«Wir haben Mäuse auf unseren Feldern, in den Häusern, in der Klinik, der Schule – sogar in unseren Betten!»Eine kleine Gemeinde im ländlichen Westen Australiens kämpft mit einer Mäuseplage. Irgendwann wird sich das Problem von alleine lösen – doch bis dahin ist es ein verzweifelter Kampf.29.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenFür die Mäuse endet die Plage schlecht: Sie sterben alle.In der Einstreu liegt ein halbes Dutzend Mäuse – auf den ersten Blick scheinen sie zu schlafen. Doch als Joe Asselin die Holzpalette hochhebt, unter der die Einstreu liegt, rührt sich nichts. Die Mäuse sind tot. «Das Mäusegift wirkt», sagt Asselin trocken und lässt die Palette fallen. Dann, mehr als Erinnerung an sich selbst, murmelt er, dass er die Kadaver schnell entsorgen müsse. Bevor sie zu stinken beginnen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Asselin führt einen Hardware-Store, einen Laden für Handwerker-, Heim- und Gartenbedarf, in Morawa. Die Gemeinde liegt rund 300 Kilometer nördlich von Perth im australischen Teilstaat Western Australia und hat rund 600 Einwohner.Und geschätzt Millionen von Mäusen. Denn Morawa ist das Epizentrum einer Mäuseplage, die seit Wochen im Wheatbelt, dem Weizengürtel von Western Australia, grassiert.«Wir haben Mäuse auf unseren Feldern, in unseren Häusern, in der Klinik, der Schule – sogar in unseren Betten!», sagt Karen Chappel, die Gemeindevorsteherin, verzweifelt. Um zu zeigen, dass das keine Übertreibung ist, führt sie uns ins Büro der Gemeindeverwaltung. In mehreren Ecken liegen Pakete mit Mäusegift. Alle sind stark angeknabbert – immerhin: Die Köder scheinen den Mäusen zu schmecken.Ein angeknabbertes Paket Mäusegift im Büro der Gemeindeverwaltung.Doch egal, was man unternimmt, egal, wie viele Mäuse man tötet – ständig kommen neue. Es ist eine Sisyphusarbeit. «Die Bewohner sind mit ihren Nerven am Ende», sagt Chappel.Australiens Weizengürtel ist ein MäuseparadiesVier Häuser weiter von der Gemeindeverwaltung steht das lokale Lebensmittelgeschäft. Der Managerin ist die Verzweiflung anzusehen. Nein, sie wolle nicht über den endlosen Kampf gegen die kleinen Nager reden, sagt sie abwehrend. Und erzählt dann doch, dass sie und ihre Angestellten jeden Tag Stunden damit verbrächten, Fallen zu stellen und Köder auszulegen – und die toten Mäuse einzusammeln.Dennoch muss sie immer wieder angefressene Ware wegwerfen. Und dennoch riecht es in ihrem Laden leicht nach Verwesung. Jede tote Maus in jedem Loch zu finden, erweist sich als unmöglich. Auch auf den Strassen und Trottoirs von Morawa liegen überall tote Mäuse. In den Hauseingängen. Auf dem Sportplatz. Auf dem Campingplatz.Mäuse gibt es in Morawa immer. Doch normalerweise leben sie auf den Feldern. Wenn sich einmal eine in ein Haus verirrt, setzen Hauskatzen oder Mäusefallen dem Ausflug ein schnelles Ende.Die Felder um das Städtchen Morawa sind ein eigentliches Mäuseparadies. Wer über die leeren Überlandstrassen fährt, sieht Kilometer für Kilometer unendliche Weizenfelder – der Name Wheatbelt ist passend.Weizenfelder, so weit das Auge reicht: Die Wheatbelt-Region ist ein Mäuseparadies.Am Dorfeingang von Morawa lagern auf grossen Haufen noch Tausende von Tonnen Weizen von der Ernte, die Ende letzten Jahres eingebracht wurde. Ein Schaufelbagger lädt Weizen auf ein Förderband, vier Tonnen pro Schaufelladung. Er belädt Road-Train um Road-Train. Hundert Tonnen oder mehr können diese Lastwagen mit drei Anhängern transportieren. Sie karren den Weizen über 170 Kilometer auf Überlandstrassen nach Geraldton. Dort wird er auf Schiffe verladen und exportiert. Vor allem nach Asien.Mäuse richten in der Landwirtschaft hohen Schaden anWas genau zum Ausbruch einer Mäuseplage führt, ist laut Steve Henry von Csiro, Australiens nationalem Forschungsinstitut in der Hauptstadt Canberra, schwierig zu sagen. «Aber überdurchschnittlich viel Nahrung ist ein entscheidender Faktor», sagt er, der