Angelika Paulus ist 67 Jahre alt und hat zum zweiten Mal Krebs. Wie viele Menschen sucht sie nach einem Weg, mit der eigenen Endlichkeit umzugehen. Und findet: einen Kurs, um einen Sarg selber zu bauen. Begleitung eines besonderen Heimwerkerprojekts.Von Joshua Kocher (Text), Dominic Nahr (Bilder)23.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDa liegen sie also, auf zwei Böcken in der Schreinerei: sechs Platten aus Fichtenholz. Deckel und Boden, 203,8 mal 61,9 Zentimeter, auf den Millimeter genau gesägt; die Seitenwände etwas schmaler, Kopf- und Fussteil noch einmal kleiner.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Angelika Paulus streicht mit der Hand über das Holz, Sägespäne bleiben an ihren Fingerkuppen hängen. Sie wischt sie an der Latzhose ab. Drei Tage wird sie hier sein, mit dem Bleistift Bohrlöcher anzeichnen und aus Kopf- und Fussteil sowie den Seitenwänden einen Kasten schrauben, später kommen Boden und Deckel dazu. Schon heute entsteht aus den Platten eine schlichte Holzkiste. Morgen soll daraus ein Bett werden. Und irgendwann wird jemand anderes die Anleitung zur Hand nehmen, die sie nach diesem Workshop mit nach Hause nehmen wird, und darin lesen, wie man dieses Bett wieder zurückbaut – zu dem Gegenstand, den Angelika Paulus hier eigentlich erschafft: Sie zimmert ihren eigenen Sarg.Newsletter «Das Wochenende»Inspirierende Reportagen, bewegende Geschichten, tiefgehende Hintergründe: Jeden Freitagnachmittag begleiten wir Sie mit ausgewählten Lesetipps in Ihr Wochenende.Jetzt kostenlos abonnierenAngelika Paulus ist 67 Jahre alt und erhielt im vergangenen Jahr zum zweiten Mal die Diagnose Brustkrebs. Diesmal ist der Tumor aggressiver, eine schwer behandelbare Form, bei der viele Medikamente nicht wirken, es bleibt vor allem Chemotherapie. Der Tod fühlt sich diesmal näher an. «Ich muss mich gezwungenermassen damit beschäftigen», sagt Angelika Paulus. Gezwungenermassen. Vielleicht zimmert sie den Sarg auch, um etwas in die Hand zu nehmen, während einer Situation, in der so vieles nicht mehr in ihrer Hand liegt.In den Wochen vor dem Kurs merkt sie, dass etwas ins Rutschen gerät. Während der Chemotherapie hatte sie funktioniert, Termine abgearbeitet, Entscheidungen getroffen. Doch jetzt, wo es ruhiger wird, kommt immer häufiger die Traurigkeit. An den vergangenen Abenden sass sie manchmal auf dem Sofa und hatte Tränen in den Augen. «Ich dachte, ich hätte mich damit abgefunden», sagt sie. «Aber da arbeitet noch etwas.»Sie hofft, dass sich das wieder ändert, indem sie ihren Sarg baut.Bauplan fürs Ende: In der Schreinerei Johannes Wittich lernen Menschen, ihre Särge selber zu Bauen.Unter Anleitung von Johannes Wittich führt Amgelika Paulus eine Kreissäge.Solange sie etwas tut, bleibt der Tod im HintergrundUnd deshalb steht Angelika Paulus jetzt also hier, in dieser Schreinerwerkstatt, und wartet darauf, dass ihr gezeigt wird, wie sie das schafft.Der Mann, der das übernehmen soll, kommt gerade in den Raum und stellt eine Box vor ihr ab. Johannes Wittich, ein 61 Jahre alter Schreiner mit mehr als 40 Jahren Berufserfahrung, einer Glatze und drahtiger Statur, ist Eigentümer dieser Werkstatt in Freiburg im Breisgau. Fünf solcher Kisten hat er vorbereitet: für jeden Teilnehmer eine. Darin liegen Schleifpapier, Akkuschrauber, Zwingen, Leim, Handschuhe, Schürze, Bleistift, Zollstock – und eine Tüte Gummibärchen. «Bis auf die Gummibärchen sollte heute Abend alles wieder in der Kiste sein», sagt er und lacht.Die Sonne fällt durch die Scheiben in die Werkstatt und legt sich warm auf Holz und Staub. Die Bohrmaschinen beginnen zu surren.Angelika Paulus merkt schnell, dass sich etwas verändert. Solange sie misst, anzeichnet, schraubt, ist da vor allem Konzentration. Die Gedanken daran, was diese Kiste einmal sein wird, treten erst einmal in den Hintergrund.Als der Brustkrebs zum ersten Mal kam, war Paulus 42, verheiratet und beruflich angekommen. Sie