DatenanalyseIllustrationen Joana Kelén / NZZDie SVP-Initiative fordert einschneidende Massnahmen beim Erreichen von 9,5 und 10 Millionen Einwohnern in der Schweiz. Wann diese Werte erreicht werden könnten und was die Folgen wären.30.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Initiative gegen die 10-Millionen-Schweiz, über die am 14. Juni abgestimmt wird, ist geschickt konstruiert. Die SVP verknüpft die Bevölkerungszahlen von 9,5 und 10 Millionen mit zwei ihrer Kernanliegen: der Verschärfung des Asylrechts und der Kündigung der Personenfreizügigkeit. Demografische Projektionen und Studien zeigen, ob sich die 10-Millionen-Schweiz überhaupt verhindern lässt und was die Folgen wären, wenn die beiden Grenzen überschritten werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die zwei StufenIn der politischen Debatte ging es bisher vor allem um das Überschreiten der 10-Millionen-Grenze. Geschieht dies, müsste die Schweiz das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU kündigen, die Bilateralen I würden wegfallen.Doch bereits die erste Stufe der Initiative hat es in sich: Sie zündet, wenn die Schweiz 9,5 Millionen Einwohner erreicht. Das könnte laut dem Referenzszenario des Bundesamtes für Statistik (BfS) schon 2031 so weit sein. Der Bund müsste das Asylrecht verschärfen und die Schutzklausel der Bilateralen aktivieren, um die Einwanderung zu beschränken, was zu Streit mit der EU führen dürfte.Diese Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung, besonders über einen langen Zeitraum, sind nur bedingt verlässlich. Die geopolitische Lage ist instabil, eine grössere Flüchtlingswelle bis 2050 scheint durchaus realistisch. Genauso könnte eine Wirtschaftskrise in der EU die innereuropäische Migration in die Schweiz anfachen.Die Entwicklung kann aber auch die andere Richtung einschlagen: Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau nimmt derzeit rapide ab, in mehreren europäischen Ländern wird bereits um Rückkehrer gekämpft, so dass die Nettomigration in den nächsten Jahren ebenso gut sinken könnte.Nicht einmal die Statistiker sind sich einig darüber, wie viele Menschen bald in der Schweiz leben werden. So geht die Uno davon aus, dass die 10 Millionen gar nie erreicht werden. Das Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) der Universität Washington in Seattle rechnet mit einem rapiden Rückgang der Bevölkerungszahl ab Mitte des Jahrhunderts. Eurostat sieht es ähnlich wie das BfS, und das Wittgenstein Centre der Universität Wien erwartet ein Überschreiten der 10 Millionen erst im Jahr 2062.Die Grenze von 9,5 Millionen wird in den meisten Modellen und ihren Varianten überschritten. Ob auch die 10-Millionen-Grenze erreicht wird, ist hingegen nicht so sicher.Die Hebel: Einwanderung, Geburtenrate und LebenserwartungNimmt das Volk die SVP-Initiative an, so muss der Bund dafür sorgen, dass der Grenzwert von 10 Millionen Einwohnern eingehalten wird. Die Bevölkerungszahl hängt neben der Einwanderung auch von der Geburtenrate und der Lebenserwartung ab.Am unberechenbarsten ist dabei die Migration: Wie viele Menschen in die Schweiz kommen und wie viele wieder gehen, variierte in den letzten Jahren stark. Die Zahlen waren in den letzten Jahren hoch, nahe am hohen Szenario des BfS.Gleichzeitig ist die Migration auch die Variable, welche den stärksten Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung hat. Sinkt die Zuwanderung wie im tiefen Szenario angenommen auf 30 000 Personen pro Jahr, so würde die 10-Millionen-Schweiz gar nie Realität. In rund zehn Jahren