Um zu verstehen, was sie damit meint, hilft ein Blick in ihre Biografie. Quaintance hat Wirtschaftswissenschaften studiert und 2009 ihr Diplom bei BMW gemacht. Danach leitete sie sieben Jahre lang den Münchner Standort der Softwareentwicklungsfirma Vectorform. „Mein Job war es, neue Technologien und deren Bedienung für große Firmen weiterzuentwickeln“, sagt die heute 41-Jährige. Ihre Vergangenheit in der Tech-Branche erkennt man an den Anglizismen, die ihr manchmal durchrutschen. 2014 stieg Quaintance bei Vectorform aus, es folgten fünf Jahre, in denen sie mit ihrem Mann, Kimo Quaintance, Unternehmen zur digitalen Transformation in Teams beriet.Im Jahr 2019 wurde Quaintance Mutter. „Ich habe oft gehört, dass sich mit der Karriere nicht viel ändert, wenn die Frau gut organisiert und der Partner cool ist“, sagt sie. „Aber das war für mich nicht wahr.“ Sie spürte einen Schmerz, den sie nicht erwartet hatte: Sie war nicht mehr die starke Führungskraft, sondern blieb zu Hause und bekam dafür keinen Applaus. Der Schmerz brachte sie ins Grübeln. Quaintance wurde klar: Über das Muttersein wird im Arbeitskontext selten gesprochen, genauso wie über Menstruationszyklus und Menopause.Für sie galt, zielorientiert durchzuarbeiten, um erfolgreich zu sein. „Ich komme aus Russland, da ist es kulturell noch mehr verankert, sich auf die Stärke zu fokussieren“, sagt Quaintance, die im Alter von acht Jahren nach Deutschland gekommen ist. Bei der Arbeit über ihre Menstruationsschmerzen zu sprechen, sei undenkbar gewesen. Obwohl, je nach Umfrage, bis zu 90 Prozent der Frauen unter moderaten bis starken Beschwerden vor oder während der Menstruation leiden sollen. Dazu gehören etwa Bauchkrämpfe, Rückenschmerzen, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen. Dass das im Grunde in der Arbeitswelt bis heute ein Tabuthema ist, störte die Unternehmerin plötzlich.Der weibliche Zyklus als SuperpowerAlissia Quaintance entschied sich, Schulungen rund um die Themen Menstruation und Menopause, ein Training zur Geburtsvorbereiterin und eine zweijährige Ausbildung zur Heilpraktikerin zu machen. Sie erzählt das an einem Vormittag Mitte Mai an ihrem Arbeitsplatz: Behandlungszimmer 3 einer Gemeinschaftspraxis im Münchner Arabellapark.Es ist nur ein kleiner Raum mit Blick ins Grüne. Behandlungsliege und Hocker, weißer Stuhl, grüner Sessel und Bücherregal, mehr nicht. Alissia Quaintance sitzt im Schneidersitz und mit Kräutertee in den Händen auf dem Stuhl. Sie trägt ein violettes T-Shirt, eine bunt gemusterte Hose, die blonden Haare zum Zopf zusammengebunden. „Ich bin nicht nur Heilpraktikerin, sondern wollte das Wissen auch für etwas anders nutzen“, sagt Quaintance. 2023 gründete sie ein eigenes Unternehmen, die Cycle Positivity GmbH. Es steht für mehr Bewusstsein für den Menstruationszyklus.Wenn es nach Quaintance ginge, sollten die hormonellen Schwankungen einer Frau beim Arbeiten eine viel größere Rolle spielen. „Ich kann nicht verstehen, warum der weibliche Zyklus in Unternehmen noch kein Thema ist“, sagt sie. „Seine hormonellen Wellen zu kennen, ist eine Superpower“. Dieses Wort, Superpower, wird im weiteren Gespräch noch häufiger fallen. Das ist, was hängen bleiben soll: Der Zyklus der Frau ist keine Schwäche, sondern das Gegenteil – Frauen müssten sie nur zu nutzen wissen.Mehr Wissen über Zyklusphasen soll die Produktivität steigernUm zu erklären, wie sie darauf kommt, zieht Quaintance den Leistungssport heran. Manche Profisportlerinnen passen ihr Training an ihre hormonellen Schwankungen an. Der Menstruationszyklus dauert durchschnittlich 28 Tagen, in denen Frauen ein Wechselspiel der Hormone Östrogen und Progesteron erleben. Nach der Monatsblutung steigt das Östrogen an, das stimulierend wirkt. Frauen fühlen sich in dieser Zeit häufig energiegeladen und können eher mit hoher Intensität trainieren. In der Zyklusmitte nach dem Eisprung steigt das eher entspannende Progesteron. Hier kann Ausdauertraining besser funktionieren.Zyklusbasiert zu trainieren soll effizienter sein, Verletzungen verringern und zu besseren Leistungen führen. „Meine Hypothese ist, dass es in der Arbeitswelt genauso ist: Mit mehr Bewusstsein für die Zyklusphasen können wir viel produktiver sein“, sagt Quaintance.Aber wie stellt sie sich das konkret vor? „Wenn das Östrogen nach der Blutung steigt, dann empfehle ich auf der Arbeit zum Beispiel ein kreatives Projekt anzufangen“, sagt sie. Wenn nach dem Eisprung das Progesteron hochfährt, dann könne man sich tiefer in Themen einarbeiten. Sie selbst orientiere sich auch daran. Zum Zeitpunkt des Gesprächs ist Quaintance in der Follikelphase, Tag neun, ihr Östrogenspiegel hoch, wie sie sagt. „Ich bin in der Follikelphase extrem produktiv, da halte ich zum Beispiel Vorträge“, sagt sie. Wenn sie dann in der zweiten Zyklushälfte Tiefs habe, versuche sie sich einen Tag freizunehmen. Eine Freiheit, die für viele berufstätige Frauen wohl unrealistisch klingt.Neben flexiblen Arbeitszeiten und Homeoffice-Reglungen sollten Unternehmen auch das Arbeitsumfeld besser ausstatten, findet Quaintance: Etwa mit Periodenprodukten auf allen Toiletten, die aber auch in der Gemeinschaftspraxis an diesem Tag fehlen. Frauen in der Menopause könnten zudem Ventilatoren und atmungsaktive Arbeitskleidung gebrauchen, da sie häufig an Hitzewallungen leiden.