Herding klingt nach einem Anglizismus, den es im Englischen gar nicht gibt. Wie Handy, Hometrainer, Infopoint für Mobiltelefon, Fahrradergometer, Auskunftsschalter. Herding klingt nach einem Rollenbild aus vergangenen Jahrhunderten, nach: Ab an den Herd! „Sie leidet sehr unter dem Herding ihres Mannes.“ Dieses Wort scheint erst mal nichts mit Berlin zu tun zu haben.Tatsächlich ist Herding eine echte englische Vokabel, die man in London, Liverpool und Leeds versteht. Und sie passt zur deutschen Hauptstadt wie übervölkerte Parks und Schienenersatzverkehr auf der S9.
Herding bezeichnet laut Definition ein unbewusstes Nachahmen der Mehrheit in unsicherer Situation. Dabei wird die eigene Überzeugung unterdrückt. Herding bedeutet: Herdentrieb.Die Mehrheit kann zum Beispiel die halbe Million Menschen sein, die sich tagtäglich im unsicheren Berliner Straßenverkehr auf einem Fahrrad fortbewegt. Im tiefsten Inneren ist sie davon überzeugt, dass sie sich nicht wie eine offene Hose benehmen sollte. Trotzdem tut sie es. Schließlich verhalten sich die Menschen links und rechts und rundherum genauso. Das steckt an.Da wird gestrampelt auf Tretlager komm raus. Lässt sich die Meute nicht abschütteln, überholt vielleicht sogar jemand, weil er oder sie sich ebenfalls der Mehrheitsmeinung beugt, schaltet zum Glück irgendwann eine Ampel auf Rot. Begleitet vom frenetischen Hupen der den Weg kreuzenden Autos geht es in wilder Fahrt weiter.Nun ließe sich annehmen, dass solche Kamikazepiloten nicht bei Verstand sind, doch der fehlt entschuldigt. Schuld sind nämlich die Spiegelneuronen. Eine weitreichende Theorie beschäftigt sich mit dieser Art Nervenzellen. Vor drei Jahrzehnten wurden sie in Gehirnen von Makaken ausfindig gemacht, die zur Gattung der Primaten zählen. Deshalb bekommt die Redewendung „in einem Affenzahn“ im Zusammenhang mit dem Berliner Zweiradverkehr eine tiefere Bedeutung.











