Es wäre anmaßend und übergriffig zu behaupten, man könnte bei einer Schauspielerin durch ihre Figuren in die Tiefen ihrer Seele blicken. Aber dennoch gehört diese Neugier auf die authentischen Abgründe, Freuden und Sehnsüchte eines Mitmenschen zum Wesenskern der darstellenden Kunst. Verwandlung, ja, toll, aber das eigentliche Wunder ist die Beglaubigung und Bewahrheitung des Spiels durch Zeugenschaft und Lebenskenntnis.Swetlana Schönfeld war Irina, die jüngste der „Drei Schwestern“ in Thomas Langhoffs legendärem Doppelschlag am Maxim-Gorki-Theater. Im Jahr 1978 inszenierte er dort Tschechows Klassiker der zarten Stagnation, der Sehnsucht nach dem Eigentlichen und des Verpassens von Liebe. Die Inszenierung mit Ursula Werner als Mascha und Monika Lennartz als Olga wurde für das Fernsehen aufgezeichnet in einem Land, das sich von diesem Stück in seiner Stimmung eingefangen fühlte.
Theaterlegende
Hühner, Holz und Hände: Der Schauspielerin Ursula Werner zum 80. Geburtstag
Zehn Jahre später folgte die Uraufführung von Volker Brauns „Die Übergangsgesellschaft“. Der von Langhoffs Tschechow inspirierte Dichter hatte sein Stück dem Berliner Ensemble angeboten, dessen Dramaturgie es an Mut mangelte. Umso passender, dass die auf die DDR gemünzte „Drei Schwestern“-Überschreibung nach jahrelanger Verzögerung am selben Haus und in derselben Besetzung herauskam. Das Gorki kam mit „Die Übergangsgesellschaft“ dem historischen Moment des 89er-Übergangs zuvor – und versah ihn mit einem kleinen und vielleicht – Wer weiß? – entscheidenden Impuls.






