PfadnavigationHomeKulturKunstSaisonbeginn zu PfingstenAuf Sylt wäscht der Deutsche den Schweiß seiner Festlandexistenz von sichStand: 09:21 UhrLesedauer: 3 MinutenIntelligentes Leben auf SyltQuelle: Getty Images/Westend61Ende Mai beginnt auf Sylt die Sommersaison. Schon bei Wilhelm Raabe war die Insel Sehnsuchtsort deutscher Bürgerlichkeit. Aber lange vor den Punks und den „Ausländer raus!“-Sängern tummelten sich dort schon Verrückte. Hier ist auch der Wahnsinn landestypisch.Zu Pfingsten kommt bekanntlich der Heilige Geist über die Apostel – und der Geldadel nach Sylt. Auf der Insel vor der nordfriesischen Küste wird alljährlich am Pfingstwochenende die Sommersaison eingeläutet: Dann galoppiert die „jeunesse dorée“ wieder zu Tausenden mit aufgestelltem Kragen und Poloreiter auf der Brust in Kampen und Westerland ein. Dort sind der Moët und Ruinart bereits längst kaltgestellt.Als Frühsommerfrische des saturierten Bürgertums tauchte Sylt schon bei Wilhelm Raabe auf. In seiner Novelle „Deutscher Mondschein“ von 1873 verarbeitete er die Eindrücke eines Badesommers auf der Nordseeinsel. Der anonyme Ich-Erzähler – auf Sylt sind Namen nicht erst seit Christian Krachts „Faserland“ Schall und Rauch – bezieht im Dorf Tinnum sein Quartier und verbringt die Tage in gediegener Bürgerlichkeit: „Auf Sylt speiste ich, hielt eine Stunde auf einer Düne Siesta und lief dann geradeaus gen Norden den Strand entlang, manchmal bis zum Roten Kliff, jedoch gewöhnlich nur bis zu den Badehütten von Wenningstedt.“Lesen Sie auchBei einer seiner abendlichen Promenaden – „das Dünengras fing an, in einem kühlern Winde zu lispeln“ – begegnet er plötzlich einem scheinbar Verrückten. Der Mann rutscht eine der Dünen herab, baut sich vor dem Erzähler, einem Juristen, auf und stellt sich als „Löhnefinke – Königlich Preußischer Kreisrichter zu Groß-Fauhlenberge“ vor. Ein Kollege also, soso, man kennt sich sogar aus loser Korrespondenz über ein Aktenstück. Der Nachtwandler Löhnefinke gesteht, dass er mondsüchtig sei. Dieses runde „Beleuchtungsinstitut“ am Nachthimmel treibe ihn schier in den Wahnsinn. Seinen Ursprung habe das in der Revolutionszeit von 1848, da sei er nach einer politischen Volksversammlung eingeschlafen, während Mondlicht auf ihn gefallen sei. Auf das politische folgte das poetische Erwachen: „Er siegt uns allen ob, und in seinem Lichte gewinnen wir alle unsere Siege“, lallt der im Mondschein nachtwandelnde Justizbeamte Löhnefinke, worauf der Ich-Erzähler ihm trocken entgegnet: „Auch die Schlacht bei Königgrätz?“Wilhelm Raabes von leichter Hand skizzierte Groteske über die Mondschwärmerei der Deutschen verarbeitet die Nachwirkungen der gescheiterten 1848er-Revolution im Beamtentum und in der Bildungsbourgeoisie. Die einst revolutionäre Erregung wird in der Figur des Löhnefinke grotesk privatisiert, aus der politischen Bewegung ist eine verschobene Gemütsstörung geworden.Der Topos Sylt war schon zu Raabes Zeiten vor 150 Jahren eine Projektionsfläche deutscher Entlastungsfantasien. In der steifen Brise fühlt sich der Deutsche weltläufig, und in den Schaumkronen an der Küste und im Champagnerglas wäscht er den Schweiß seiner Festlandexistenz von sich. Wer also am Pfingstwochenende in Niebüll auf den Autozug nach Westerland rollt und auf der gut 45-minütigen Fahrt Raabes schmale Novelle liest, sieht danach die Insel noch einmal in einem anderen (Mond)licht: nicht nur als Reichenspielplatz, sondern auch als Ort, an dem die deutsche Bürgerlichkeit ihre Erschöpfung, ihre Sehnsüchte und ihre politischen Niederlagen auslüftet.