Als Teil der Choreografie vor dem Conference-League-Finale entrollten die Fans von Crystal Palace ein Spruchband. „This story shall the good man tell his son“, stand darauf: Diese Geschichte wird der rechtschaffene Mann seinem Sohn erzählen, ein Zitat aus dem Shakespeare-Drama „Heinrich V.“. Der gleichnamige englische König soll sein Heer im Hundertjährigen Krieg mit diesen Worten zu einem kraftvollen Schlag gegen die übermächtigen Franzosen in der berühmten Auseinandersetzung von Azincourt geführt haben.Was das mit Crystal Palace zu tun hat? Nun, die Mannschaft des früheren Frankfurter und Wolfsburger Trainers Oliver Glasner sollte ebenfalls zu einer besonderen Leistung inspiriert werden, die Ruhm versprach, den ersten internationalen Titel der Klubhistorie. Diesen errangen die Eagles am Mittwochabend in Leipzig.Es ging gegen Rayo Vallecano, den spanischen Tabellenzehnten der abgelaufenen Saison. Das zunächst ausgeglichene Spiel entschieden die Engländer zu Beginn der zweiten Halbzeit: Der frühere Mainzer Jean-Philippe Mateta traf per Abstauber zum 1:0 (51. Minute), nachdem Vallecanos Torwart Augusto Batalla einen Schuss von Adam Wharton vor Matetas Füße abgewehrt hatte. Palace vergab gute Chancen zum 2:0, entschärfte die Offensivbemühungen der Spanier in der Schlussphase aber routiniert.Finale der Conference League:Oliver Glasners nächster CoupDer frühere Bundesligacoach gewinnt mit Crystal Palace die Europa Conference League. Im Endspiel gegen Rayo Vallecano aus Spanien müssen die Londoner bis in die Nachspielzeit zittern – ehe sie den dritten Titel in zwölf Monaten bejubeln.Der Londoner Vorstadtklub südlich der Themse ist damit der dritte englische Sieger in der fünften Auflage der Conference League – nach West Ham United 2023 und dem FC Chelsea 2025. Für Palace ist der Erfolg die Vollendung eines herausragenden Jahres. Zum Ende der vergangenen Saison gewann der Klub erstmals überhaupt einen Titel, den FA Cup. Dieser berechtigte zur Teilnahme an der höherwertigen Europa League, aus der die Eagles aber wegen eines Verstoßes gegen sogenannte Multi-Club-Ownership-Regeln ausgeschlossen wurden. Folglich rutschte Palace in die Conference League ab, aus der sich der Verein nun mit dem Titelgewinn wieder in die Europa League zurückspielt. Dort dürfte man in der kommenden Saison diesmal auch zugelassen werden, denn Investor John Textor hat seine strittigen Anteile inzwischen vollständig an Landsmann Woody Johnson veräußert, der gemeinsam mit Josh Harris, David Blitzer, Robert Franco und Chairman Steve Parish das neue Konsortium bildet.„Wenn man einen Film schaut oder ein Buch liest, hofft man immer auf ein Happy End“, sagte Glasner bewegt. Seine Aussage hätte zum damaligen Konflikt gepasst, war aber auf seine eigene Situation bezogen. Im vergangenen Herbst hatte der Österreicher intern angekündigt, seinen auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern; Mitte Januar machte er diese Entscheidung öffentlich. Und wenn die Fans schon die historische Analogie bemühten: Glasner dürfte sich zuletzt ein wenig wie einst Heinrich V. gefühlt haben, da seine Kompanie zeitweise stark dezimiert und erschöpft wirkte. Palace bestritt mit einem dafür kaum angemessen besetzten Kader 60 Pflichtspiele, so viele wie Manchester City. Mehrere Leistungsträger wie Kapitän Marc Guéhi und Eberechi Eze wurden kurz vor Transferschluss verkauft und nicht gleichwertig ersetzt.„Das waren großartige, unglaubliche Tage in meinem Leben“, sagt GlasnerSeine Unzufriedenheit äußerte Glasner, 51, mehrmals deutlich. Während der Hinrunde hielt er der Führungsriege vor, der Verein hätte vor seiner ersten internationalen Saison „investieren, nicht sparen“ sollen. Zu Jahresbeginn, als Palace in der Premier League einbrach, verschärfte er den Ton und beklagte in einer öffentlichen Schimpftirade, seine Mannschaft werde „völlig im Stich gelassen“ und bekomme „keinerlei Rückhalt“. Die Vorsicht der Eigentümer stand im Widerspruch zu Glasners Ambitionen. Er sah nach seiner Übernahme im Februar 2024 das Potenzial, den Klub in die obere Tabellenhälfte der Premier League zu führen.Glasners Streben nach Weiterentwicklung wurde zwar bewundert, aber nur begrenzt ermöglicht. Chairman Parish hatte den ihm seit Kindertagen emotional nahestehenden Klub im Sommer 2010 vor dem unmittelbar drohenden Bankrott bewahrt. In einer Hauruckaktion übernahm er damals mit teils unbekannten Partnern die hoch verschuldeten Eagles. Seitdem gehörte es zu seinen erklärten Zielen, mit Palace einen Titel zu gewinnen, doch ein finanzielles Wagnis ging er dafür nicht ein. Entsprechend ist die Transferbilanz: Vier der fünf teuersten Zugänge und wiederum vier der sechs teuersten Abgänge fallen in Glasners Amtszeit.Die Trennung wirkte folgerichtig. Selbst bei Glasners Verabschiedung von den heimischen Fans am vergangenen Sonntag im Selhurst Park kamen die unterschiedlichen Standpunkte pointiert zur Geltung: Parish würdigte den Trainer „aus tiefstem Herzen“ für dessen Verdienste und überreichte ihm eine Miniatur der FA-Cup-Trophäe. Glasner habe „allen hier einen ihrer schönsten Lebenstage geschenkt“, sagte er. Glasner widersprach charmant: Er habe in seiner Palace-Zeit gelernt, man müsse dem Chairman „fast immer zustimmen“. Diesmal jedoch nicht. Denn er sei überzeugt, das beste Erlebnis stehe mit dem Conference-League-Finale noch bevor.Und siehe da: In Leipzig liefen Glasner und Parish versöhnlich vor die Fankurve und hielten gemeinsam den Pokal hoch. „Das waren großartige, unglaubliche Tage in meinem Leben“, konstatierte Glasner nach seinem zweiten Europacup-Triumph als Trainer (2022: Europa League mit Frankfurt). Noch könne er „nicht glauben“, dass es sein letztes Spiel für Crystal Palace gewesen sei. Für ihn gilt dasselbe wie für Parish und alle anderen Eagles: Ihre Geschichte wird weitererzählt werden. Und Glasners Geschichte dürfte sich bei einem ambitionierten Verein fortsetzen, der zu seinem Ehrgeiz passt.
Oliver Glasner bei Crystal Palace: Er kam, schimpfte und siegte
Oliver Glasner bescherte Crystal Palace die ersten Titel der Klubgeschichte und verabschiedet sich als Conference-League-Sieger












