Mittwoch, vergangener Woche im Stuttgarter Landtag: Cem Özdemir hält seit fünf Minuten seine erste Regierungserklärung als frisch gewählter Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Gerade hat der Grünen-Politiker der CDU dafür gedankt, dass in den Koalitionsgesprächen „etwas ins Rollen“ gekommen sei und man „vielmehr als den kleinsten gemeinsamen Nenner“ erreicht habe.In diesem Moment wird Özdemir von Thomas Strobl unterbrochen. Der CDU-Politiker hatte als Innenminister zehn Jahre vertrauensvoll mit Özdemirs Vorgänger, Winfried Kretschmann, zusammengearbeitet. Nun leitet er die Sitzung als neuer Landtagspräsident und ermahnt den CDU-Innenminister Manuel Hagel, weil der – entgegen der parlamentarischen Gepflogenheiten – von der Regierungsbank überschwänglich applaudiert hatte. „Wenn Sie der nachvollziehbaren Begeisterung für die Rede des Herrn Ministerpräsidenten Ausdruck verleihen wollen, tun Sie das bitte von Ihrem Abgeordnetensitz“, rügte Strobl seinen Parteifreund.Es ist ein heiterer, aber auch ein bemerkenswerter Moment. Im Wahlkampf hatten sich Hagel und Özdemir ein erbittertes Duell geliefert. Wegen des sogenannten „Rehaugen-Videos“ warf der CDU-Politiker den Grünen später eine Schmutzkampagne vor. Davon belastet, zogen sich die Sondierungsgespräche zwischen beiden Parteien über Wochen hin. Hinter den Kulissen wurde heftig gestritten. Noch nicht beste Freunde, aber immerhin schon mal Koalitionspartner: Cem Özdemir (l.) und Manuel Hagel. © IMAGO/Frank Ossenbrink Doch Grüne und Konservative haben sich zusammengerauft. 163 Seiten Koalitionsvertrag hat man verhandelt und dabei vor allem die kriselnde Wirtschaft in den Fokus genommen. Nach zehn Jahren Grün-Schwarz unter Kretschmann und Strobl soll im Ländle auch in den kommenden fünf Jahren ein Bündnis der beiden Parteien fortgesetzt werden.Was in Stuttgart gelungen ist, wird dieser Tage in Berlin genau beobachtet. Zwar regiert die Union im Bund mit der SPD, doch ein gutes Jahr nach Beginn der schwarz-roten Koalition ist der Aufbruch längst dahin. Die Koalition steckt im Stimmungs- und Umfragetief, seit Monaten kommt man beim Versuch eines großen Reformpaketes nicht voran. Und auch wenn es momentan keine Mehrheit für Schwarz-Grün gibt, scheint das Bündnis näher zu kommen.Das liegt vor allem an den Grünen, die sich in der Opposition neu positionieren. Nach der verlorenen Bundestagswahl hatten sich die Stimmen gemehrt, die angesichts der starken Konkurrenz der Linkspartei eine linke Kurskorrektur gefordert hatten. Doch der fulminante Wahlsieg Özdemirs in Baden-Württemberg hat die Debatte verändert.Parteichef Felix Banaszak, der eigentlich zum linken Flügel der Grünen zählt, schwärmte auf dem Parteitag von seinem ersten Auto und brachte zuletzt Lockerungen beim Kündigungsschutz ins Gespräch. Seine Co-Parteivorsitzende Franziska Brantner wiederum zeigte sich im Tagesspiegel-Interview offen für eine Ausweitung der täglichen Maximalarbeitszeit. Die Grünen bewegen sich bei der Rente Im Hintergrund arbeiten die Grünen aktuell zudem an einem eigenen Vorschlag für eine Rentenreform. Bereits vor Monaten machte Banaszak deutlich, wohin die Reise dabei gehen könnte: „Die reale Lebensarbeitszeit muss steigen“, sagte er im „Spiegel“. Zudem sollten auch Beamte, Freiberufler und Politiker in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen.Das Kalkül der Grünen scheint offenkundig. In den aktuellen Reformdebatten gibt sich die Partei deutlich kompromissbereiter als die SPD. Mit einem pragmatischen Kurs in der Sozial- und Wirtschaftspolitik will man die schwächelnden Sozialdemokraten abhängen und sich gleichzeitig für