Vom Schädling zum Liebling: Die Taube ist ein Animal politique – und erlebt einen überraschenden ImagewandelIn New York wird die Taube als neues Wahrzeichen gefeiert. Und Basel stimmt demnächst über betreute Nistplätze für die einst verhassten Tiere ab. Die «Ratten der Lüfte» haben immer mehr Fans.31.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenRoter Teppich für die Taube: Sie soll ein würdiges Leben haben, sagen Tierschützer.Benjamin Manser / CH MediaMitten in New York thronte bis vor kurzem eine fünf Meter hohe Taube. Vorwitzig blickte sie auf die vorbeibrausenden Autos und Taxis. Die Statue stand als temporäres Kunstprojekt auf einer alten Eisenbahnbrücke und entwickelte sich zu einem Treffpunkt für Leute, die mit ihren selbst domestizierten Tauben auf den Schultern für ein Selfie anreisten. Eine unerwartete «Subkultur» von Taubenliebhabern habe die Statue angelockt, so sagte es eine Kuratorin in der «New York Times». Als die Installation abgebaut wurde, gab es mehrere Petitionen dagegen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Taube macht etwas mit uns. Viele Städter ekeln sich vor ihr. In der Kunstgeschichte hingegen wird sie als Symbol des Friedens und der Liebe verehrt. Zunehmend gilt sie in gewissen Kreisen aber vor allem als ein Sinnbild für den kaltherzigen Umgang des Menschen mit Tieren, die sich nicht an eine Leine binden lassen. Das war kürzlich in Zürich zu beobachten.Mitte März ging ein Video viral, das zeigte, wie Wildhüter in Zürich Tauben in abgedunkelte Käfige lockten, um sie zu keulen. Schlag auf den Kopf, Genickbruch, tot. Die Stadt setzt seit Jahren auf diese Methode, um die Population zu dezimieren. Denn die städtischen Reinigungsdienste müssen pro Jahr 80 Tonnen Taubenkot von Parkbänken und Trottoirs kratzen.Doch es kam, wie es kommen musste: Nach dem Video der jüngsten Aktion gegen Taubenscheisse versank die Stadt erst recht in einem Shitstorm.«Zürich, einfach Mittelalter» – so prangerte der deutsche Influencer Malte Zierden die Aktion an. Zierden ist ein Typ, der sich «Präsident von Tauben» nennt und auch schon mit schusssicherer Weste eine Taube aus der kriegsversehrten ukrainischen Stadt Cherson gerettet hat, um ihren verletzten Flügel operieren zu lassen. Man kann das Tierliebe nennen, aber man muss nicht.Das Video wirkte. Wenige Tage später standen am Bahnhof Zürich 150 Taubenfreunde aus der ganzen Schweiz zu einer «Mahnwache» zusammen. Auf lilafarbenen Plakaten war zu lesen: «Rechte für Stadttauben jetzt!» Auch die Zürcher SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser meldete sich zu Wort und postete ein Video, in welchem sie vom schönen «Farbkonzept» der Tauben schwärmte.Die Geschichte passt zum Hype um den Wal Timmy. Seine wochenlange Rettungsaktion in der Ostsee war zum Symbol einer mit dem Leid dieser Welt überforderten Gesellschaft geworden. Vielleicht trifft diese Deutung auch auf die Taube zu. Aber es geht da noch um mehr.Umdenken in der Fachwelt: vom Animal TurnIn zwei Wochen stimmt der Kanton Basel-Stadt über eine Volksinitiative ab, die «betreute Taubenschläge» fordert, in denen die Tiere nisten können und artgerechtes Futter erhalten. Für kranke und verletzte Tauben gäbe es Pflegeplätze. Die Wildhüter würden auf massenhafte Tötungen verzichten, aber den Tauben dafür nach der Brut die Eier wegnehmen. So soll der Bestand halbiert werden.Hinter der Initiative steht eine parteilose Bürgerin, die sich am Taubendreck auf ihrem Balkon störte und der Stadt vorwarf, das Problem zu ignorieren. Sie fand viele Unterstützer, sogar die bürgerliche LDP ist dafür. Und die Regierung sah sich gezwungen, einen moderateren Gegenvorschlag auszuarbeiten.Die Initiative orientiert sich an der Stadt Augsburg, welche seit dreissig Jahren Taubenschläge betreibt, um die Population zu kontrollieren. Fachleute loben das Augsburger Modell, auch Städte wie Bern und Winterthur haben es eingeführt. Denn vielen Biologinnen und Tierethikern ist schon lange klar: Die Taube nur als schmutzigen Schädling zu sehen, wird ihr nicht gerecht.Das hat auch mit einem Umdenken in der Fachwelt zu tun. Oft ist dabei vom Animal Turn die Rede, von einer Einsicht, dass Tiere keine biologischen Objekte sind, sondern soziale Wesen, die das gesellschaftliche Leben mitgestalten. Auch der Biber wurde als vermeintlicher Schädling einmal fast ausgerottet, heute gilt er – Zitat Bundesamt für Umwelt – als «wirkungsvoller Partner für lebendige Gewässer».Ist die Taube also so etwas wie eine städtisch-kollektive Mitbewohnerin? Sie hat jedenfalls immer wieder die Nähe zum Menschen gesucht – und er zu ihr.Einst ein edles HaustierDie Geschichte dieser Symbiose beginnt vor über 10 000 Jahren im Nahen Osten, wo der Ackerbau entstand. Wilde Felsentauben suchten die Nähe zum Menschen, weil sie auf den Getreidefeldern viel Futter fanden. Die Bauern wiederum nutzten den Kot der Tauben als Dünger, und wenn sie Hunger hatten, schlachteten sie eine und assen das Fleisch. In den Höfen und Klöstern des Mittelalters wurde die Taube gerne als edles Haustier gehalten.Und weil Tauben stets den Weg zurück in ihr Nest finden, setzte man sie auch als Dienstboten ein. Der Gründer der Nachrichtenagentur Reuters startete sein Geschäft im Jahr 1850 mit 45 Brieftauben. Und für die Schweizer Armee flatterten Tauben bis 1994 (ja, 1994) in militärischem Dienst umher.Doch irgendwann verlor die Taube ihre Jobs, ihren Status, ihre Anerkennung. Im zwanzigsten Jahrhundert nistete sie sich in den schnell wachsenden Städten ein, weil in den Ritzen der Pflastersteine immer ein paar Brotkrümel zu finden waren. Sie vermehrte sich auch deshalb so stark, weil es überall Menschen gibt, die hin und wieder eine Handvoll Körner ausstreuen, wenn die Tauben angetänzelt kommen. Und das, obwohl Füttern vielerorts verboten ist.Für Taubenfans ist die Taube heute ein vernachlässigtes Haustier, um das es sich zu kümmern gilt. So argumentieren auch die Initianten in Basel-Stadt. Der Kanton hingegen hält fest, dass die Taube auch allein zurechtkommen müsse, da sie «gemäss Bundesrecht» ein Wildtier sei. Doch wer hat recht? Die Frage bleibt umstritten. Aber die Taube ist im Aufwind.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Vom Schädling zum Liebling: Die Taube hat ein neues Image als urbane Mitbewohnerin
In New York wird die Taube als neues Wahrzeichen gefeiert. Und Basel stimmt demnächst über betreute Nistplätze für die einst verhassten Tiere ab. Die «Ratten der Lüfte» haben immer mehr Fans.













