Josef Lentsch kennt sich aus mit Neuanfängen. In Österreich hat er sogar eine ganze Partei mitgegründet, die liberalen Neos. Die sind dort mittlerweile in der Regierungskoalition. Lentsch, 49 Jahre alt, wohnt inzwischen in Berlin, arbeitet als Politikberater und organisiert mit seiner Firma Konferenzen hier und in Wien.SZ: Herr Lentsch, die FDP hat eine neue Führung gewählt. Reicht das aus, um eine Partei wieder nach vorn zu bringen?Josef Lentsch: Führung ist mit das Wichtigste. In der Politik gilt: Botschafter vor Botschaft vor Distribution. Dass der Botschafter oder die Botschafterin an erster Stelle steht, ist in Zeiten von personalisierter Politik wahnsinnig wichtig. Natürlich ist das nicht der einzige Faktor, aber es hängt viel am Personal.Aber damit verstärken die Parteien doch noch die Personalisierung der Politik, die so sehr beklagt wird.Ich würde das nicht normativ werten, das ist einfach eine Tatsache. So sind die Regeln der neuen Medienlandschaft mit dem ganzen Influencertum. Die Menschen erleben Politik parasozial, das heißt über Bezugspersonen. Das war vor 20 Jahren noch anders, das kann ich gut oder schlecht finden, aber so ist es jetzt halt.Und was meinen Sie mit Distribution?Das ist die Technik, mit der eine Partei ihre Botschaften verbreitet, zum Beispiel die Datenverwaltung. Da sind viele Parteien nicht auf der Höhe der Zeit. Mit künstlicher Intelligenz könnte man Botschaften für verschiedene Zielgruppen differenzieren. Die innovativsten Parteien Europas haben mittlerweile Newsrooms eingerichtet wie kleine Medienhäuser.Wer ist darin gut?Die linksliberale Partei D66 in den Niederlanden, die zuletzt die Wahlen dort gewonnen hat. Die waren kantig in der Migrationspolitik, man könnte fast von progressivem Nationalismus sprechen. Und sie haben sehr positive Botschaften ausgestrahlt, wie das berühmte „Yes, we can“ von Barack Obama. Dazu hatten sie einen charismatischen Frontmann. Ein anderes Beispiel ist die Progressive Slowakei, eine liberale, EU-freundliche Oppositionspartei. In deren Parteizentralen sitzen Leute, die den ganzen Tag Content produzieren und mit Influencern arbeiten.Warum verschlafen viele Parteien die doch recht entscheidende Frage, wie sie ihre Botschaften digital verbreiten?Der Innovationsdruck ist nicht so direkt wie in der Wirtschaft. Schlechte Performance wird dort schneller sichtbar. In der Politik braucht es oft länger, bis der Druck durchschlägt – und dann ist es manchmal schon fast zu spät. Die Kommunikation in Parteien ist häufig zu klassisch aufgestellt, die entsprechenden Teams sind zu klein und können zu wenig selbst entscheiden, das ist zu viel top-down. Und man braucht auch wirklich junge Menschen, die Social Media verstehen.Also muss die FDP einfach ein paar Tiktoker einstellen – und dann läuft’s?Erfolgreiche Parteien machen noch ganz andere Dinge richtig. Zum Beispiel Trainings für Mitglieder. In Firmen heißt das Personalentwicklung. In Parteien wird das oft unterschätzt, anstatt es ernsthaft zu betreiben. Aber wie sollen die eigenen Leute besser werden und dazulernen, wenn nicht über Coachings und Fortbildungen? Was jetzt auch wieder stärker kommt, ist der Haustürwahlkampf. Das war lange Zeit verpönt, aber die Progressiven Slowaken haben das gemacht: Die klopfen an der Tür, führen Gespräche – und sammeln Daten über potenzielle Wähler. Und Roadshows: Péter Magyar hat mit Tisza in Ungarn auch gewonnen, weil er zwei Jahre unermüdlich auch in entlegenen Orten aufgetreten ist.Klingt aufwendig. Haben Parteien dafür genug Ressourcen?Hier liegt oft ein Paradox vor. Wenn Parteien regieren, sind die Parteien selbst oft besonders schlecht ausgestattet. Denn nach einem Wahlsieg greift folgende Priorität: Die besten Leute wollen in Regierungsämter, die zweitbesten gehen ins Parlament. Und die Partei, tja, die ist dann nur die dritte Priorität. Die ganzen Talente gehen in die Macht und wollen dort mitgestalten. Das ist ja auch verständlich. Aber wer bleibt in der Partei und sorgt dafür, dass nicht die Lichter ausgehen? Deshalb sind Regierungsparteien oft ausgeblutet. Die mühsame Organisationsarbeit dort wird einem nicht gedankt.Die allermeisten Delegierten auf dem FDP-Parteitag sind ehrenamtliche Mitglieder – und können nur in ihrer Freizeit für die Liberalen arbeiten. Ludwig NikulskiDann sollte sich die FDP fast freuen, dass sie nicht mehr regieren muss?Grundsätzlich ist eine Neuaufstellung in der Opposition natürlich einfacher. Das ganze Augenmerk liegt auf der Partei. Aber es gibt ein Dilemma: Viel Personal ist dann auch weg, Talente wechseln in andere Jobs.Das ist ein großes Problem der FDP, weil sie so viele Abgeordnete und Mitarbeiter verloren hat. Wie kann sich die Partei jetzt trotzdem organisieren?Die Ausgangslage ist schwierig. Aber die Chance liegt darin, sich jetzt ohne Ablenkung komplett auf das Comeback zu fokussieren. Da braucht es jetzt strategische Disziplin. Und Leidensfähigkeit, da durchzumarschieren. Obamas Stabschef hat es mal motivierend so gesagt: Never waste a good crisis. Lass nicht die Gelegenheit aus, die Umbrüche einer Krise zu nutzen. Jetzt ist auch die Zeit, frisches Blut reinzuholen, um mit einer Mischung aus Alt und Neu wieder auf die Beine zu kommen. Nicht zu lange Nabelschau, sondern den Blick nach außen wenden. Für viele Menschen ist Freiheit ein wichtiges Thema. Das muss man zeitgemäß erzählen und anknüpfen an Themen, die Leute am Küchentisch besprechen.Die Stimmung auf dem Parteitag war aber recht hitzig. Kann es die Partei jetzt schaffen, sich doch nicht wieder mit sich selbst zu beschäftigen?Es braucht jetzt einen gemeinsamen Blick auf die anstehenden Herausforderungen: die kommenden Landtagswahlen im Herbst. Sie müssen nun die Priorität aller sein.Parteien sind sehr alte Organisationen. Sind die wirklich noch fit genug für das 21. Jahrhundert?Ich bin ein Verfechter von Parteien. Sie sind mit die besten Institutionen der Demokratie, die wir erfunden haben. Klar, sie sind nicht perfekt und teilweise nicht auf der Höhe der Zeit. Die Parteiendemokratie steckt in einer Vertrauenskrise. Daher sollten wir überlegen, wie wir die Bürger wieder stärker in die politische Arena holen.Welche Ideen haben Sie dafür?Da gibt es tolle technische Möglichkeiten, die Menschen online einzubeziehen. Die Bürger können in Gruppen abstimmen oder sich anders beteiligen. Früher konnte ich nur einen Brief an eine Partei schreiben und habe dann nie wieder etwas gehört. Mit künstlicher Intelligenz können jetzt dagegen Parteien Tausende Einsendungen aufnehmen. Das steckt alles noch in den Kinderschuhen, aber Menschen digital zu beteiligen, könnte die Parteien entlasten und Vertrauen zurückgewinnen.Man kann Online-Beteiligungen auch düsterer sehen: Oh Gott, dann regiert der Mob.Natürlich gibt es auch Risiken, aber wir dürfen es mit den Dystopien nicht übertreiben. Twitter und Facebook galten in den Anfangsjahren als Weltenretter und Demokratiestifter, das war ein übertrieben positiver Blick. Jetzt läuft die Debatte gerade zu sehr in die andere Richtung. Das Thema braucht einen realistischen Blick ohne Naivität.Manche Bürger machen nicht den Eindruck, dass sie sich beteiligen wollen. Die erwarten von der Politik, dass sie liefern soll – und sonst wollen sie in Ruhe gelassen werden. Kann die Demokratie mit dieser Einstellung überleben?Ich sehe das nicht so skeptisch. Viele Menschen sind fähig und willens, sich einzubringen – wenn sie merken, dass sie gehört werden. Sie bringen ja ihre wertvolle Zeit ein. Wir müssen die Res publica, die gemeinsame Sache, stärker ins Zentrum stellen. Leute wollen doch diskutieren, die reden in der Kneipe über die Wehrpflicht oder am Frühstückstisch über den neuen Kreisverkehr im Ort. Vor allem auf lokaler und regionaler Ebene ist das Potenzial groß, sich einzubringen. Das haben wir noch nicht ausgeschöpft.