PfadnavigationHomeSportMaclean-Brüder„Der Mond wurde unser Freund, weil er die härtesten Momente erhellte“Stand: 07:19 UhrLesedauer: 7 MinutenWind und Wellen als Begleiter: Die Maclean-Brüder kämpfen sich durch den PazifikQuelle: MacLean BrothersViereinhalb Monate Einsamkeit und unendliche Weiten auf engstem Raum: Drei schottische Brüder überquerten den Pazifik. Im Ruderboot. Eine Geschichte über Gemeinschaft, Antrieb und das Durchhalten.Alles begann mit einem kleinen weißen Boot, das der Großvater der drei schottischen Brüder Lachlan, Ewan und Jamie Maclean einst anschaffte. Aufgewachsen am Stadtrand von Edinburgh, verbrachten sie die Schulferien dort, wo das Boot lag: im Nordwesten in Assynt, einer abgelegenen Gegend ohne Handyempfang oder TV. Sie mussten sich selbst beschäftigen. „Wir sind oft mit dem Boot herumgefahren und haben überlegt, was passieren würde, wenn wir einfach losfahren und neue Länder erreichen könnten“, erzählt Jamie. Die Jahre vergingen, die Abenteuerlust nicht. Später, als Erwachsene, brachen sie auf. Und zwar mit einem Ruderboot. Erst vor sieben Jahren über den Atlantik, dann 2025 mit einem extra dafür erbauten Hightech-Boot ins ganz große Abenteuer: nonstop und ohne Unterstützung von Peru über den Pazifik nach Australien. Am Ende waren sie länger unterwegs als gedacht, aber dennoch in Rekordzeit von 139 Tagen, in denen sie 9750 Meilen, also etwa 15.700 Kilometer, zurücklegten – eine Reise der Extreme, für die es ein starkes Warum braucht. Ein Abenteuer, das prägt und nicht nur das Leben des Trios verändert.Lesen Sie auchIhre Kindheit und der Traum von einst bildeten die Grundlage für den Mut, den sie aufbrachten, um aufzubrechen, denn Rudern als Hobby oder Leistungssport betrieben sie nie. Aber mit Training, einer Gemeinschaft, die vermutlich nur Brüdern innewohnt, einer von klein auf gewachsenen Liebe zur Natur, jenem Mut sowie Abenteuerlust starteten sie am 12. Dezember 2019 bei der Whisky Atlantic Challenge von La Gomera nach Antigua. In gut 35 Tagen durchquerten sie den Atlantik als Dritte der Gesamtwertung, als schnellstes Brüderteam sowie jüngstes und schnellstes Trio jemals – und sammelten dabei Geld für wohltätige Zwecke.Akribische Vorbereitung in den HighlandsEs motivierte sie dazu, mehr und Größeres zu wollen. Und zwar einerseits, was die körperliche und mentale Herausforderung angeht, andererseits den guten Zweck betreffend, die Vision darüber. 2023 gründeten sie die Maclean Foundation, um beides zu kombinieren und mit der Kraft großer Herausforderungen ein übergeordnetes Ziel zu erreichen. Der Pazifik schien ihnen groß genug dafür, doch er ist „A Different Beast“, wie auch die Dokumentation ihres Abenteuers heißt, die bei der „International Ocean Film Tour“ zusammen mit anderen Werken in den Kinos gezeigt wird. Im September kommt zudem ein Buch der Brüder heraus.Für das körperliche und mentale Training sowie für den Bau des Ruderbootes suchten sie sich Profis, bildeten ein Team aus Experten um sich und wurden so selbst zu welchen. Ihre Jobs rückten in den Hintergrund, sie zogen zu ihrem Vater auf einen Hof in den Highlands und bereiteten sich akribisch vor – bereiteten dort auch 1800 Mahlzeiten für ihr Abenteuer zu. Es sollte aber nicht nur die schnellste Pazifik-Überquerung werden, sondern sie wollten dabei eine Million Pfund an Spenden für Trinkwasserprojekte in Madagaskar sammeln. Am Ende gelang ihnen beides, doch der Weg war hart und die Reise ein Trip ins Ungewisse.Lesen Sie auchIm April 2025 machten sie die ersten Ruderschläge ihres Abenteuers. „Wir waren etwa 15 bis 16 Stunden am Tag alle wach und auf Deck“, erzählt Ewan, mit 33 ein Jahr älter als Jamie – Lachlan wurde auf hoher See 27. Meistens ruderten zwei von ihnen, einer ruhte – aber wirkliche Ruhe war dies selten: das Wetter checken, Reparaturen tätigen, die eigenen Energiespeicher füllen und einiges mehr. „Nachts gab es zwei dreistündige Schlafphasen, dazwischen ruderte jeder von uns allein anderthalb Stunden.“ Und das viereinhalb Monate lang. Immer und immer wieder. Über Rituale, Belohnungen und MoralEs begann herausfordernd und ging so weiter. „Ewan und ich waren knapp 14 Tage seekrank“, berichtet Jamie, „das hat die Sache nicht gerade erleichtert.“ Ganz zu schweigen von den Bedingungen, die nicht wie erwartet nach zwei Wochen besser wurden. „Die erste Hälfte war die isolierteste, keine Inseln, nur Wasser“, sagt Jamie, „das war überwältigend und jeden Tag ein Kampf.