„Diese Hilfen sind meist nicht kostspielig und rechnen sich sogar für die Unternehmen“, sagt Quaintance. Auf der Sitzung der UN-Frauenrechtskommission dieses Jahres hieß es, dass „Menstruationsinterventionen“ am Arbeitsplatz, also für Frauen angepasste Einrichtungen und Zeitpläne, Fehlzeiten um bis zu 62 Prozent reduzieren und die Rendite verdreifachen könnten.Die großen Konzerne interessieren sich für das ThemaAls Beraterin versucht Quaintance zunächst das Bewusstsein für die Menstruation und Menopause in Unternehmen zu schaffen. Sie hält Vorträge, gibt Workshops und spricht regelmäßig mit Unternehmern. „Durch meine Vergangenheit habe ich ein Netzwerk, das mir zuhört“, sagt sie. Sie trat bei einer Konferenz von Microsoft auf, dann buchten Telekom und Siemens Vorträge und seit fast drei Jahren macht sie in Kooperation mit Amazon eine Aufklärungskampagne zu zyklusbasiertem Arbeiten. Bei Amazon werde das im Unternehmen bereits umgesetzt.Alissia Quaintance präsentiert ihre Ideen bei großen Firmen, hier beim AWS Summit Hamburg Mitte Mai. Anna-Sophie Schichtl/ Amazon Web ServicesIm Rahmen ihrer Arbeit werden auch Daten dazu erfasst, wie die psychologische Sicherheit und das Vertrauen in Teams steigt, wenn etwa der Menstruationszyklus zum Thema in Unternehmen wird. Zusätzlich arbeitet Alissia Quaintance mit der Wharton School der University of Pennsylvania an einem Bericht, der zeigen soll, dass das Einführen von Zyklusthemen einen positiven Einfluss auf Produktivität, Loyalität und Burn-out-Prävention hat.Ihr Wissen zu den Themen frische sie immer wieder auf, sagt Quaintance und zeigt auf das voll bepackte Bücherregal hinter sich. Da stehen Bücher mit Titeln wie „Making Sense of Menopause“, „Dealing with Problem Periods“ oder „Period Power“.Power und eine langfristig bessere Performance, das verbindet sie mit zyklusbasiertem Arbeiten. In Workshops und in den sozialen Medien loben Frauen wie Männer ihre Arbeit. Auch erste Krankenkassen werben für zyklusbasiertes Arbeiten, es gibt Apps und Onlinekurse, mit denen Frauen mehr über Zyklus und Produktivität lernen sollen. Im Vergleich zum zyklusbasiertem Sport ist die Studienlage aber immer noch dünn.Das Konzept hat auch KritikerUnd zyklusbasiertes Arbeiten finden nicht alle gut. „Natürlich gibt es viele, die sagen, dass ich nicht über die Zyklusphasen reden soll, weil ich Frauen damit klein machen würde“, sagt die Beraterin. Tatsächlich erscheint der Gedanke, die Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Arbeiten herauszustellen, wie ein Widerspruch gegenüber der Gleichstellung, die sich viele Frauen wünschen.Werden Frauen dadurch nicht wieder als das „schwächere Geschlecht“ stigmatisiert? Quaintance widerspricht, für sie ist der Zyklus keine Schwäche, sondern ein Business-Faktor, mit dem Frauen ihre Produktivität langfristig verbessern und gesund arbeiten können. Die Gynäkologin Nanette Santoro von der University of Colorado etwa hält das für eine „Vereinfachung“ der Realität, wie sie gegenüber dem British Medical Journal sagt. Auch andere Faktoren spielten in die Produktivität hinein.Für Quaintance ist zyklusbasiertes Arbeiten die Zukunft, sagt sie und legt ihre Beine auf dem Hocker vor sich ab. Junge Frauen würden Zyklusachtsamkeit immer öfter voraussetzen, dafür brauche es eine Kulturveränderung. Ihre langfristige Vision: Eine Arbeitswelt, in der die zyklischen Rhythmen als Stärke anerkannt werden. Noch arbeite Quaintance in ihrem Unternehmen alleine daran, „ich bin aber dabei, Fortbildungen für Unternehmen anzubieten, sodass es unternehmensinterne Coaches für Cycle Positivity gibt“, sagt sie. Für Quaintance ist das nicht nur ein Geschäftsmodell, sie versteht sich als Aktivistin: Sie hofft auf eine Bewegung, der sich möglichst viele anschließen sollen.
Menstruation: Sollte der weibliche Zyklus eine größere Rolle in Unternehmen spielen?
Alissia Quaintance will, dass hormonelle Schwankungen im Arbeitsleben stärker berücksichtigt werden. Mehr über die Menstruation zu sprechen, könne für Unternehmen auch wirtschaftliche Vorteile bringen.