arbeitete als Ingenieurin im Betrieb ihrer Eltern, plante Baugruben, Schächte, Fundamente. Mit Therapie und Bestrahlung kämpfte sie sich zurück, nach fünf Jahren galt sie als geheilt. Doch etwas ist verlorengegangen. «Mein Urvertrauen», sagt sie. «Vorher dachte ich, es geht einfach immer weiter.»Sie hörte auf, Dinge aufzuschieben, und folgte ihren Impulsen. «Wenn mir etwas in die Hände fällt, dann mache ich das», sagt sie. Sie absolvierte Ausbildungen zur Sterbebegleiterin, zur Gestalttherapeutin und zur Heilpraktikerin, um ihre Krankheit und deren Folgen besser zu verstehen. Sie reiste nach Peru, lernte Tango zu tanzen, hielt Esel und Schafe. Vor drei Jahren ging sie in Rente, zur Feier fuhr sie mit einem Kreuzfahrtschiff in die Antarktis.Dann kam der Krebs zurück. Dabei hat sie noch so viel vor: ein Studium der Bildhauerei, Wandern, Reisen nach Namibia, Madagaskar, China. Und tanzen, immer wieder tanzen. Sie sagt: «Ich brauchte schon noch ein bissl Zeit.»Angelika Paulus hat ihr Testament verfasst, ihr Haus an ihre Nichten und Neffen überschrieben und eine Vorsorgevollmacht ausgefüllt. Nur an ihre Beerdigung hat sie sich noch nicht herangetraut. Sie weiss, dass sie verbrannt werden möchte, am liebsten wäre es ihr, ihre Asche würde verstreut. Das ist in Deutschland verboten. «Ich muss ins Ausland geschmuggelt werden.»Wer einen Sarg selber baut, bekommt eine «Schatzkiste»Wer einen Sarg selber bauen will, beginnt wie so oft bei Bauprojekten: mit einem Modell.Die Konstruktion von ihrem neuen «Bett» ist nahezu abgeschlossen. Das freut Angelika Paulus.Immer mehr Menschen suchen nach Wegen, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. In einigen deutschen Städten von Nord bis Süd werden Sargbaukurse angeboten, und auch in Bern gibt es das seit ein paar Jahren. Der Workshopleiter Johannes Wittich wählt für seine Kurse aber einen etwas anderen Weg als üblich: Die Teilnehmer bauen ihre Särge so, dass sie bis zum Ableben als Möbelstück genutzt werden können – als Bett, Regal, Kommode oder DJ-Pult. Die Idee dahinter: den Tod ins Leben holen.Die Idee für diesen Workshop kam dem Schreiner vor vier Jahren. Da starb ein guter Freund. Auf Wunsch der Witwe baute Wittich den Sarg. Mit der Flex schnitt er die Oberfläche rau, fast verletzlich, und die Kanten so fein und zerbrechlich wie die pergamentartigen Ellenbogen, die sein Freund vor dem Tod bekommen hatte. «Das war ein sehr persönlicher Sarg», sagt Wittich. «Es hat mir gut getan, ihn zu bauen.»Angelika Paulus arbeitet Loch für Loch, Schraube für Schraube an ihrem Sarg. Genau das tut ihr gut, sagt sie: dass es um etwas Konkretes geht. Ein Loch bohren, eine Schraube setzen, eine Entscheidung treffen – ein Gegensatz zur Krankheit, die sich nicht planen lässt.Am Nachmittag stehen fünf Särge nebeneinander auf Böcken. Angelika Paulus tritt einen Schritt zurück. «Jetzt mache ich mal ein Foto von meiner Kiste.»Eine andere Teilnehmerin hilft ihr, den Sarg ins Licht zu rücken. «Deiner wirkt schwerer als meiner – hast du was darin versteckt?» – «Goldbarren», sagt Paulus. «Das ist meine Schatzkiste.» Beide lachen.Alle staunen über die selbst gebauten SärgeBevor die Särge ihren eigentlichen Verwendungszweck erfüllen, dienen sie im Alltag als Möbelstücke.Angelika Paulus steht aufrecht im selbst gebauten Sarg, vorerst wird er ihr als Bett dienen.Am Ende des ersten Kurstags fegen alle Teilnehmer gemeinsam die Werkstatt und räumen das Werkzeug auf.In der Nacht liegt Angelika Paulus wach im Bett. Der Sarg soll morgen aufgesägt werden, damit er sich aufklappen lässt, Latten hinein, Füsse darunter – ein Bett. Johannes Wittich hatte vorgeschlagen, sechs Löcher in den Boden zu bohren und Flaschen als Füsse einzusetzen. Aber Paulus will keine Löcher in ihrem Sarg. Nach ihrem Tod soll die Kiste einfach zugeklappt und zugeschraubt werden, niemand soll noch daran herumschreinern oder Löcher stopfen. Also soll ein loser Rahmen