Diese Schnurrbärte sind Gesamtkunstwerke: Die britische Serie «Rivals» feiert erneut die achtziger JahreDie zweite Staffel der knalligen Mediensatire elektrisiert das Vereinigte Königreich. Nicht nur Queen Camilla ist hellauf begeistert, auch eine Supermarktkette.Marion Löhndorf, London01.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Schnurrbärte der Männer sind Gesamtkunstwerke. Hier: Declan O’Hara, gespielt von Aidan Turner.Robert Viglasky / Disney+Sie benehmen sich ekelhaft, lächerlich und bleiben endlos unterhaltsam dabei. Aber wenn sie sich gerade nicht gegenseitig umbringen wollen, geht es den Bewohnern der fiktiven Grafschaft Rutshire prächtig. In der Welt der Serie «Rivals» zeigt sich das ländliche Grossbritannien – eine Disney-Version der heute wieder so beliebten Hügellandschaft der Cotswolds – von seiner besten Seite.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Strassen haben keine Schlaglöcher, die Menschen sind schön und ihre Champagnergläser immer gefüllt. Rutshires Schickeria der Thatcher-Jahre amüsiert sich mit Sex, Fasanen-, Fuchsjagd, Tennis und Polo. «Rivals» basiert auf Romanen der Bestsellerautorin Jilly Cooper, der «Rutshire Chronicles»-Reihe aus den achtziger Jahren, und eben wurde auf Disney die zweite Staffel aufgeschaltet.Genuss, Gier und sexuelle HaltlosigkeitVordergründig geht es in dieser Mischung aus Satire und Trash um Machtkämpfe in der Fernsehwelt der späten achtziger Jahre. Im Bannkreis des Medienmoguls Tony Baddingham (David Tennant) und des erotomanischen Tory-Ministers Rupert Campbell-Black (Alex Hassell) entfaltet sich das ganze Spektrum der Wohlhabenden: Flegel und Halunken, Weichlinge, Romantiker, unschuldige Mädchen und abgebrühte Intrigantinnen werden, oft gleichzeitig, in einer einzigen Einstellung eingefangen. Alles ist «Heavenly!» oder «Divine!» – die Superlative sind so unwahr wie die Szenen vom ewigen Sonnenschein in England.Das ist clever gemacht und in hohem Tempo inszeniert. Auch die Musik von Natalie Holt und Jack Halama setzt knallige Pointen. Sie spielt mit Andeutungen an Opernklassiker des 19. Jahrhunderts wie Georges Bizets «Carmen» und «Samson und Delilah», um dem theatralischen Ton der Show gerecht zu werden. Zwischendrin ertönen Hits der späten siebziger und der achtziger Jahre von Punk bis Pop, von The Clash und Blondie bis Wham! und Tears for Fears.Der grösste Bonus aber sind die Schauspieler. Sie sind so gut, dass sie die tragischen Momente im Bombast der Angeberei und der Konkurrenzkämpfe spüren lassen. Die Fernsehadaptation konnte in England eine so begeisterte Gefolgschaft mobilisieren, dass die Supermarktkette Waitrose gerade eine Retro-Produktserie dazu in die Läden brachte, inklusive Pfirsich-Melba-Eiscrème, Bloody-Mary-Prawn-Cocktail-Chips und einer roten Einkaufstasche mit dem Aufdruck «Indulgence never tasted so good».Der grösste Bonus der Serie: die Schauspieler. Hier Gabriel Tierney als Patrick O’Hara und Catriona Chandler als Caitlin O’Hara.NZZ-BildredaktionDas Motto passt. Denn Genuss, Gier und sexuelle Haltlosigkeit sind die Themen der gefeierten Show, die mit unseren heutigen Zeiten kollidieren, in denen all dies aus der Mode gekommen scheint. Trotzdem zieht «Rivals» überraschenderweise nicht nur jene Zuschauer an, die sich noch lebhaft an die Elnett-de-Luxe-Haarspray umwölkten achtziger Jahre erinnern können. Begeistert sind vor allem junge Generationen, für die das Jahrzehnt zwar ein fremdes Land ist, aber ein buntes.Begeistert hat die Serie auch die britische Presse. «Rivals» sei «jenseits aller irdischen Lobeshymnen», befand der «Guardian», selber jenseits aller Nüchternheit: «Stecken wir dieser Serie stattdessen eine Rose zwischen ihre unermüdlichen Hinterbacken und erheben wir ein Glas Cinzano auf ihre unverhohlene Kühnheit.»Wer sich besonders gut an die Ära erinnert, ist Queen Camilla, die zu den ehernen Fans von «Rivals» zählt. Und die gemeinsam mit der Londoner Medienwelt und der Besetzung der Serie an der Gedenkfeier zum Tod der Autorin Jilly Cooper teilnahm, die im vergangenen Oktober mit 88 Jahren starb.Camillas inzwischen 86-jähriger Ex-Ehemann Andrew Parker Bowles erschien zu dem Anlass ebenfalls in der Kirche. Es störte ihn offenbar keineswegs – oder vielleicht nicht mehr –, als eines der Vorbilder der Hauptfigur der Roman- und Fernsehserie zu gelten, des Ladykillers Rupert Campbell-Black.Nichts wird ernst genommenZu den wirkungsvollsten Aspekten der Show gehört ihre Ästhetik: Die Ausstatter müssen sichtlich einen Riesenspass gehabt haben. Sie liessen hochtoupierte Zuckerwattefrisuren und Minipli-Dauerwellen wiederaufleben, monströse Schulterpolster und Satinkleider, Karohemden unter Cordjackets, blaue Wimperntusche und rote Lackschuhe. Die Schnurrbärte der Männer sind Gesamtkunstwerke. Das Dekor entfaltet sich wie eine schrille Erinnerung an die Zeit, in der im Flugzeug noch geraucht wurde und Macho-Männer mit Zigarren posierten.All das wird genussvoll und parodistisch bis zur Albernheit ausgebreitet, vor allem die Sexszenen. Es gibt keinen Aspekt der Anatomie – und des Lebens –, den «Rivals» nicht auf eine Karikatur reduziert. Nichts wird ernst genommen. Aber alles verweist auf unsere Zeit, in der es ernst wurde mit den Machtposen in der Medienwelt und den damals noch so lässig herausgehauenen frauenfeindlichen und rassistischen Witzen.«Rivals», Staffel 2: 6 Episoden à rund 50 Minuten auf Disney+.Passend zum Artikel
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