so viel über Mäuse geforscht hat, dass er den Übernamen «Mr. Mice Guy» trägt.Im Osten Australiens komme es alle fünf bis zehn Jahre zu einer Mäuseplage, im Westen sei es bis jetzt etwas seltener. Die Forschung versuche, diese Ereignisse früh zu erkennen, genau zu verstehen und so die Bekämpfung zu verbessern, sagt der Wissenschafter, der früher selbst als Bauer tätig war. An 190 Messstationen zählt Csiro die Mäusepopulation dreimal pro Jahr. Für das Riesenland, das fast 200 Mal so gross ist wie die Schweiz, ist das viel zu wenig.Der potenzielle Schaden für die Landwirtschaft ist hoch. 2021 führte eine Mäuseplage im Teilstaat New South Wales laut Henry zu Kosten von 660 Millionen australischen Dollar, rund 370 Millionen Franken: Ernteausfälle, Kosten für die Schädlingsbekämpfung und die von den Mäusen verursachten Schäden. «Ich habe einen Bauern getroffen, der musste Heu im Wert von 130 000 Dollar verbrennen, weil es von Mäusen verseucht war», sagt Henry.Mäuse waren ursprünglich in Australien nicht heimisch. Sie wurden von den europäischen Einwanderern eingeschleppt. «Wahrscheinlich schon mit der First Fleet», sagt Henry. Diese elf Schiffe aus England landeten 1788 in Botany Bay, in der Nähe des heutigen Sydney. Sie brachten die ersten Kolonialisten auf den Kontinent.Auch die wichtigsten «natürlichen» Feinde der Mäuse sind eingeschleppt: verwilderte Katzen und Füchse (die von den Kolonialherren für die Fuchsjagd freigesetzt wurden). Auch heimische Eulen, Greifvögel und verschiedene Rabenarten fressen Mäuse. Und Schlangen. In normalen Jahren halten diese die Mäusepopulation unter Kontrolle.Doch in Morawa herrscht alles ausser Normalität. Jamie Appleton führt am Eingang von Morawa das Roadhouse, eine Tankstelle mit kleinem Imbiss. Er wohnt etwas ausserhalb der Ortschaft. In der Allee zu seinem Haus hausen ein paar Eulen. «Die sitzen nur noch apathisch am Strassenrand, so vollgefressen sind sie», sagt er und rollt die Augen.Jamie Appleton betreibt das Roadhouse von Morawa. Er glaubte schon im Januar den Beginn einer Mäuseplage zu erkennen.Wenn die natürlichen Feinde der Mäuse mit Fressen nicht mehr nachkommen, hilft nur noch Mäusegift. Die Gemeinde gibt dieses kostenlos an alle Haushalte ab – zusammen mit einem Merkblatt, wie man das Gift sicher einsetzt.Morawa habe einen hohen Anteil an indigenen Bewohnern, deren Einkommen tief sei, sagt Chappel: «Diese können sich kein Mäusegift leisten.» Doch wenn ein Haushalt Mäuse zu bekämpfen versuche, diese sich im Haus nebenan aber ungehindert vermehren könnten, habe das nie ein Ende. Es gebe deswegen zeitweilig Streit unter Nachbarn. Sie ist froh, dass die Nachfrage nach dem kostenlosen Gift gross ist.Streit um das richtige MäusegiftDer Kampf gegen die Mäuse beginnt auf den Feldern rund um die Ortschaft. Eine zwanzigminütige Fahrt über eine gut planierte Staubpiste führt zur Hindmarsh Farm, dem Hof von Lindsay Chappel. Der Mann der Gemeindevorsteherin Karen Chappel will zeigen, wie er auf seiner 8000 Hektaren grossen Farm gegen die Mäuse vorgeht.Auf einem Ute, wie in Australien Pick-up-Trucks genannt werden, hat er einen Streuer montiert – so wie bei den Gefährten, mit denen im Winter in Schweizer Gemeinden Salz auf die Strassen verteilt wird. Damit wird er mit Zinkphosphat vergiftete Weizenkörner auf den Feldern ausstreuen.Der Bauer Lindsay Chappel (links) bespricht mit seinem Angestellten Ainslee Egan, wie sie die Mäuse bekämpfen.Chappels Angestellter Ainslee Egan klettert in den Ute und fährt los. Mit gut 50 Kilometern pro Stunde brettert er über die stehengelassenen Stoppeln vom letzten Jahr. Hinter dem klapprigen Toyota fliegen die vergifteten Körner in einem hohen Halbbogen auf das Feld. 75 000 australische Dollar (rund 42 000 Franken) hat Chappel bereits für Mäusegift ausgegeben. Soeben hat er weitere eineinhalb Tonnen eingekauft. Gekostet hat ihn das zusätzliche 12 000 Dollar. Was könne er anderes tun?, entgegnet er