“Ein Kampf blieb es bis zum Ende – bisweilen ein zäher, manches Mal ein faszinierend schöner, und immer wieder gespickt mit besonderen Momenten wie Naturschauspielen oder dem täglichen Highlight. Denn sie hatten sich Rituale und ein Belohnungssystem erdacht: morgens einen Kaffee, 11 Uhr Pasta, abends zum Sonnenuntergang eine Playlist mit bestimmter Musik – und alle 1000 Meilen eine frische Tüte Kaffee sowie Schokolade. In Schritten denken, Zwischenziele setzen, motiviert bleiben.Dabei halfen auch die magischen Momente. „Fast jeder Sonnenaufgang und Sonnenuntergang war wunderschön, ohne Landmasse, die den Blick versperrt. Nachthimmel ohne Lichtverschmutzung, die Milchstraße, unbekannte Sternenbilder, vier Vollmondzyklen“, schwärmt Jamie. „Der Mond wurde unser Freund, weil er die härtesten Momente erhellte.“Besonders präsent ist ihm die Zeit, als sie sich gen Ende bei den Loyalty Islands vor einem Sturm versteckten und den Anker warfen. „Nach Langem erstmals wieder Vegetation riechen, Vogelgesang hören, um uns herum kristallklares Wasser, und ein Wal spielte am Boot“, erinnert er sich. Für ein paar Tage mussten sie dort Schutz suchen – und durchatmen.Harte und furchteinflößende Momente auf dem PazifikManchmal aber war einfach alles zu viel. Der Film zeigt auch jene Momente: einen völlig erschöpften und weinenden Jamie. „Wenn man sich auf die Zeit fern von den Liebsten oder die verbleibende Strecke konzentriert, kann das überwältigend sein“, sagt er. „Auch körperliche Probleme oder zu wenig Energie hatten einen Einfluss auf die mentale Verfassung. Am Ende hatten wir zudem mit Erwartungen zu kämpfen.“ Das Trio war zwar auf 150 Tage vorbereitet, dachte aber, es in 120 schaffen zu können. Nach Rückschlägen mussten sie davon jedoch Abstand nehmen und zudem einige Extrameilen rudern. „Es gab auch Momente“, sagt Ewan, „in denen wir uns gefürchtet haben – besonders nachts. Etwa als ich dachte, ein Piratenboot nähert sich.“ Sie schalteten zur Sicherheit alle Lichter und das Tracking aus. Angst stieg auch auf, als Lachlan von Wind und Wellen vom Boot gespült wurde – seine Brüder retteten ihn. Auch ein großes Gewitter ist ihnen im Gedächtnis geblieben, Blitze schlugen ins Wasser, die Sorge war groß. „Wir saßen in einem kleinen Boot aus Carbonfaser – das wäre katastrophal gewesen“, erinnert sich Ewan. Sie überstanden alles, hielten die Motivation bis zum Ende hoch. Auch, weil die drei neben ihren Ritualen und Belohnungen zwei wertvolle Dinge an Bord hatten, die sie antrieben und durchhalten ließen: Zum einen ihr Warum – die intrinsische Motivation, eigene Grenzen erkunden zu wollen, gepaart mit der extrinsischen, dem ambitionierten Spendenziel. „Gefühlt hat uns ganz Schottland unterstützt. Es war erstaunlich, wie viele Menschen sich engagiert und gespendet haben“, sagen sie. „Die richtige Motivation ist entscheidend, sonst geht die Energie aus. Eigene Motivation ist natürlich wichtig, aber externe Gründe auch. Bei beiden Rudertouren war Aufgeben keine Option, auch wegen der vielen Unterstützer. Man sucht Wege weiterzumachen, bleibt positiv und unterstützt sich gegenseitig.“Lesen Sie auchUnd das ist der zweite Punkt: Sie hatten sich. Die Enge zu dritt auf diesem Boot über viereinhalb Monate mag von außen mehr nach Drama als nach Harmonie klingen, mehr nach Risiko- als nach Erfolgsfaktor, aber für die Brüder war es Letzteres. „Wir haben uns umeinander gekümmert und aufeinander geachtet“, sagt Ewan. „Wir haben versucht, die Moral hochzuhalten, durch Gespräche die Zeit vergehen zu lassen. Positivität war unser Fokus.“ Und manchmal, wenn auch seltener als erhofft, holten sie ihre Instrumente hervor: Dudelsack, Gitarre und Akkordeon.Zurück im Alltag: Und plötzlich war die Welt so lautDas Ankommen, das Vollenden erschien ihnen schließlich fast unwirklich, überwältigend in jeglichem Sinn. Ihre Körper erholten sich schnell, doch die mentale Anpassung nach dieser intensiven Zeit dauerte. Auch, weil die Welt um sie herum plötzlich so laut war. „Das Leben auf dem Boot ist einfach, du triffst wenig Entscheidungen, alles ist vorher festgelegt“, erklärt Ewan. „Die Rückkehr ins komplexe Alltagsleben mit vielen Anforderungen kann anstrengend sein – Supermarktbesuche, Entscheidungen, das erzeugte manchmal Angst.“ Es sind Weltenunterschiede. Die Reise hat die drei verändert, sie hat ihnen Erfahrungen geschenkt, hat ihnen auch gezeigt, was nötig ist, um große Ziele anzugehen. „Man muss Opfer bringen, aber man gewinnt viel. Wir sind persönlich gewachsen und haben darüber hinaus mit den Spenden etwas Relevantes erreicht. Wachstum entsteht, wenn man sich auf unbekanntes Terrain begibt“, sagt Jamie. „Und“, ergänzt Ewan, „wir haben Hoffnung in andere Menschen gewonnen, die Gutes tun wollen. Bei all den schlechten Nachrichten heutzutage ist es doch wichtig, Positives zu erleben.“