Der Design-Halbgott, der dem elektrischen Ferrari seine Form gabMit Apple wurde der britische Designer Jony Ive zur Ikone. Der von ihm gestaltete E-Ferrari wird nun aber übel verspottet. Er hat damit gerechnet.Marc Zollinger31.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAP; Bearbeitung NZZaSDer Berg hat eine Computermaus geboren, einen Staubsauger oder im besten Fall einen Nissan Leaf – aber sicher keinen Ferrari! Die Kritik am neuen, vollelektrischen Modell, das diese Woche in Rom präsentiert wurde, war verheerend. Dabei ging es nicht einmal so sehr um den Tabubruch: Zum ersten Mal in der Geschichte hat die Traditionsfirma aus Maranello ein Auto ohne röhrenden Verbrennungsmotor gebaut. Auch nicht darum, dass es ein geräumiger Fünfplätzer und kein Sportwagen ist. Es ist das Design des mehr als 310 km/h fahrenden E-Boliden, das komplett durchfiel. Oder besser: die äussere Hülle.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Verantwortlich dafür ist der Brite Jonathan Ive, den Ferrari eigens für das auch intern umstrittene Vorhaben verpflichtet hatte. Seit der Zeit bei Apple besitzt er in der Branche den Ruf eines Halbgottes. Zwar hat sich Jony, wie ihn alle nennen, noch nicht zur Welle der Empörung geäussert. Doch aus einem Interview mit der amerikanischen Videojournalistin Cleo Abram kurz vor der Lancierung geht hervor, dass er fest damit gerechnet hat: «Starke Reaktionen sind normal, wenn ein Produkt mit der Tradition bricht.» Neue Ideen würden zunächst immer durch den Filter des Vertrauten betrachtet.Introvertiert, feinfühlig, eine sanfte Stimme, die nach den richtigen Worten ringt: Der 59-Jährige entspricht nicht dem Bild eines Revolutionärs. Als Kind verbrachte er Stunden am Tisch, um Spielzeuge und andere Gegenstände auseinanderzunehmen. Er war versessen auf Formen, Materialien und den Gedanken, dass Menschen viel Zeit investieren, bevor ein Objekt seine endgültige Form hat. Seine Mutter liebte Kunst. Sein Vater war Silberschmied und Dozent für Handwerk, Design und Technologie. Immer an Weihnachten schenkte er seinem Sohn einen Tag, den sie gemeinsam in der Londoner Werkstatt verbrachten. Jony durfte dann bauen, was er sich zuvor ausgedacht hatte.Nach seinem Kunst- und Designstudium arbeitete Ive für Tangerine. Zu den Kunden des kleinen, renommierten Londoner Designstudios gehörte auch Apple. Mit 25 Jahren zog Ive ins kalifornische Cupertino, wo die ersten Jahre sehr zäh waren, weil er mit seinen Ideen nicht durchkam. Mit der Rückkehr von Steve Jobs nach mehr als einem Jahrzehnt Abwesenheit änderte sich das schlagartig. Der charismatische Jobs erkannte in ihm einen genialen Jungen und einen Seelenverwandten. Er machte ihn zum Chef der Designabteilung und gab ihm alle Privilegien. Die Marketingleute und Ingenieure wurden zurückgestuft.Insbesondere dank Ives Gestaltungskraft wurde das damals serbelnde Unternehmen zu einem Giganten, der die gesamte Tech-Welt prägte. Der Brite liebt simple, klare Formen, echte Materialien, gutes Handwerk und eine gesamtheitliche Vorgehensweise. Er kümmert sich um kleinste Details und denkt ebenso intensiv an die Menschen, die das Objekt in den Händen halten werden. Auf diese Weise hat Ive bisher über 14 000 Patente generiert.Durch das Vorbild von Steve Jobs hat er auch einen spirituellen Zugang zu seiner Arbeit gefunden: «Wenn du etwas mit Liebe und Sorgfalt machst, drückst du deine Dankbarkeit gegenüber der gesamten Menschheit aus!», hatte dieser einmal in einer Sitzung gesagt. Dieser Satz beeindruckte Ive so sehr, dass er seine Firma, die er nach seinem Abgang im Jahr 2019 zusammen mit Marc Newson gründete, danach benannte: Love From.Für Ferrari hat sich diese Liebe viele Features einfallen lassen: eine in Metall gefasste gläserne Aussenhülle, seitlich positionierte Scheibenwischer, ein minimalistisches Interieur mit zahlreichen technischen Spielereien. Besonders aufgefallen ist der Schlüssel des neuen Ferrari Luce. Er besteht aus Glas und hat ein kleines Display – ähnlich wie ein Smartphone. Dockt man ihn an, beginnt es auf den Bildschirmen überall zu leuchten, der Wagen startet automatisch.«Mehr Cupertino als Marinello», war dann allerdings das Verdikt der generell ungnädigen sozialen Netzwerke. Luca Cordero di Montezemolo, Ferrari-Boss von 1991 bis 2014, sah bereits die ganze Marke in Gefahr. Der Aktienmarkt reagierte prompt und brutal: Ferrari verlor am Tag der Enthüllung rund 5 Milliarden Dollar an Börsenwert.Das will alles nichts heissen. Wichtig ist nun, was die potenziellen Kunden vom Luce halten. Also jene Menschen, die sich den Startpreis von einer halben Million Euro leisten können und Wert auf Distinktion legen – und das ist es ja, was dieser Ferrari in besonderem Masse liefert.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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