würde aber die Marke von 9,5 Millionen erreicht.Durch die Personenfreizügigkeit mit der EU ist der Spielraum des Bundes bei der Zuwanderung beschränkt. Diskutiert wurden im Vorfeld der Initiative etwa ein Inländervorrang bei der Wohnungsvermietung, eine Einwanderungssteuer oder die bessere Nutzung von inländischem Arbeitskräftepotenzial. Doch alle diese Vorschläge haben Schwachstellen: Die Mietregelung ist rechtlich umstritten, bei der Einwanderungssteuer ist die Wirkung ungeklärt.Die Massnahmen, die Schweizerinnen und Schweizer zur Mehrarbeit motivieren würden, müssten auch erst gefunden werden. Eine Erhöhung des Rentenalters wäre effektiv, politisch jedoch schwierig durchzusetzen. Das Kontingent für Zuwanderer aus Drittstaaten liegt derzeit bei 8500 Personen pro Jahr. Dieses könnte reduziert werden, die Wirkung wäre aber beschränkt.Ein Trend der letzten Jahre dürfte das Bevölkerungswachstum etwas bremsen: die sinkende Geburtenrate. Sie ist von 1,52 im Jahr 2021 stark gefallen auf 1,28 im Jahr 2025. Damit ist sie bereits jetzt auf dem Niveau des tiefen Szenarios des Bundes.Der Einfluss der Fertilität auf die Bevölkerungsentwicklung ist jedoch weniger stark als jener der Migration: Wenn nur die Geburtenrate variiert, würde auch im tiefen Szenario des Bundes die 10-Millionen-Grenze überschritten, einfach im Jahr 2046, also fünf Jahre später als im Referenzszenario.Der Trend zu weniger Kindern ist global beobachtbar und dürfte sich noch akzentuieren, mit Folgen für Vorsorgesysteme und den Arbeitsmarkt. Politisch steuern lässt sich die Geburtenrate kaum, wie Studien zeigen. Massnahmen dürften aufgrund der zunehmenden Alterung der Bevölkerung ohnehin darauf abzielen, die Fertilität zu steigern und nicht zu senken.Ähnlich verhält es sich mit der Lebenserwartung, dem dritten Hebel in der Bevölkerungsentwicklung. Der Einfluss von politischen Massnahmen in entwickelten Ländern ist klein, und sie zielen natürlich darauf ab, die Lebenserwartung der Bürgerinnen und Bürger zu steigern und nicht zu senken.Die Folgen ab 9,5 MillionenKnackt die Schweiz die 9,5 Millionen, so müssten Bundesrat und Parlament Massnahmen «im Asylbereich und beim Familiennachzug» treffen. Konkret nennt der Initiativtext eine Massnahme: Integrierte vorläufig aufgenommene Personen sollen nicht mehr wie bisher nach fünf Jahren in der Schweiz per Härtefallregelung ein Bleiberecht erhalten können.Der Gedanke dahinter ist klar: Die Schweiz soll als Zielland weniger attraktiv werden. Die Abschaffung der Härtefallregelung würde aber auch einen Anreiz zur Integration beseitigen, denn um ein Bleiberecht zu erhalten, verlangen die Behörden eine überdurchschnittlich gute Integration.Der Effekt auf die Bevölkerungsgrösse dürfte überschaubar sein: Rund 5000 Personen wurden letztes Jahr vorläufig aufgenommen, der Bestand in der Schweiz beläuft sich auf rund 42 000 Personen. Rund 3500 Härtefälle erhielten 2025 ein Bleiberecht.Nur rund 8 Prozent der Nettozuwanderung in den letzten zehn Jahren entfiel auf die Asylmigration (ohne Ukraine-Flüchtlinge, welche 6 Prozent ausmachen). Ein Zahlenspiel von SRF mit den Projektionen des BfS zeigt: Selbst wenn die Asylmigration komplett wegfallen würde, käme die 10-Millionen-Schweiz trotzdem, einfach zwei Jahre später.Die vom Initiativtext verlangten Einschränkungen beim Familiennachzug stünden im Konflikt mit dem Freizügigkeitsabkommen (bei EU-Bürgern) oder der Europäischen Menschenrechtskonvention (bei der Asylmigration). Sie wären also kaum oder nur sehr begrenzt durchsetzbar.Als weitere Massnahme soll der