Ein Jahr nach der Katastrophe erinnern sich die Dorfbewohner an das Verlorene und schwören sich auf die Zukunft ein.28.05.2026, 20.33 Uhr4 LeseminutenBewohner von Blatten kehren ein Jahr nach dem Bergsturz in ihr Dorf zurück. Das Kreuz zeigt, wo früher die Kirche stand.Jean-Christophe Bott / KeystoneAn diesem Nachmittag liegen die Extreme wohl nirgends so nahe beieinander wie auf dem Schuttkegel von Blatten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Jahr ist es her, dass der Berg fast das ganze Dorf und einen seiner Bewohner unter sich begraben hat. Am Donnerstag haben sich genau dort, wo bis zur Katastrophe das Dorfzentrum lag, rund 500 Personen versammelt: zum Gedenken, aber auch zum Dank für alles, «was uns erspart geblieben ist», wie Gemeindepräsident Matthias Bellwald sagte.Die Extreme waren an der Feier überall greifbar. Zuerst räumlich: Mitten in der Schutthalde, die nun meterhoch über dem alten Dorfkern liegt, hat die Gemeinde ein Festzelt aufgestellt. Dann auch sprachlich: Weil das Zelt keine Aussenwände hatte, waren der Schuttkegel und der See, der sich dahinter gebildet und die intakten Häuser überflutet hat, jederzeit sichtbar. Bellwald beschrieb den Blick auf sein zerstörtes Dorf als «fast apokalyptisch». Doch schon wenige Sätze später sprach er von der Zukunft.Eine riesige GruppentherapieEs sei der Wunsch der Bevölkerung gewesen, erklärte Bellwald später den anwesenden Journalisten, diesen Tag gemeinsam und an diesem Ort zu verbringen.Dieser Wunsch hat sich in den vergangenen 12 Monaten immer wieder gezeigt. Mitglieder der Musikgesellschaft Fafleralp Blatten erklärten ihrer Vereinspräsidentin schon wenige Wochen nach der Katastrophe, dass sie sich nach gemeinsamen Aktivitäten sehnen. Auch die anderen Vereine nahmen ihre Aktivitäten bald wieder auf. Seit das Dorf auseinandergerissen wurde, so scheint es, ist das Bedürfnis nach Gemeinschaft gewachsen.Viele der Dorfbewohner sind am Donnerstag mit ihren Familien zu Fuss nach Blatten gekommen, über eine unbefestigte Notstrasse am Berg. Man sah sie schon von weitem kommen. Immer wieder hielten sie an, schauten hinunter auf den Schuttkegel, dann auf den kahlen Hang darüber.Es habe sicher geholfen, sagte Bellwald später, dass sich die Dorfbewohner am Donnerstag nicht zum ersten Mal mit der Zerstörung konfrontiert haben. In den Monaten nach der Katastrophe, als es noch keine Notstrasse gab, liessen sie sich im Helikopter über den Schuttkegel fliegen. Zuletzt konnten sie sich ihrem Dorf über die Notstrasse mit dem Auto oder zu Fuss nähern. Jetzt stehe man zum ersten Mal gemeinsam im Zentrum des alten Blatten. Bellwald bezeichnet das als eine Annäherung auf Raten.Man müsse sich mit dem Verlust auseinandersetzen, sagte Bellwald bereits vor der Feier. «Die Schwierigkeit ist es, sich an all das Schöne zu erinnern und trotzdem nicht in Katastrophenstimmung zu verfallen, wenn wir unser Dorf am Abend wieder verlassen müssen.»In diesem Sinn war die Feier nicht bloss eine Gedenkveranstaltung, sondern auch eine Therapie.Bundesrätin Karin Keller-Sutter, die zum Zeitpunkt des Bergsturzes noch Bundespräsidentin war, griff diesen Ansatz in ihrer Rede am Donnerstag ebenfalls auf. Sie erklärte, die Bilder der Katastrophe hätten sich tief ins kollektive Gedächtnis der Schweiz eingebrannt. Die Katastrophe habe gezeigt, wie verletzlich die Schweiz sei. «Aber auch, wie stark wir sein können.»Schweigeminute an der Gedenkfeier: Exakt ein Jahr nach dem Bergsturz läuteten die Glocken der Kapellen von Weissenried und Eisten, zwei Weilern, die intakt geblieben sind.J/Jean-Christophe Bott / Keystone300 verschiedene Wege der BewältigungSo gross das Bedürfnis nach Gemeinschaft unter den Blattnerinnen und Blattnern auch ist und so heilsam Momente der kollektiven Trauer sind: Am Ende bleibt die Verarbeitung der Katastrophe eine Einzelaufgabe. Und für ihre Bewältigung gibt es ebenso viele Wege, wie das Dorf Einwohner hat.Eine Dorfbewohnerin erklärte am Rande der Feier, sie sei froh, wenn sie diesen Tag hinter sich gebracht habe. Ein anderer erzählte, er stehe noch ganz am Anfang der Verarbeitung. Und ein Dritter ist froh, zurück in Blatten zu sein. «Selbst wenn es so aussieht wie jetzt.»Die Zerstörung war vom Festzelt aus sichtbar. Gemeindepräsident Bellwald bezeichnete sie als «fast apokalyptisch».J/Jean-Christophe Bott / KeystonSeit dem Tag der Katastrophe war Gemeindepräsident Bellwald der erste Verfechter des Wiederaufbaus. Schon an der ersten Pressekonferenz nach dem Bergsturz machte er klar, wie das Dorf wieder aufgebaut werden soll: «Wir wissen, wo Blatten zuhinterst im Tal ist. Wo die Kirche wieder stehen muss und unsere Häuser wieder stehen müssen.»Ein ganzes Jahr lang wiederholte er diese Botschaft, mit klaren Worten und ohne ein Schwanken in seiner Stimme. Als er am Donnerstag über das alte Blatten sprach, «eine Perle im Lötschental», und dann über den Berg, der dieses «Paradies» innert 40 Sekunden zerstörte, brach seine Stimme zum ersten Mal. Bellwald atmete ein paarmal tief durch und sagte dann wieder mit einem Lächeln: «Genau das wollte ich eigentlich vermeiden.» Aus dem Publikum kam verständnisvolles Lächeln.Schon wenige Augenblicke später hatte sich Bellwald wieder gesammelt. Er zählte in seiner gewohnten Kadenz alles auf, was man seit dem Bergsturz schon erreicht habe. Dann fügte er hinzu, welche Schritte nun als Nächstes folgen würden. Spätestens da war nicht bloss das Ziel wieder klar, auf das er die Bevölkerung einschwören will, sondern auch seine Stimme.Ständeratspräsident Stefan Engeler und Bundesrätin Karin Keller-Sutter auf dem Weg zur Gedenkfeier.J/Jean-Christophe Bott / KeystonePassend zum Artikel
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