Quer über den Pazifik – ohne Kompass, ohne GPS, ohne Seekarte. Wie geht das?Die viermonatige Mission des Segelkanus «Alingano Maisu» im Westpazifik lässt fast verlorengegangenes Wissen wiederaufleben. Und sie stärkt die Bande zwischen den Völkern der Region.31.05.2026, 14.31 Uhr6 LeseminutenDie «Alingano Maisu» in den Weiten des Pazifiks.Micronesian Voyaging SocietySchon am zweiten Tag der Reise begann der Sturm. Und er liess acht Tage nicht nach. Drei bis fünf Meter hohe Wellen warfen die «Alingano Maisu» umher. Niemand auf dem nur zwanzig Meter langen Katamaran blieb trocken. Und niemand an Bord wusste, wo sich das Schiff genau befand.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Angst habe er nie gehabt, sagt der Kapitän Sesario Sewralur, als er wieder sicher an Land ist, «wer Angst hat, kann nicht klar denken». Sewralur brauchte einen klaren Kopf, denn in seinen Händen lag das Schicksal des Schiffs und der Crew. Er führte das nach traditioneller Art gebaute Segelkanu in zwölf Tagen von Palau nach Taiwan. Das sind gut 2300 Kilometer.Sewralur schaffte das ohne Kompass. Ohne GPS. Ohne Sextant. Ohne Seekarte.Auf abgelegenen Inseln blieb das traditionelle Wissen erhaltenDer Kapitän beherrscht die alte austronesische Kunst der traditionellen Navigation. Man nennt es auch Wayfinding – Wege finden. Er trägt den Titel Grand Master Navigator, der jenen verliehen wird, die ihre Fähigkeiten in langen Fahrten unter Beweis gestellt haben.Jahrtausende bevor die europäischen Seefahrer im Pazifik aufkreuzten, segelten die dortigen Völker über riesige Distanzen – und besiedelten so Insel um Insel. Als Wegweiser nutzten sie die Sterne, den Mond, die Sonne, den Wind, die Meeresströmung, die Wellen, wandernde Wale, Fischschwärme und Vögel.Um Sewralurs Heimat zu finden, muss man ein guter Navigator sein: Die Insel Satawal ist nur gerade zwei Kilometer lang und etwa einen halben Kilometer breit. Rund 800 Personen leben dort. Satawal liegt mitten im Pazifik. Zum nächsten bewohnten Atoll sind es 70 Kilometer, zum nächstgelegenen Flughafen in Chuuk mehr als 500. Die 607 Inseln der Föderierten Staaten von Mikronesien, zu denen Satawal gehört, sind verstreut über ein Meeresgebiet von 3 Millionen Quadratkilometern.«Als Kind war das Meer unser Spielplatz», erzählt Sewralur. Es gab weder Strom noch Fernsehen noch eine richtige Schule. Doch es gab auf Satawal acht Kanu-Häuser. In jedem bauten die Männer ein grosses Kanu. Und die Älteren brachten den Jungen bei, wie man das Kanu segelt. Und wie man seinen Weg findet.Sewralur begann als Vierjähriger mit dem Segeln und der Ausbildung zum Wayfinder. Lehrbücher gab es dafür keine – es gibt sie heute noch nicht.«Alles ist da», sagt der 56-Jährige und tippt an seinen sonnengegerbten Kopf. «Po» nenne man auf Satawal diesen Lernprozess. Po heisst so viel wie «Reinhämmern». Sewralur lacht. Dass die junge Generation sich heute das, was er ihr beibringt, aufschreibt oder auf dem Handy notiert, stört ihn nicht.