochzeit die wohl grösste Ausgabe seines Lebens: So müsse er nicht nur für das Hochzeitsfest aufkommen, sondern auch ein Brautgeld an den Vater der Braut entrichten sowie der Braut die Mitgift zahlen, die sie für den Fall des Todes des Mannes oder einer Scheidung absichern soll.Meist handelt es sich bei der Mitgift («mahr») um Geld, oft ist es aber auch Schmuck oder ein Stück Land. Wenn nicht der Mann sich scheiden lässt, sondern die Frau die Scheidung beantragt, muss sie meist im Zuge einer Abfindung auf ihre Mitgift verzichten. Weil eine Hochzeit so hohe Kosten hat, ist eine Scheidung für Männer, aber erst recht für Frauen mit Scham besetzt. In vielen Gesellschaftsgruppen sei Scheidung praktisch nicht existent, schreiben die Autorinnen der Studie.Der Druck zu heiraten ist für Frauen hoch in Afghanistan. Dies gilt erst recht, seitdem Frauen nicht mehr studieren oder arbeiten dürfen. Viele Familien drängen ihre Töchter, früh zu heiraten. Zumindest sind sie dann versorgt, denken sich die Eltern. Grosse Teile der Bevölkerung sind seit der Machtergreifung der Taliban in Armut versunken. Vielen jungen Frauen bleibt da keine andere Wahl, als sich auf eine Ehe einzulassen. Ist die Ehe erst einmal geschlossen, sind sie dort gefangen.Passend zum Artikel
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