CDU/CSU hübsch machen. „Als Grüne müssen wir uns auch im Bund als glaubwürdige Reformpartei positionieren“, sagte der baden-württembergische Finanzminister Danyal Bayaz dem „Spiegel“.Bei der Reformagenda könnten wir mit den Grünen wahrscheinlich mehr erreichen als mit der SPD.Der CDU-Politiker Lukas Krieger schätzt die Grünen.Bei der Union, die im Wahlkampf noch mit scharfer Rhetorik gegen die Grünen mit Spitzenkandidat Robert Habeck aufgefallen war, wird das genau registriert. „Bei der Reformagenda könnten wir mit den Grünen wahrscheinlich mehr erreichen als mit der SPD“, sagt etwa der Berliner CDU-Politiker Lukas Krieger dem Tagesspiegel.Der Charlottenburger Abgeordnete pflegt auf Landesebene, wo im Herbst ein neues Abgeordnetenhaus gewählt wird, bereits Kontakt zu Vertretern der Grünen. Angesichts der engen Umfragen scheint es gut möglich, dass auch in der Hauptstadt künftig Konservative und Grüne zusammenarbeiten könnten. Krieger hält diese Option strategisch für relevant: „Für die Union ist es wichtig, dass wir uns nicht für immer an die Sozialdemokraten ketten, sondern auch offen für eine Zusammenarbeit mit den Grünen bleiben.“ Pizza-Connection trifft sich in Moabit Selbst frühere Kritiker der Grünen klingen in der Union inzwischen so: „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Grünen weniger strukturkonservativ sind als die Sozialdemokraten“, sagte etwa der Vorsitzende der Jungen Union, Johannes Winkel, dem Fachdienst „Table Briefings“. Noch vor zwei Jahren hatte Winkel im Tagesspiegel erklärt, eine Koalition mit den Grünen liege „völlig außerhalb der politischen Vorstellungskraft“. Schwarz-Grün sei „kein Zukunftsmodell“.Doch inzwischen scheint sich die Stimmung zu verändern. Die Pizza-Connection, ein diskreter Gesprächskreis von Konservativen und Grünen, trifft sich wieder regelmäßig in einem italienischen Restaurant in Berlin-Moabit, und auch auf hochrangiger Ebene gibt es mit CSU-Innenminister Alexander Dobrindt und Grünen-Fraktionschefin Katherina Dröge ein Duo, das sich überraschend gut versteht. Ausgerechnet Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) ist per Du mit der Grünen-Fraktionschefin Katherina Dröge. © dpa/Carsten Koall Doch längst ist nicht alles Sonnenschein zwischen Union und Grünen. In der Migrationspolitik trennen beide Parteien Welten, doch das Thema hat an Brisanz verloren. Und auch hier bemüht sich die Grünenspitze im Hintergrund, eine gemäßigtere Position zu finden, die von beiden Parteiflügeln unterstützt wird. Vor allem beim Klimaschutz bleiben jedoch Differenzen.Zu offensiv wollen die Grünen daher nicht um die Union buhlen. „Ich schaue realistisch auf CDU und CSU“, sagt Grünen-Chefin Brantner dem Tagesspiegel. „Die sind reichlich unsortiert und deshalb habe ich auch keine Sehnsucht nach Schwarz-Grün.“Gleichzeitig setzt Brantner auf einen konstruktiven Umgang mit dem Kanzler und seiner Partei: „Friedrich Merz hat als Oppositionschef so auf die Ampel-Parteien draufgehauen, dass er sich nun schwertut, mit der SPD zu regieren. Wir machen eine andere Oppositionsarbeit.“ Wo grüne Stimmen – etwa im Bundesrat – für vernünftige Politik nötig seien, lasse man mit sich reden.Über den Bundesrat wird künftig auch Özdemir den Kurs seiner Partei prägen. Via „FAZ“-Interview gab er dafür bereits den Kurs vor: „Ich würde mir wünschen, dass die Grünen stärker das Potential für sich erkennen, das in der Mitte da ist“, sagte Özdemir und erinnerte daran, dass man auch in der Außenpolitik viele Schnittmengen habe. Dass sich Grüne und Union wieder annähern, freut den Realo-Grünen: „Ich verfolge das mit Interesse.“ (Mitarbeit: Caspar Schwietering)