Merkel steht wieder im Rampenlicht. Aber warum eigentlich?Nachdem es lange still gewesen ist, ist die langjährige Bundeskanzlerin Angela Merkel auf allen Kanälen. Sie befriedigt eine Sehnsucht der Deutschen.Lisa Plank31.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenSie war stets souverän als Bundeskanzlerin. Ganz im Gegensatz zu ihren Nachfolgern.Michael Sohn / APAls Angela Merkel zur Bundeskanzlerin ernannt wurde, war ich in der zweiten Klasse. Die Bundestagswahl war wie immer an einem Sonntag, und es war die erste Schulwoche. Meine Lehrerin fragte, für wen wir denn seien. Merkel oder Schröder. Fast so, als würde sie fragen, ob wir für den FC Bayern oder den BVB seien.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ich antwortete: «Merkel.»Meine Lehrerin: «Weil sie eine Frau ist, oder?»Ich: «Nein, weil ich den Schröder einfach nicht mag.»Das war natürlich Quatsch. Ich war sieben Jahre alt und hatte gerade erst lesen und schreiben gelernt. Aber mein Vater mochte Schröder nicht. Oder zumindest vermutete ich das.Damals konnte ich noch nicht wissen, dass Merkel tatsächlich Kanzlerin werden würde. Und dass sie es bleiben würde, bis ich erwachsen bin. Als Merkel ihr Amt niederlegte, war ich 23 Jahre alt. Hatte ein abgeschlossenes Studium und war ausgebildete Journalistin. Merkel war so etwas wie mein Fixpunkt im politischen Deutschland, ich kannte das Land nur mit ihr als Kanzlerin.Als Merkel ihr Amt abgab, wurde es still um sie. Bei ihrem letzten Besuch als Kanzlerin in den USA sagte sie, gefragt nach ihren Plänen: «Und dann werde ich vielleicht versuchen, was zu lesen, dann werden mir die Augen zufallen, weil ich müde bin, dann werde ich ein bisschen schlafen, und dann schauen wir mal.» Sie hielt ihr Wort. Vorerst.Jetzt, fünf Jahre später, ist sie wieder da. Zumindest tritt sie wieder auf, recht häufig sogar. Hier ein Podcast-Interview, da eine Rede bei einer Buchvorstellung, und dann noch die Lesungen ihrer 2024 erschienenen Memoiren. Schon in der ersten Verkaufswoche wurden über 200 000 Exemplare verkauft, es war in Deutschland das erfolgreichste Buch des Jahres.Gefeiert – nicht ausgebuhtBei ihren Auftritten kommt sie gut an. Erst in diesem Monat, bei der Live-Aufzeichnung eines Nachrichten-Podcasts, sitzt sie in einer auf einer Bühne nachgestellten WG-Küche. Sie spricht über ihre Jugend in der DDR und darüber, dass sie einmal eine Wohnung besetzte. Das grösstenteils junge Berliner Publikum ist entzückt. Sie spricht vom Umgang mit der AfD und von ihrem Glauben an die Demokratie. Der Ausschnitt davon wird im Nachhinein vielfach auf Social Media geteilt. Und sie spricht davon, dass sie Julian Nagelsmann nicht als Trainer der Fussballnationalmannschaft ablösen und auch nicht im Podcast der beliebten Kaulitz-Brüder auftreten möchte. Sie erntet einen Lacher nach dem anderen.Wenn Merz heute auf solche Bühnen tritt, wird er ausgebuht. Die neusten Umfragewerte – seine eigenen und die seiner Partei – sind katastrophal. Kein Kanzler war je so unbeliebt. Erst kürzlich, in einem Interview mit dem «Spiegel», erklärte er, dass kein Kanzler vor ihm so viel Hass habe ertragen müssen. Wenn man das liest, will man einerseits nicht zynisch werden, andererseits will man diesen Mann zur Seite nehmen und sagen: Na ja, du müsstest deine Arbeit halt auch ein bisschen besser machen.Zu Beginn seiner Kanzlerschaft versprach er, die AfD zu halbieren. Das funktioniert denkbar schlecht. Gleichzeitig sinkt seine Partei in den Umfragen immer weiter, die AfD hat die CDU kürzlich als stärkste Kraft abgelöst. Mittlerweile wird offen diskutiert, ob er ersetzt werden sollte.Und genau jetzt bezieht man sich wieder auf Merkel. «Unter Angela Merkel wäre das nicht passiert», zitierte der «Tagesspiegel» jemanden aus dem