Abiy Ahmed lässt wählen. Führt Äthiopiens Ministerpräsident das Land in eine glorreiche Zukunft oder in den nächsten Krieg?Äthiopien könnte ein afrikanischer Gigant sein. Doch das Land hat gewaltige Probleme. Am Ehrgeiz des Machthabers fehlt es nicht.30.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDen Blick immer nach vorne gerichtet: Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed.Tiksa Negeri / Reuters«Welche Wahl?», fragen manche Analysten, wenn man sich erkundigt, ob sie etwas zu sagen hätten zu den Wahlen in Äthiopien. Am Montag wählt das Land mit der zweitgrössten Bevölkerung in Afrika, 130 Millionen Menschen, aber mit Demokratie hat der Urnengang wenig zu tun. Der Sieger wird Abiy Ahmed heissen, Ministerpräsident seit 2018. Bei der letzten Wahl gewann seine Prosperity Party 457 der 547 Sitze im Parlament. Diesmal könnte der Sieg noch deutlicher ausfallen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und trotzdem steht viel auf dem Spiel. Denn es ist unklar, wohin das Land, das wegen seiner Grösse eigentlich ein afrikanischer Gigant sein könnte, steuert. Viele Kommentatoren glauben: in einen nächsten grossen Krieg, der mehrere Nachbarländer hineinziehen könnte.Der Mann dagegen, der in Äthiopien alles und alle überstrahlt, Abiy Ahmed, sagt, er führe das Land in eine glorreiche Zukunft. Mit modernen Städten, grossen Fabriken, Autobahnen und einer Landwirtschaft, die das Land komplett selber versorgen könne.Es gibt gerade mehrere Äthiopien. So wie es auch mehrere Abiy Ahmeds zu geben scheint. Ist der 49-Jährige ein Grössenwahnsinniger, der das Land zerstören wird, oder ein Visionär, der es rettet?Vom Reformer zum KriegsherrnAls Abiy Ahmed sein Amt vor acht Jahren antrat, wurde er rasch zum Hoffnungsträger – nicht nur Äthiopiens, sondern ganz Afrikas. Abiy war der erste Oromo an der Spitze Äthiopiens, ein Vertreter der grössten ethnischen Gruppe, die bis dahin nie die Macht ausgeübt hatte. Er schien Ernst zu machen mit der Demokratie in einem Land, das bis dahin bleiern autoritär regiert worden war: Abiy gewährte Zehntausenden von politischen Gefangenen die Freiheit, liess verbotene oppositionelle Gruppen wieder zu, besetzte die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen.Und er schloss Frieden mit dem Nachbarland Eritrea, mit dem sich Äthiopien einen Krieg geliefert hatte, der bis zu 100 000 Todesopfer gefordert hatte. 2019 erhielt Abiy den Friedensnobelpreis.Aber nur ein Jahr später lag das Image des Reformers und Friedensstifters in Trümmern. Abiys Regierung stand im Krieg mit der Provinz Tigray im Norden, die vor Abiys Amtsantritt die Politik Äthiopiens während dreier Jahrzehnte dominiert hatte. Der Tigray-Krieg dauerte zwei Jahre, forderte vermutlich mehr als eine halbe Million Todesopfer, viele durch Hunger. Er war bisher einer der schlimmsten Kriege des 21. Jahrhunderts.Ein Dubai für OstafrikaAbiy Ahmeds Start als Reformer und vermeintlicher Demokrat ist lange her. Längst sperrt Äthiopien missliebige Oppositionelle wieder ein, orchestriert Online-Hetzkampagnen gegen sie. Kritische Journalisten riskieren ebenfalls, in Haft zu landen, ausländischen wird die Akkreditierung entzogen.Geblieben von den Anfängen ist Abiys Ehrgeiz, das Land umzukrempeln. Dieser konzentriert sich auf wirtschaftliche Grossprojekte. Die Hauptstadt Addis Abeba ist im Vergleich zu früher nicht wiederzuerkennen. Historische Gebäude wurden abgerissen, stattdessen zog Abiys Regierung Wolkenkratzer hoch, legte neue Velowege und Parks an – sie versucht, aus der 6-Millionen-Einwohner-Stadt ein ostafrikanisches Dubai zu formen.Ein geplanter neuer Flughafen soll der grösste in ganz Afrika werden. Eine Düngerfabrik für 4 Milliarden Dollar soll das Land von Düngerimporten unabhängig machen. Bereits im vergangenen Jahr weihte Abiy den Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamm am Nil ein. Dieser ist eines der grössten je in Afrika realisierten Infrastrukturprojekte. Er soll die Stromproduktion des Landes verdoppeln und Äthiopien Milliarden einbringen, indem das Land Strom auch exportiert.Einige volkswirtschaftliche Kennzahlen scheinen Abiy zu bestätigen. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert Äthiopien für 2026 ein Wachstum von 9,2 Prozent – mehr als das Doppelte des Durchschnitts in Subsahara-Afrika. Die Exporte sind seit 2024 um fast 50 Prozent gestiegen, die Inflation ist gesunken.Kaum wiederzuerkennen: die Skyline von Addis Abeba.Tiksa Negeri / ReutersSchöne Bilder, viele ArmeDoch das ist nur ein Teil des Bildes. Millionen von Äthiopierinnen und Äthiopiern kämpfen mit hohen Lebenshaltungskosten. Die Armutsquote ist gestiegen: 43 Prozent der Bevölkerung überleben laut der Weltbank mit weniger als 3 Dollar pro Tag. Vor zehn Jahren waren es 33 Prozent.Der Konfliktforscher Gerrit Kurtz, der sich bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik mit Äthiopien befasst, sagt: «Das primäre Ziel der Regierung scheint nicht zu sein, der Bevölkerung zu helfen, sondern schöne Bilder zu produzieren: eines erfolgreichen Landes, das Weizen und Strom exportiert und Elektroautos importiert.»Das Bild wird noch trüber, wenn man auf die politische Situation im Land blickt. In den Provinzen Amhara und Oromia – Abiys Herkunftsregion – führen Rebellen Krieg gegen die Zentralregierung. Auch der Konflikt mit Tigray spitzt sich wieder zu. Die eigentlich verbotene Tigray People’s Liberation Front (TPLF) hat eigenmächtig eine Regionalregierung in der Provinz eingesetzt. Gewählt wird in Tigray am Montag nicht.Analysten glauben, dass ein neuer Krieg mit Tigray unmittelbar bevorstehen könnte. Die TPLF hat sich Eritrea angenähert, dem einstigen Erzfeind Äthiopiens, und könnte sich mit der dortigen Regierung gegen Abiy verbünden.11 000 Kandidaten, kaum WahlkampfDer Ministerpräsident selber zündelt kräftig mit, vor allem, indem er immer wieder betont, dass sich das Binnenland Äthiopien einen Meerzugang erschliessen müsse. Dafür käme am ehesten die eritreische Küste infrage. Viele trauen dem ehrgeizigen Abiy durchaus zu, einen Krieg mit Eritrea anzuzetteln. Eine Alternative zur eritreischen Küste wäre Somaliland. Gespräche mit der von Somalia abtrünnigen Provinz haben bereits dazu geführt, dass sich die Spannungen zwischen Äthiopien und Somalia verschärft haben.Schliesslich riskiert Abiy einen weiteren Konflikt mit einem Nachbarland. Er unterstützt im sudanesischen Bürgerkrieg, der mehr als 13 Millionen Menschen vertrieben hat, die Rapid Support Forces (RSF), eine der beiden grossen Kriegsparteien. Im Februar berichtete die Nachrichtenagentur Reuters über ein geheimes Ausbildungslager der RSF auf äthiopischem Boden. Analysten befürchten, dass Äthiopien einen regionalen Krieg entfacht.Die Wahl vom Montag erscheint angesichts der vielen Brandherde schon fast wie Abiy Ahmeds geringstes Problem. Tatsächlich behandelt seine Prosperity Party die Wahl eher wie eine Pflichtübung. Zwar nehmen mehr als 11 000 Kandidatinnen und Kandidaten und 47 Parteien teil. Doch viele der Parteien und Kandidaten sind faktisch Handlanger der Regierungspartei. Wahlkampf findet kaum statt, selbst die Medien berichten wenig. Jene Parteien, die tatsächlich in Opposition zur Regierung stehen, durften keine Wahlkampfveranstaltungen abhalten. Ihre Vertreter berichten davon, eingeschüchtert zu werden. «Diese Wahl wird die schlimmste von allen sein», sagte die Generalsekretärin der Oppositionspartei EPRP (Ethiopian People’s Revolutionary Party) der Nachrichtenagentur AFP.Was sicher ist: Die Wahl wird als Sprungbrett für Abiy Ahmed dienen, seine Ambitionen in den nächsten Jahren weiter zu verfolgen. Gerrit Kurtz von der Stiftung Wissenschaft und Politik sagt: «Er ist überzeugt, dass alles richtig ist, was er sich überlegt – und das ist Teil des Problems.»Ein Artikel aus der «NZZ Folio»Passend zum Artikel