Überhaupt ist Sewralur nicht gegen die Modernität. So ist der Rumpf der «Alingano Maisu» mit dem Werkstoff Fiberglas verstärkt, der ist für die langen Reisen viel besser geeignet als ein reiner Holzrumpf. Sewralur liess sich in einer Werft in Hawaii extra beibringen, wie man Fiberglas repariert.Auch verfügt das Segelkanu über moderne Rettungsmittel: Satellitentelefon, Rettungsinsel, Leuchtraketen. Und das Schiff sendet regelmässig seine Position, die im Internet nachverfolgt werden kann. So kann die ganze Welt sehen, wo sich die «Alingano Maisu» befindet. Nur die Crew an Bord kennt ihre genaue Position nicht.Bei allen Vorteilen der modernen Technik vertraut Sewralur dem Traditionellen mehr – er findet es sogar sicherer: «Was machst du, wenn die Batterie deines GPS leer ist? Oder wenn dir auf See das Benzin ausgeht?» Darum ist es für ihn wichtig, sein Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.Der Grand Master Navigator Sesario Sewralur will sein Wissen an die nächste Generation weitergeben, etwa an seinen Sohn Moss.Patrick Zoll«Ich bin der Sonnenuntergang», sagt er mit einem verschmitzten Lächeln, «die Jungen sind der Sonnenaufgang.» Er zeigt auf seinen 22-jährigen Sohn Moss, der zum wiederholten Mal auf der «Alingano Maisu» mitsegelt. Moss sagt von sich, dass er Stürme möge. Bei Flauten langweile er sich. Etwa die Hälfte der 14 Besatzungsmitglieder sind in einem ähnlichen Alter wie er.Die Kolonialisten trieben den Inselbewohnern das Segeln ausEs hätte nicht viel gebraucht, und das Know-how der traditionellen Navigation wäre verschwunden. Die unterschiedlichen Kolonialherren im Pazifik – die Spanier, die Deutschen, die Japaner, die Amerikaner – wollten nicht, dass ihre Untertanen frei herumsegelten. Sie kontrollierten, wer wohin segeln konnte. Und je weniger grosse Reisen die austronesischen Völker unternahmen, desto mehr verkümmerte ihr Wissen. Dass es gerade auf Satawal erhalten blieb, dürfte mit der Abgelegenheit und Kleinheit der Insel zusammenhängen.Der Name von Sewralurs Segelkanu steht für seine Mission. «Alingano Maisu» heisse in seiner Sprache so viel wie «die Schönheit der heruntergefallenen Brotfrucht». «Solange die Brotfrucht am Baum hängt, gehört sie dem Besitzer des Baums. Aber wenn sie runterfällt, gehört sie allen», erklärt Sewralur. Genauso soll es auch mit seinem Wissen sein.Die jüngste Reise der «Alingano Maisu» begann im Februar in Palau. Sie führte nach Taiwan und geht weiter nach Okinawa, Saipan, Guam, Satawal, Yap und dann Ende Juni zurück nach Palau. Über 6200 Seemeilen, rund 11 500 Kilometer, wird das Schiff bis dann zurücklegen. Denn das zweite Ziel der Reise ist, die Völker im Pazifik miteinander zu verbinden. Die Zusammensetzung der Crew unterstreicht dies: Sie stammt aus Mikronesien, Palau, Guam, Hawaii und Taiwan.Taiwan war der Ausgangspunkt der austronesischen Besiedlung«Wir gehören alle zu einer Familie», sagt Sewralur. Das zeige sich zum Beispiel in den Gesängen und Tänzen der verschiedenen Völker, die ähnlich seien. Oder darin, dass Frauen der Ureinwohner Taiwans die gleiche Art von Röcken flöchten wie die Frauen in seiner Heimat.Ein ebenso verbindendes Element ist für ihn die Gastfreundschaft. «Du empfängst Besucher so, wie du empfangen werden möchtest. Denn eines Tages landest du bei einer deiner Reisen vielleicht auf ihrer Insel. Und dann möchtest du auf die gleiche Art behandelt werden.»Die Wissenschaft stützt Sewralurs Aussage über die Verwandtschaft der Völker im austronesischen Raum. «Es gilt heute als gesichert, dass die Besiedlung der verschiedenen Inseln im Pazifik vor etwa 5000 Jahren von der Insel Taiwan ausging», sagt Guo Pei-yi von der Academia Sinica in Taipeh. Dass Taiwan zu Asien und nicht zu Ozeanien gezählt werde, ist für die Professorin für pazifische Studien ein Ausdruck des kolonialen Systems, das von