SPD-Führungszirkel – und meinte damit, dass Merkel in der eigenen Fraktion eine Autorität hatte, die Merz schlicht fehlt.Merkel war keine Politikerin, die man liebte. Sie war eine, die man hatte. Keine grossen Reden, keine grossen Visionen. Stattdessen nüchterne Pressekonferenzen und die Raute. Politik war für sie keine Selbstdarstellung. Sie regierte einfach. Ruhig, ausdauernd, ohne die Nerven zu verlieren. Und meistens bekam sie, was sie wollte.Als sie ankündigte, sich aus der Politik zurückzuziehen, bedauerten das aber nur wenige. Trotz ihrer Souveränität hat sie Fehler begangen, die sich bereits abzeichneten.Da war die schwarze Null, dieser fast religiöse Fetisch ausgeglichener Haushalte, dessen Auswirkungen sich jetzt in einer maroden Infrastruktur zeigen. Unter ihr sparte sich der Staat kaputt.Da war die Energiepolitik, der Atomausstieg bei gleichzeitiger Abhängigkeit von russischem Gas. Als Putin 2022 die Ukraine überfiel, zeigte sich, welches Erbe das war.Und da waren die vielen Menschen, die ab 2015 nach Deutschland flüchteten. Merkel versäumte es noch Jahre danach, Strukturen aufzubauen, um diese Menschen in den deutschen Arbeitsmarkt und die deutsche Gesellschaft zu integrieren.Ihr Nachfolger Olaf Scholz war Merkel nicht unähnlich. Keine grossen Visionen, kein Lärm – wie Merkel, nur von der anderen Partei. Das ging schief. Als seine Regierung zerbrach, sass ich in meiner Berliner Wohnung und schaute sein Statement im Livestream. Politik war an diesem Abend spannender als jede Seifenoper. «Das ist nicht anständig, und das ist nicht gerecht», sagt er über Lindner. «Erstes Mal in seiner Kanzlerschaft, dass ich ihn stabil finde», schreibe ich einem Freund. «Freust du dich auf Friedrich Merz?», antwortet er.Wie es dann weiterging, wissen wir schon. Und jetzt möchte man sagen: Vielleicht war doch nicht alles schlecht.Was fehlt, ist nicht MerkelVielleicht spricht Merkel deshalb gerade so oft. Um zu zeigen, dass es auch einen anderen Weg gibt. Um zu zeigen, dass es ein Land vor Friedrich Merz gab und eines nach ihm geben wird. Oder auch, um zu überspielen, dass sie an vielen Problemen, mit denen wir uns heute beschäftigen, mindestens Mitverantwortung trägt. Teilweise gesteht sie sich diese ein. «Wenn es hilft, war ich eben auch schuld. Das beschreibt aber die Dinge nicht ausreichend. Man muss für die Zukunft schon gucken, was in der Vergangenheit nicht optimal gelaufen ist», sagte sie in einem Talk-Format im September 2025.Egal, woran es liegt, die Deutschen hören Merkel wieder gerne zu. Nicht alle, aber viele. Denn auch heute gibt es Leute, die die derzeitigen Herausforderungen als ihr politisches Erbe wahrnehmen. Erst kürzlich traf ich einen rechten Politiker, wir führten ein Hintergrundgespräch, und er erzählte mir, dass er früher die SPD wählte. Wegen Schröder, vor allem wegen seiner Wirtschaftskompetenz. Merkel sei nur so erfolgreich gewesen, weil sie auf sein politisches Erbe habe bauen können. Diese Einschätzung findet man bei weitem nicht nur bei der AfD. Man findet sie bei den Enttäuschten.Trotzdem trifft sie auf eine Leerstelle. Denn was fehlt, ist nicht Merkel. Was fehlt, ist Souveränität. Die Fähigkeit, in der Krise ruhig zu bleiben. Nicht über jedes Stöckchen zu springen. Nicht jeden Morgen als Getriebener aufzuwachen. Getrieben von Kommentaren auf Social Media, von den Rechtspopulisten, von den USA, von Russland, von wem auch immer. Merkel machte das nicht. Oder zumindest liess sie es sich nicht so oft anmerken.Als ich meinem Vater erzählte, dass ich einen Text darüber schreibe, dass die Deutschen Merkel vermissen, lachte er. «Ich vermisse sie nicht», sagte er. Dann überlegte er kurz. «Aber Merz werde ich noch weniger vermissen.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel