Falsche Inflationserwartungen und der «kranke Mann Europas»Die Demokraten haben die Wahlen 2024 auch wegen der «Eggflation» verloren. Und die deutsche Regierung hat das Wünschbare mit dem Machbaren verwechselt.Tobias Straumann31.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenPolitisch höchst bedeutsam: Die steigenden Eierpreise sollen zur Niederlage der Demokraten bei der letzten Präsidentschaftswahl in den USA geführt haben.Tom Williams / ImagoWirtschaftliches Handeln ist immer auf die Zukunft bezogen. Deshalb spielen Erwartungen eine entscheidende Rolle, sei es beim individuellen Konsum, bei den Investitionen, den Lohnverhandlungen oder den Jahresbudgets. Zentral ist dabei die erwartete Inflation.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn zum Beispiel die Sozialpartner davon ausgehen, dass die Preise nächstes Jahr um zwei Prozent steigen, werden die vereinbarten Löhne in der Regel um mindestens zwei Prozent angehoben. Ein vorsätzlich beschlossener Reallohnverlust kommt in der Schweiz selten vor.Die Inflationserwartungen sind aber oft fehlerhaft, so dass die Ergebnisse der Entscheidungen nicht immer wunschgemäss ausfallen. Im Jahr 2020, zum Beginn der Corona-Pandemie, sanken die Preise um 0,7 Prozent, während die Prognostiker eine Inflationsrate von 0,1 bis 0,2 Prozent vorausgesagt hatten. Entsprechend stiegen die effektiven Reallöhne um 1,5 Prozent.Das Gegenteil ereignete sich im Jahr 2022, als der russische Angriff auf die Ukraine einen Energiepreisschock auslöste. Die Inflationsrate stieg um 2,8 Prozent statt um 1,0 bis 1,1 Prozent, wie prognostiziert worden war. Entsprechend sanken die Reallöhne im Durchschnitt um 1,9 Prozent.Es sind aber nicht nur die unvorhersehbaren Ereignisse, die unsere Erwartungen regelmässig über den Haufen werfen. Neue Forschungen haben gezeigt, dass viele Leute auch deshalb fehlerhafte Erwartungen bilden, weil sie die gegenwärtige Inflation nicht genau kennen.Medikamente sind billiger gewordenSo überschätzen sie in Zeiten der steigenden Inflationsrate die tatsächlichen Preissteigerungen meist um eine substanzielle Prozentzahl. Der Grund ist, dass sie sich durch die Preisaufschläge von einzelnen Konsumgütern zu stark beeinflussen lassen.Besonders empfindlich reagieren sie auf die Erhöhung der Eierpreise. Die Niederlage der Demokratischen Partei der USA bei den Wahlen im November 2024 wurde laut Wahlanalysen teilweise durch diese sogenannte «Eggflation» verursacht.Eine andere Quelle der fehlerhaften Inflationswahrnehmung ist der Anstieg der Krankenkassenprämien. Die meisten Leute sind der Meinung, dass die Abgaben an die Krankenkassen in die Inflationsberechnung einfliessen. Das ist nicht der Fall. Der Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) enthält nur die Preisänderungen der erworbenen Güter und Dienstleistungen und gewichtet sie entsprechend dem Konsum eines durchschnittlichen Haushalts.Nicht enthalten sind Zwangsabgaben und Steuern wie zum Beispiel die Krankenkassenprämien, denn ihre Höhe ist das Resultat eines komplexen Systems, bei dem die Preise nur einen Teil ausmachen. Viel wichtiger ist zum Beispiel das Volumen der in Anspruch genommenen Leistungen.Wenn wir nur die Preise der Medikamente und medizinischen Leistungen in den Fokus nehmen, ergibt sich sogar genau das gegenteilige Ergebnis: Sie sind in den letzten fünfzehn Jahren im Schnitt 10 Prozent billiger geworden. Das schweizerische Gesundheitssystem wird immer produktiver.Eine Überschätzung der Inflationsrate ergibt sich auch aus einer einseitigen Beobachtung des Wohnungsmarktes. Im Gegensatz zu den Krankenkassenprämien sind die Mieten zwar im LIK abgebildet – sie machen etwa 20 Prozent der Ausgaben eines durchschnittlichen Haushalts aus – und sind in der Tat gestiegen: Seit 1990 haben sie sich verdoppelt.Aber weil die öffentliche Wahrnehmung von der Entwicklung der Neubaumieten geprägt ist und die Bestandsmieten kaum für Schlagzeilen sorgen, entsteht ein allzu pessimistisches Bild. Im schweizerischen Durchschnitt ist der jährliche Mietanstieg moderat.Deutschland stagniert seit 2020Natürlich kann die individuelle Betroffenheit deutlich vom durchschnittlichen Haushalt abweichen. Vor allem in Zeiten von Preisschocks ist eine soziale Schere zu beobachten, weswegen die Behörden die ärmeren Haushalte meist mit Subventionen unterstützen – so auch während der Energiepreiskrise 2022/23.Es gilt unbedingt dem Eindruck entgegenzuwirken, dass «das System» im Notfall nur den Interessen der Bessergestellten diene. Aber bei einer moderaten Inflation sind die Unterschiede vernachlässigbar. Der Eierkonsum hat einen Anteil von 0,2 Prozent an den gesamten Haushaltsausgaben. Daraus lässt sich kein klassenkämpferisches Programm ableiten.Gleichwohl sollte man die Gefahr von unrealistischen Vorstellungen und Erwartungen nicht unterschätzen. Sonst droht ein Szenario, wie wir es in Deutschland beobachten können. Statt nüchtern abzuwägen, wie eine künftige Energieversorgung aussehen könnte, hat die Berliner Politik das Wünschbare mit dem Machbaren verwechselt und die Energiekosten der Industrie massiv verteuert.Die Folge ist, dass Deutschland als «kranker Mann Europas» seit 2020 wirtschaftlich stagniert. Sogar Grossbritannien, dem der Misserfolg des Brexits regelmässig vorgehalten wird, hat in den letzten fünf Jahren viel besser abgeschnitten. Nichts ist so teuer wie eine falsche Ideologie.Tobias Straumann ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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