An der Swiss Classic World in Luzern zeigt sich der Wandel im Oldtimer-Markt: Karossen aus den Anfängen des Automobils verlieren an Wert. Dafür erzielen Ikonen der 60er- und 70er-Jahre Rekordpreise.Er könnte der Besitzerin bis zu einer Million Franken einspielen: ein knallroter Alfa Romeo Giulia TZ, ein seltenes Modell aus der italienischen Industrie der 1960er Jahre. «Ikonisch» sei es, heisst es vor Ort, ein «Designklassiker».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Giulia TZ wird an der Swiss Classic World in Luzern, einer Oldtimer-Messe, versteigert. Sie zählt zu jenen Autos der 1960er Jahre, die nach wie vor sehr begehrt sind und Kundinnen und Kunden aus ganz Europa in die Innerschweiz locken.Doch: Das Prestige vieler Oldtimer ist endlich. Autos, die aus den 1960er Jahren und den Dekaden davor stammen, werden immer weniger nachgefragt. Einstige Klassiker taumeln, der Markt ist im Umbruch.Preisverlust im zweistelligen ProzentbereichViele Vorkriegsfahrzeuge und jene aus den 1950er und 1960er Jahren erleben einen Wertverlust. Dietrich Hatlapa analysiert den Markt seit Jahren. Der Deutsche führt die Historic Automobile Group International, die mittels verschiedener Indizes den Oldtimer-Markt vermisst.Was darf es sein? Wer schon immer ein Auto aus der Vorkriegszeit wollte, dürfte an der Oldtimer-Messe in Luzern eines zu tieferen Preisen als früher finden.Die Oldtimer-Szene hält ein Kulturgut am Leben – auf vier Rädern ebenso wie auf Papier.Die grössten Verluste beobachtet Hatlapa bei Fahrzeugen, die vor 1945 gebaut wurden. Gerade Autos, die in grossen Serien von mehr als 1000 Stück produziert worden seien, hätten Werteinbrüche zwischen 10 und 20 Prozent, in einigen Fällen bis zu 50 Prozent verzeichnet.Dabei sind es nicht nur Pferdestärken, verpackt in Chrom, Aluminium und Eschenholz, an denen das Interesse sinkt: Es ist die schleichend schwindende Begeisterung für ein Kulturgut, für rollende Geschichte.Preislich stabil bleiben Autos, die in kleinen Serien produziert wurden und in Kennerkreisen für ihre Historie bekannt sind, so wie der Alfa Romeo.Sonne, Leder, Benzin und AbgasSerge Stotzer ist Inhaber und Geschäftsführer der Oldtimer-Galerie in Toffen. Er hält an diesem Wochenende in Luzern die Auktion ab, die das Schicksal des Alfa Romeo besiegeln könnte. Zu einem Ferrari 365 GTC/4, den Stotzer an diesem Wochenende ebenso versteigern will, hat er ein spezielles Verhältnis.Serge Stotzer, Inhaber eines Oltimer-Geschäfts, versteigert an diesem Wochenende Autos aus verschiedensten Epochen.Als Autos noch Kunstwerke waren: Hier teilen die Menschen ihre Leidenschaft für Pferdestärken und schönes Design.Es ist ein Modell, mit dem ihn sein Vater vom Kindergarten abgeholt hat. «Immer wenn ich wieder in diesem Auto sitze, muss ich daran denken. An die grüne Farbe, die speziellen Knöpfe und den Geruch. Gerade wenn ein Auto lange in der Sonne stand, vermischt sich der Duft des Leders mit jenem des Benzins und etwas Abgas.»Anekdoten wie diese bewegen Oldtimer-Fans zum Kauf. «Es sind oft die Fahrzeuge, mit denen man früher schon eine Begegnung hatte, die man heute kauft», sagt Stotzer. Doch je älter einzelne Fahrzeuge werden, desto weniger Menschen gibt es, die Erinnerungen an sie haben.Träume aus dem Kinderzimmer«Der Fokus hat sich von Vorkriegsfahrzeugen und Oldtimern auf Youngtimer verschoben», sagt Kim Hüppin. Sie fotografiert und schreibt für das Magazin «Autozeit».Youngtimer sind ältere Autos, die noch nicht dreissig Jahre alt sind und die in der «Autozeit» stark thematisiert werden. «Wir wollen die Jüngeren ansprechen.» Dass das funktioniere, merke sie an Events, wo sie immer wieder Kontakt mit jungen Menschen habe, die ein Abonnement lösten, oder auf dem Social-Media-Kanal der Zeitschrift.Hüppin selbst ist 28 Jahre alt. Ihr Traumauto: ein Nissan Skyline aus den 1990er Jahren. Ihre Wahl beruht jedoch nicht allein auf Kindheitserinnerungen. Auch der Komfort dieser Fahrzeuge spiele eine Rolle: moderne Bremssysteme, Klimaanlage und elektrisch verstellbare Sitze.Fachjournalistin Kim Hüppin vom Magazin «Autozeit». Ihr Traumauto ist ein Nissan Skyline.Jahrzehntelang verborgen: Diesen Porsche fand man in einer Scheune.Der Auktionator Serge Stotzer beobachtet diesen Youngtimer-Trend am eigenen Geschäft: «Eine andere Käuferschicht kommt zum Zug, es herrscht eine neue Stimmung.»Jüngere Menschen kauften vor allem Fahrzeuge aus den 1980er, 1990er und 