Dong Guangping trieb in einem weißen Schlauchboot. Als südkoreanische Fischer den früheren chinesischen Polizisten und Dissidenten 38 Seemeilen vor der Westküste von Südkorea entdeckten, war Dong schon dreißig Stunden auf See. Sein Außenbordmotor hatte versagt – eigentlich, sagte er später, wollte er Japan erreichen. Anfang der Woche griff ihn die südkoreanische Küstenwache auf. Jetzt ermitteln die Behörden wegen des Verdachts auf Verstöße gegen das Einwanderungsrecht. Menschenrechtler riefen dazu auf, Dong Asyl zu gewähren. Der Mann ist 68 Jahre alt.Für Seoul wird das zu einem diplomatischen Problem. Es ist Dongs vierter Fluchtversuch in ein chinesisches Nachbarland, um nach Kanada zu gelangen, das seiner Familie bereits Asyl gewährt hat. Doch Peking dürfte auch diesmal seine Auslieferung verlangen. Und die Regierung in Seoul will die Beziehungen zu China grundsätzlich stabilisieren. Ohnehin hat Südkorea in der Vergangenheit nur einer geringen Anzahl von Antragstellern politisches Asyl gewährt.Dieses Foto, das von der Polizei von Taean zur Verfügung gestellt wurde, soll das Schlauchboot zeigen, in dem Dong sich befand, als er am Dienstag, dem 26. Mai 2026, vor der Westküste Südkoreas festgenommen wurde.APEin koreanisches Gericht lehnte einen Haftbefehl gegen Dong wegen illegaler Einreise ab. „Ich möchte mit meiner Familie vereint werden“, sagte Dong einem Reporter des südkoreanischen Senders Channel A nach seiner Anhörung am Donnerstag. Er habe einen Antrag auf Flüchtlingsstatus gestellt: „Ich hoffe, so schnell wie möglich nach Kanada zu kommen, und ich hoffe, die kanadische Regierung kann mir helfen.“ Die oppositionelle Volksmachtpartei in Südkorea forderte Seoul auf, Dong „vollen Schutz“ zu gewähren.Verurteilt wegen Tiananmen-GedenkenDong war Polizist in der zentralchinesischen Stadt Zhengzhou. 1999 wurde er aus dem Dienst entlassen, weil er eine Petition mitunterzeichnet hatte, die an den zehnten Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmen-Platz in Peking von 1989 erinnerte. Von 2001 bis 2004 saß Dong wegen „Anstiftung zur Subversion der Staatsgewalt“ im Gefängnis. 2014 wurde er noch einmal für acht Monate in Einzelhaft genommen, weil er öffentlich des Massakers gedacht hatte.2015 floh Dong mit seiner Frau und einer Tochter nach Thailand. Frau und Tochter konnten von dort nach Kanada ausreisen, ihn aber schoben die Thailänder auf Druck der chinesischen Behörden wieder in die Volksrepublik ab. In China wurde er zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt und 2019 entlassen. Noch im selben Jahr versuchte er dann, schwimmend eine vorgelagerte Insel des freien Taiwans zu erreichen. Doch griffen ihn chinesische Fischer auf und übergaben ihn den chinesischen Behörden.2020 floh Dong dann nach Vietnam, in ein Partnerland Pekings. Zwei Jahre lebte er dort versteckt in Hanoi, bis ihn die vietnamesische Polizei festnahm und ebenfalls nach China abschob. Die Volksrepublik verurteilte ihn wegen illegalen Grenzübertritts zu elf Monaten Haft, im Oktober 2023 wurde er entlassen.Wie jetzt Südkorea mit seinem Fall politisch umgeht, dazu hält es sich öffentlich noch bedeckt. Das Außenministerium in Seoul teilte mit, man prüfe die Angelegenheit. Auch das chinesische Außenministerium äußerte sich zunächst nicht näher. Ihr sei der Sachverhalt nicht bekannt, sagte Außenamtssprecherin Mao Ning.Die in Kanada lebende Aktivistin Sheng Xue berichtete, Dong sei aus der Küstenstadt Weihai in der ostchinesischen Provinz Shandong aufgebrochen. Mehr als 300 Kilometer sei er auf See nach Südkorea „in die Freiheit geflohen“. Sie rief die Behörden auf, ihn endlich nach Kanada zu lassen.
Chinesischer Dissident überlebt 30 Stunden im Schlauchboot nach Südkorea
Schon zum vierten Mal versucht der chinesische Dissident Dong Guangping, zu seiner Familie nach Kanada zu gelangen. Für Seoul wird das ein diplomatisches Problem.