europäischen Perspektiven geprägt gewesen sei.Die Ureinwohner Taiwans sind mit den austronesischen Völkern im Pazifik verwandt. Junge Männer der Paiwan mit dem Pazifik im HintergrundPatrick ZollNun versuchen Vertreter dieser Völker ihre gegenseitigen Verbindungen wieder zu stärken. Zum Teil geht diese Bewegung von Taiwan aus. Seit der Demokratisierung vor dreissig Jahren wächst das Interesse für das austronesische Erbe der Insel.Das war in der Zeit der Diktatur von 1949 bis 1996 ganz anders. Die herrschenden Nationalisten seien mit ihrem kontinentalen Denken gekommen und hätten alles Nichtchinesische als minderwertig angesehen, sagt Guo. Weil das Militär Infiltrationen durch chinesische Kommunisten befürchtete, war es nur wenigen erlaubt, aufs Meer zu fahren.Auch unter der japanischen Kolonialherrschaft in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war die Situation nicht viel anders gewesen. So ging das Wissen der traditionellen Navigation bei den Urvölkern Taiwans verloren.Taiwans Ureinwohner verbinden sich mit dem PazifikEiner, der das ändern will, ist Sakinu Ahronglong. Er ist vom Volk der Paiwan und bekannt als Autor und Bewahrer der Traditionen. In Taimali an Taiwans Südostküste führt er seine «Jägerschule», wo er traditionelle Werte und Wissen seines Volkes vermittelt. Ahronglong ist von Palau nach Taiwan auf der «Alingano Maisu» mitgesegelt.Sesario Sewralur, der aus den Föderierten Staaten von Mikronesien kommt, wird in das taiwanische Volk der Paiwan aufgenommen.Patrick ZollEinige Tage nach der Ankunft auf der Insel empfängt er Ende März seinen «Bruder» Sesario Sewralur und die ganze Crew in seiner Gemeinschaft. Mehrere hundert Vertreter verschiedener Paiwan-Dörfer aus der Gegend haben sich in der Jägerschule eingefunden.Die Ostküste Taiwans steigt von Meereshöhe steil bis auf fast 4000 Meter auf. Die Jägerschule liegt am Hang ein paar hundert Meter oberhalb der Küste. Der Blick auf den tiefblauen Pazifik ist endlos. Irgendwo da draussen liegt Palau, wo die «Alingano Maisu» losgesegelt ist. Irgendwo da draussen liegt Satawal, die Heimat von Sesario Sewralur.Als Ehrengast wird Sewralur auf einem eigens zurechtgezimmerten Baumstamm ins Dorf getragen. Zwei Dutzend starke junge Paiwan-Männer braucht es, um den schweren Baumstamm mit Sewralur zu tragen; mehrere Crewmitglieder der «Alingano Maisu» packen mit an.Dann schlachten die Paiwan ein Schwein; Sewralur taucht seine Hände in das frische Blut. Er presst sie auf den Baumstamm. Die Handabdrücke leuchten tiefrot auf dem hellen Holz. Als neues Mitglied der Gemeinschaft erhält Sewralur von Ahronglong einen neuen Namen: Palji Paquluqulu. Er bedeutet: der Weise, der über eine besondere Gabe verfügt.Sakinu Ahronglong (rechts) vom Volk der Paiwan empfängt zwei Crew-Mitglieder der «Alingano Maisu» in seiner Jägerschule.Patrick ZollSewralur lässt die fast dreistündige Zeremonie stoisch über sich ergehen. Mehrmals nickt er auf seinem Plastikstuhl ein, er muss zwischendurch gestützt werden. Denn schon am Morgen hatte er sich viel Mut angetrunken. Wohl etwas zu viel.Meterhohen Wellen und stürmischem Wind trotzt der Grand Master Navigator furchtlos. Vor vielen fremden Menschen im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, macht ihm hingegen Angst: Kaum je schaut er die Menschen um ihn herum an. Zum Glück braucht er seinen klaren Kopf erst wieder, wenn er zurück auf See ist.Passend zum Artikel