resigniert auf die Frage nach den Kosten.Um das Gift ist ein grosser Streit ausgebrochen. Beziehungsweise um die Dosierung. Just Anfang Jahr lief eine Sonderbewilligung für besonders hochdosiertes Mäusegift aus. Doch, so sagt der Forscher Henry von Csiro, es habe sich gezeigt, dass Mäuse resistenter gegen Zinkphosphat seien, als man zu jener Zeit angenommen habe, als das Mittel entwickelt worden sei.Obwohl Zinkphosphat kaum zu Vergiftungen bei Fressfeinden der Mäuse führe, müsse man die Dosierung so tief wie möglich halten. Denn es können auch Vögel die giftigen Körner aufpicken. «Wenn ein Gift aber zu wenig stark ist, um eine Maus sogleich zu töten, frisst sie nachher nicht mehr vom gleichen Köder», sagt Henry. Mäuse sind eben nicht dumm.Auf Drängen der Bauern haben die Behörden mittlerweile eine neue Sonderbewilligung ausgestellt. Für die Landwirtschaft ist wieder hochdosiertes Mäusegift verfügbar. Darauf angesprochen, zeigt der Landwirt Chappel nur auf die Etiketten, die auf den braunen Fässern mit dem Mäusegift kleben. Will heissen: Selbstverständlich hat er die stärkere Variante gekauft.Mit fünfzig Sachen gegen die Mäuse: Ainslee Egan bringt mit dem Ute auf einem Feld Mäusegift aus.Wenn der Verkauf von Mäusefallen Verluste wettmachtIm Dorf geht der Kampf weiter. In der südlichen Hemisphäre ist Spätherbst, es wird kühler. In der Nacht fallen die Temperaturen in Morawa auf unter zehn Grad. Viele Bewohner vermuten, dass die Mäuse in den Häusern die Wärme suchen.Asselin vom Hardware-Store macht sich Sorgen um seine Topfpflanzen, denen die Mäuse die Blüten abfressen. Auch Dünger oder Hundefutter musste er entsorgen, weil die Mäuse dahinter gingen. «Und sie fressen sich sogar durch die Deckel der Eimer mit Mäusegift», sagt er mit einem Kopfschütteln.Ein kleiner Trost, dass er zumindest diese Mäuse nun los ist. Und er kann einen Teil der Verluste kompensieren, weil er mehr Mäusegift und Mäusefallen verkauft als sonst. Auch Kitt, Stahlwolle und Bauschaum werden stark nachgefragt – alles, womit man Löcher und Ritzen stopfen kann, wo Mäuse durchkriechen.Die Mäuse fressen im Hardware-Store von Joe Asselin Hundefutter und Topfpflanzen an. Dafür verkauft er mehr Mäusefallen und Bauschaum.Wann beginnt eine Mäuseplage – und wann endet sie?Im Roadhouse quer über die Strasse vom Hardware-Store wirft der Betreiber Appleton den Behörden vor, dass sie zu langsam reagiert hätten. Es sei schon im Januar erkennbar gewesen, dass die Mäusepopulation ausser Kontrolle gerate, enerviert er sich. Doch die Gemeindeverwaltung habe zu spät reagiert. Dort datiert man den Beginn der Plage eher auf März oder April.Genau zu bestimmen, wann eine Mäuseplage beginne, sei nicht einfach, sagt der Forscher Henry. Die Wissenschaft arbeite daran. Denn das wäre der ideale Zeitpunkt, etwas dagegen zu unternehmen. Wenn sich die Mäusepopulation einmal explosionsartig vermehrt, ist die Bekämpfung schwierig. Mäuse sind äusserst fruchtbar: Bereits im Alter von fünf bis sechs Wochen können Weibchen trächtig werden. Die Schwangerschaft dauert nur drei Wochen, und jeder Wurf zählt fünf bis zehn Jungtiere.Darum die Frage an den Experten: Wie endet eine Mäuseplage? «Schlecht für die Mäuse», meint Henry lachend, «irgendwann kommt es zum Crash.» Krankheit und Hunger rafften die Population dahin, und sie kollabiere. Ob das allerdings jetzt mit Einbruch des Winters geschehe oder ob die Plage im Frühling mit dem wärmeren Wetter noch einmal losgehe, könne er nicht sagen.Dass das nicht bloss graue Theorie ist, weiss der Bauer Chappel. 1975, als er noch ein Teenager war, hat er schon einmal eine Mäuseplage erlebt. Eines Tages habe er ein paar kranke Mäuse gesehen. «Mein Vater sagte: ‹Das ist der Anfang vom Ende, in ein paar Wochen sind die alle tot›», erinnert sich der heute Siebzigjährige, «so war es denn auch.»Überall in Morawa liegen tote Mäuse.Passend zum Artikel
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