Bundesrat bei Erreichen der 9,5 Millionen internationale Abkommen, die «bevölkerungswachstumstreibend» sind, neu verhandeln und vorhandene Schutzklauseln auslösen.Das würde die Bilateralen III betreffen, sofern diese vom Volk an der Urne gutgeheissen werden. Die neuen Verträge mit der EU sehen eine Schutzklausel vor, mittels deren die Schweiz die Zuwanderung einseitig begrenzen könnte, sofern es wegen der hohen Zuwanderung zu «schwerwiegenden wirtschaftlichen oder sozialen Problemen» kommt.Die Schweiz und die EU müssten sich dann auf Massnahmen einigen; am Ende könnte ein Schiedsgericht entscheiden, ob tatsächlich «schwerwiegende Probleme» vorliegen. Wenn dies nicht so ist, würde es der EU mehr Spielraum bei Gegenmassnahmen erlauben.Die Folgen ab 10 MillionenWird die Grenze von 10 Millionen überschritten, so müssen Bundesrat und Parlament laut Initiativtext «alle ihnen zur Verfügung stehenden Massnahmen zur Einhaltung des Grenzwertes» ergreifen. Ist dieser nach zwei Jahren nicht wieder unterschritten, muss die Schweiz das Abkommen mit der EU über die Personenfreizügigkeit kündigen. Aufgrund der Guillotine-Klausel wäre auch der Rest der Bilateralen I hinfällig. Dieser betrifft den Handel, den Flug- und den Landverkehr, die Landwirtschaft und Weiteres.Die Folgen eines solchen Wegfalls hat das Beratungsbüro Ecoplan vergangenes Jahr im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) berechnet: Würden die Verträge 2028 ausser Kraft gesetzt, würde das Bruttoinlandprodukt (BIP) im Jahr 2045 etwa 4,9 Prozent tiefer liegen, als wenn die Bilateralen bestehen bleiben. Pro Kopf wäre der Effekt mit –1,7 Prozent weniger gravierend, aber immer noch vorhanden. Positive Lohneffekte, welche durch den Wegfall der Konkurrenz aus der EU entstünden, würden durch den Wegzug von Firmen mehr als zunichtegemacht, die Reallöhne lägen um rund 1 Prozent tiefer.Pessimistischer ist eine Studie des Instituts BAK Economics im Auftrag von Economiesuisse. Diese geht von einem Effekt von –7,1 Prozent auf das BIP und von –4,7 Prozent auf die Wirtschaftsleistung pro Kopf im Jahr 2045 aus.In beiden Studien ist vor allem das Ende der Personenfreizügigkeit für die negativen Effekte verantwortlich. Eine weitere Studie, diesmal vom Beratungsbüro Demografik, hat zusätzlich die Folgen bei einer knappen Einhaltung der 10-Millionen-Grenze nach einem Ja berechnet. In diesem Szenario könnte der Bund die Einwanderung erfolgreich reduzieren, die Bilateralen blieben in Kraft. Die Effekte wären jedoch ähnlich negativ wie bei einem Ende der Personenfreizügigkeit.Interessanterweise würde das BIP pro Kopf laut der Demografik-Studie in beiden Szenarien kaum sinken. Bei den Wohnungsmieten erwarten die Autoren gar eine Verbesserung der Situation. Auch hier überwiegen aber am Ende die negativen Seiten: Wegen der stärker alternden Gesellschaft brauchten vor allem AHV und Krankenkassen mehr Geld, die Steuerlast würde steigen.Die Aussagekraft dieser Studien zum jetzigen Zeitpunkt ist aber begrenzt, weil sie Annahmen über einen relativ langen Zeitraum treffen. Sagt das Stimmvolk am 14. Juni Ja, so aktiviert es eine politische Zeitbombe. Ob und wann sie zündet, ist unklar. Bis es so weit ist, könnten Jahrzehnte vergehen, die Rahmenbedingungen und die politische Stimmung in der Schweiz könnten sich stark verändert haben. Die Folgen müsste eine neue Generation von Politikern und Steuerzahlern tragen – sofern bis dahin eine neue Initiative die Grenzwerte nicht wieder ausgehebelt hat.Passend zum Artikel
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