2000er Jahren. Diese Auto-Fans verhielten sich anders, erzählt Stotzer. Im Gegensatz zu den älteren Sammlern besässen sie nicht mehrere Fahrzeuge, sondern nur noch einzelne, die dafür sehr speziell seien.Stotzer zeigt auf die Fahrzeuge, die vor seinem Messestand parkiert sind: Hier stehen ein alter Porsche aus den 1960er Jahren, der beinahe vierzig Jahre in einer Scheune stand, rostig und staubig, daneben ein amerikanischer «Muscle Car», der rote Alfa Romeo und weiter hinten ein modernerer Mercedes sowie ein BMW. Es gibt ein Auto aus beinahe jeder Epoche. So divers sei man an der Messe hier früher nicht aufgestellt gewesen.Für Stotzer markierte die Corona-Pandemie einen Wendepunkt. «Heute verkaufen wir mehr Youngtimer als vor dem Jahr 2020.» Seither führt er Auktionen durch, an denen man auch online teilnehmen kann. Er nimmt an, dass so das Bieten auf Autos für jüngere Menschen attraktiver geworden sei. Zudem würde man in der Branche munkeln, dass unter anderem die Krypto-Industrie vielen Jüngeren zu Reichtum verholfen habe. Krypto-Millionäre könnten sich jetzt endlich das Auto kaufen, das jahrelang als Poster an der Wand im Kinderzimmer angebracht gewesen sei.Nach der Auktion dürften einige dieser Schlüssel den Besitzer wechseln.Ein Lancia: Modelle aus den 1980er- und 1990er-Jahren sind gefragte Fahrzeuge.Eines der beliebtesten Modelle ist der Ferrari F40 aus den späten 1980er und frühen 1990er Jahren. «Dieser hat vor 10 Jahren noch etwa 1 Million Schweizerfranken gekostet, heute ist er bei ungefähr 3 Millionen bewertet», sagt Stotzer. Er komme mit seinen Schätzungen teilweise kaum noch hinterher, wache am Morgen auf und sehe, dass einzelne Youngtimer plötzlich 250 000 Franken mehr kosteten.Autos der Gegenwart werden irgendwann zu beliebten Old- und Youngtimern. Gilt das auch für E-Autos, so wie für den Ferrari Luce, das erste Elektroauto der Traditionsfirma aus Maranello?«Sicher nicht!», sagt Serge Stotzer dazu. Da sei der Wertverlust vorprogrammiert, meint ein anderer Branchenkenner vor Ort. Ein Oldtimer-Spezialist zieht schaudernd die Schultern hoch, als er «Ferrari Luce» hört.Nachdem der Luxusautohersteller das Fahrzeug am Dienstag präsentiert hatte, brach der Aktienkurs der Firma ein, es entbrannten Diskussionen um das Design, das vielen missfiel.In Luzern ist es schwierig, jemanden zu finden, der in E-Autos die Klassiker der Zukunft sieht. Mechanische Motoren seien robust und langlebig, elektronische Autos hingegen überlebten kaum auf lange Dauer, heisst es im Gespräch mit Szenenkennern.Autos, Autos, Autos: zum Anschauen und zum Tragen.Historische Fahrzeuge faszinieren. Gehört die Zukunft den E-Autos?Hier hält man wenig von Elektrofahrzeugen. Die Zukunft sieht man nach wie vor in ratternden Motoren. Sogar die Jüngsten vor Ort scheinen davon überzeugt.Die Hände schmutzig machen«Bei den Oldtimern muss man noch die Haube auftun und schauen, wo der Fehler ist.» Daniel Schaufelberger, Jahrgang 2009, macht eine Lehre bei der Garage Frieden Classics. Die Firma hat sich auf Bentleys und Rolls-Royces aus der Vorkriegszeit spezialisiert.Um die Oldtimer-Szene hat sich ein Wirtschaftszweig gebildet. Fahrzeugbesitzer geben Geld für Reparaturen, Restaurationen oder Versicherungen aus. 2020 berechnete der Dachverband der Oldtimer-Welt, die Swiss Historic Vehicle Federation, dass mit historischen Fahrzeugen eine jährliche Wertschöpfung von einer halben Milliarde Franken verbunden ist.Davon profitieren viele Kleinbetriebe und Handwerker: Motorenbauer, Zylinderschleifer, Sattler, Karosseriebauer oder Holzarbeiter, angehende Spezialisten wie Schaufelberger.Nach der Messe zurück an die Arbeit: Daniel Schaufelberger in seinem Lehrbetrieb in der Zentralschweiz.Daniel Schaufelberger arbeitet an einem Bentley: ohne digitales Display.Ihm mache es viel mehr Spass, selbst ein Problem zu lösen, gerade hat er aufwendig ein Ölleck bei einem Oldtimer repariert. «Bei den modernen Autos steckt man einfach ein Kabel ein und sieht auf dem Bildschirm, wo der Defekt ist.» Hier mache er die Arbeit noch mit den Händen.In seinem Alter sei er einer der wenigen, die sich für alte Fahrzeuge interessierten, sagt Schaufelberger. Seine Kollegen stünden eher auf die neueren Mercedes und BMW.Es sind jene Modelle, von denen sie in ihren jungen Jahren träumen. Ob in einem Kinderzimmer bald das Poster eines Ferrari Luce hängen wird?Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel