Schon beim Zuschauen tat es weh: Auf Schloss Prinzendorf trieben sich am Pfingstsamstag Performancekünstlerinnen Haken in ihre Körper. Was hätte wohl Hermann Nitsch, der jahrelang an dieser Stelle zu seinem Orgien-Mysterien-Theater lud, dazu gesagt? Vielleicht hätte er diesen Satz wiederholt: „Ich kann mir keine Kunst ohne Schmerz vorstellen.“Es gibt tatsächlich viele Parallelen zwischen den Live-Kunstwerken des 2022 verstorbenen Künstlers und der Performance, die Florentina Holzinger auf Nitschs Schloss in Niederösterreich inszenierte. Beide beherrschen die Kunst der Provokation und machen Provokantes zur Kunst. Dabei eint sie die Lust am Ausloten von Schmerzgrenzen, wie Holzinger gerade im österreichischen Pavillon bei der Biennale in Venedig unter Beweis stellt. Diesen Kunsttempel bespielen zu dürfen, blieb Nitsch versagt.Auf Schloss Prinzendorf floss beim Pfingstspiel reloaded viel Blut. Allerdings nicht, wie einst bei Nitsch, das von Tieren, sondern das der Performancekünstlerinnen am Haken. Vom medizinischen Standpunkt aus, so stellte ein Arzt fest, wurde alles getan, um Hygienevorschriften einzuhalten. Aber wie kann man nur diese Schmerzen ertragen?Als Florentina Holzinger und ihre zwölf Mitstreiterinnen nackt an zwei Haken am Rücken baumelten, wie Marionetten vor einem Tisch mit Essen und Trinken, dann war das eine Hommage an Nitsch, an sein „Letztes Abendmahl“. Eine feministische Interpretation der 13 Apostelinnen!Im Hof des Schlosses Prinzendorf lud Florentina Holzinger zu einer feministischen Performance. Nicole Marianna WytyczakWer sich vor oder nach diesem Spektakel die Zeit nahm, einzutauchen in Nitschs Museum in Mistelbach, konnte auf Aufnahmen einen Panzer entdecken, den er bei seinen Aktionen im Schlosshof auffahren ließ. Ein Panzer, überfahren von einem Monster-Truck, war auch bei Holzinger im Einsatz. Eine als weiße Taube verkleidete Performerin schwebte per Fallschirm vom Himmel, sie pflanzte eine weiße Fahne auf den sichtlich ramponierten Panzer, garniert mit „No war“-Statements. Sonderlich subtil kamen die Botschaften nicht daher. Wer hätte gedacht, dass im Vergleich dazu Nitschs Aktionskunst, die er als „ekstatischen Prozess“ beschrieb, vielschichtiger, tiefgründiger, ja feinfühliger wirkt?2025 hatte seine Witwe Rita den Versuch unternommen, einen Teil des Sechs-Tage-Spiels wiederzubeleben. Kochkünstler Max Stiegl schlachtete ein Schwein, es herrschte eine fast intime Atmosphäre, von der in diesem Jahr unter den 700 Leuten, die sich im Schlosshof drängten, kaum etwas zu spüren war. Der erste Versuch, Schloss Prinzendorf weiter als Stätte für Performancekunst zu etablieren, ist jedoch gelungen. Aber was kommt jetzt? Wie extrem muss es werden, damit man überhaupt noch auffällt? Wann wird Kunst zum Spektakel, zum Zirkus?Die Lust an Tabubrüchen verbindet Holzinger und Nitsch mit Milo Rau, dem Intendanten der Wiener Festwochen, die die Performance in Prinzendorf mitveranstalteten. Rau wollte mit der Einladung des umstrittenen Tech-Investors Peter Thiel zu einer Diskussion nach Wien provozieren. Das ist ihm gelungen. Man kann Kunstskandale kreieren, gerade in Österreich. Welche Meinung hätte Nitsch dazu, der darin Erfahrung hatte? Nitsch, für den Religion wichtig und „das Sein eine Art überpersönlicher Gottesbegriff“ war, und der Anti-Christ und Weltuntergangsprophet Thiel im Austausch – das wäre sicherlich hohe Kunst gewesen.Diese Kolumne erscheint auch im Österreich-Newsletter, der die Berichterstattung der SZ zu Österreich bündelt. Hier gleich kostenlos anmelden.