das Bett tragen. Ja. So will sie ihren Sarg gestalten.Am nächsten Morgen schleift sie die Kanten glatt. Um sie herum wird gerechnet, gebohrt und geschliffen.Johannes Wittich bestimmt auf einem Blatt Papier den Winkel für den Sägeschnitt. Gegenkathete, Ankathete, Hypotenuse. Angelika Paulus schaut zu, die Stirn konzentriert gerunzelt. «Seit der Chemo fällt mir das Denken schwer.»Sie steigt auf einen Hocker, setzt die Tauchsäge an. «Vorsichtig», sagt Johannes Wittich. Dann beginnt sie zu sägen, Zentimeter für Zentimeter, der Blick fokussiert das Sägeblatt. Johannes Wittich führt die Maschine mit. Als der Schnitt durch ist, wischt sie sich die Späne aus dem Gesicht. «Oh jesses Gott.»Sie stellen den Sarg auf. Dann steigt Angelika Paulus hinein, schaut sich um, nach oben, zur Seite. Mit ihren 1,64 Metern bleibt über ihr viel Luft in der 2 Meter hohen Kiste – und sie lächelt.Um sie herum wird weiter gesägt, geflucht, beraten. Eine Teilnehmerin graviert mit der Flex ein Muster in den Sargdeckel. Eine andere bohrt Löcher in die Wände, um Regalböden einzusetzen. Einer baut Streben in seine Phonobar, ein anderer versucht, einen misslungenen Schnitt mit Schleifpapier zu kaschieren.Angelika Paulus schraubt Leisten an die Seiten, legt den Lattenrost ein. Jetzt sieht der Kasten aus wie ein Bett. 1,20 Meter breit, 2 Meter lang. An Kopf- und Fussseite läuft es von der Mitte schräg nach aussen, eine kleine Spielerei. Die aufgeklappte Kiste scheint auf dem Rahmen zu schweben, den sich Paulus in der Nacht ausgedacht hat. Sie klatscht mit Johannes Wittich ab. Die anderen kommen näher, staunen.«Wow.» – «Hätte ich gewusst, wie das aussieht . . .» – «Und der Rahmen!» Angelika Paulus hüpft. «Ich freu mich richtig», sagt sie. «Traumhaft.»Von der tiefen Traurigkeit, die sie vor dem Workshop gespürt hat, merkt sie nichts mehr. «Seit ich hier arbeite, ist es ruhiger geworden.»Die Schwester sagt: «Du machst wieder Sachen!»Wo fühlt sich das Holz noch rau an? Feines Schleifpapier hilft, um es dort zu glätten.Einen Sarg selbst bauen, das klingt für viele seltsam. Am Ende ist es aber doch nur: eine Holzkiste.Am nächsten Tag kniet sie vor ihrem Bett und zieht Strich für Strich den Klarlack längs zur Maserung über den späteren Sargdeckel. Sie will, dass das Holz dunkler wird.Um nach ihrem Tod alles so einfach wie möglich zu gestalten, bereitet sie den Sarg vor. Sie schraubt von innen kleine nummerierte Holzklötze an, damit sich der Deckel zuschrauben lässt. Sie fotografiert den Vorgang mit dem Handy und will die Fotos auf eine Anleitung drucken, mit deren Hilfe der Bestatter aus dem Bett wieder einen Sarg machen kann. «Ein bisschen komisch wird sich das schon anfühlen, lebend darin zu liegen», sagt sie.Auf einem Blechdeckel mischt sie Farben an und bemalt die Schraubenköpfe, die aus dem Holz blitzen. Rot, gelb, orange, blau. Sachte, als würde sie ihre Fingernägel lackieren. Auch die anderen Teilnehmer machen ihre letzten Schritte. Sie scherzen. Ob der Sarg wohl zum Transport aufs Autodach passt? Ob man ihn nicht auch als Dachbox nutzen könnte?Kurz vor Mittag der Feinschliff. Der Lack hat das Holz von Angelika Paulus’ Sarg aufgeraut, sie greift zum feinen Schleifpapier. Dann fährt sie mit der Hand darüber, prüfend, wie am ersten Tag.Irgendwann hält ein Fiat-Transporter vor der Werkstatt – es ist Paulus’ Schwester. Sie schüttelt lachend den Kopf, als sie Angelika Paulus und ihr Sargbett sieht. «Du machst wieder Sachen!»Paulus klappt die Kiste zu. Gemeinsam wuchten die Schwestern sie ins Auto. Für einen Moment sieht der Gegenstand ganz alltäglich aus: nur eine Kiste aus Holz.Angelika Paulus ist stolz auf ihre besondere Holzkiste. «Du machst Sachen!», sagt die Schwester.Passend zum Artikel
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Angelika Paulus sucht einen Weg, mit der Endlichkeit umzugehen. Ihre Lösung: Ein Sargbaukurs. Den eigenen Sarg selber bauen als Therapie.








