Bienvenue und willkommen zur Tennisshow des Moïse Kouamé! Liegt der Kerl in Führung, hämmert er einen zweiten Aufschlag schon mal frech mit Tempo 200 über das Netz. Hat der Bursche die Möglichkeit, seinem Gegner mit dem nächsten Ball den Aufschlag abzunehmen, stachelt er das Publikum forsch zu Jubelstürmen an. Bringt der Typ einen schier unerreichbaren Ball nicht nur zurück, sondern verwandelt ihn zu einem spektakulären Punktgewinn, hält er sich den Zeigefinger ans rechte Ohr und erwartet von seinen Landsleuten tausendfach fröhliche Huldigungen.Nachdem Gaël Monfils am Montag mit fast 40 Jahren seine Profikarriere beendet hat, sucht das französische Tennis seinen neuen Superstar. Moïse Kouamé, vor zwei Monaten 17 geworden, hat das Zeug dazu.Wunderkind mit PotentialOder ist es noch zu früh, ihn zum künftigen Widersacher von Jannik Sinner und Carlos Alcaraz auszurufen und ihm außergewöhnliche Erfolge vorherzusagen? Allzu viele verheißungsvolle Talente sind beim Sprung ins Big Business gestrauchelt und gestürzt. Anderen gelang eine ansehnliche Karriere, aber ohne den unvergesslichen Coup. So einer ist Richard Gasquet, der schon mit neun auf dem Cover des französischen Tennismagazins abgebildet war und auch danach hochgejubelt wurde.Gasquet gewann 16 Profititel, aber bei den Grand-Slam-Turnieren kam er nie übers Halbfinale hinaus. Heute ist er vom französischen Tennisbund (FFT) beauftragt, Kouamé zu hätscheln. Gasquet solle bloß nicht anfangen, von früher zu erzählen, sagte Kouamé in Paris: „Er hat seine Vergangenheit, ich habe meine Gegenwart.“Moïse Kouamés Gegenwart sieht so aus: Auf Weltranglistenplatz 876 ins Jahr gestartet, ist er nach drei Siegen bei drittklassigen Future-Turnieren und dem einen oder anderen weiteren Matchgewinn die Nummer 318. Vor ihm im Ranking stehen 32 Landsmänner, angeführt vom 21 Jahre alten, auch hochveranlagten Arthur Fils (Position 20). Doch Kouamé gilt in seiner Heimat als das Wunderkind, das zum ersten französischen French-Open-Sieger seit Yannick Noah 1983 heranreifen soll.Wendig und elegantKouames Fortschritte sind ein Fall für die Rekordbücher. Als der Teenager im März beim Mastersturnier in Miami dank einer Wildcard hat teilnehmen dürfen, besiegte er den Top-100-Spieler Zachary Svajda (USA) und wurde zum jüngsten Matchgewinner auf diesem Niveau seit Rafael Nadal 2003. Nach seinem Auftaktsieg (7:6, 6:2, 6:1) am Dienstag gegen den früheren Weltranglistendritten Marin Čilić wurde Kouamé zum jüngsten Spieler seit 1991, der in Roland Garros ein Hauptrundenmatch gewinnen konnte. Dergleichen hat niemand aus der Garde der anderen angesagten Toptalente geschafft. Weder der Brasilianer João Fonseca (19) noch die Spanier Rafael Jodár (19) und Martín Landaluce (20) oder der Amerikaner Learner Tien (20).Was Kouamé aus der Masse vieler Altersgenossen heraushebt, ist sein Hang zum variablen Spiel. Wie bei fast allen sind Aufschlag und Vorhand seine schärfsten Waffen. Doch geht der Jungfranzose nicht ständig auf Tempo, sondern variiert bei Gelegenheit zwischen schnellen und überrissenen Bällen und streut Stopps ein. Eine gewisse Eleganz ist seinem Spiel eigen, und für einen 1,91-Meter-Schlaks ist Kouamé verblüffend wendig.Erstaunlich oft für einen Siebzehnjährigen wählte er gegen den mehr als doppelt so alten Kroaten Čilić (37) den richtigen Schlag zur rechten Zeit. „Gegen einen früheren Grand-Slam-Champion zu spielen, hat mich in gewisser Weise entspannt“, sagte Kouamé. „Technisch gesehen habe ich viele Waffen“, sagte der Franzose, der in der zweiten Runde an diesem Donnerstag auf den Paraguayer Adolfo Daniel Vallejo trifft. „Aber ich muss meine Stärken weiter verbessern. Ich bin weit davon entfernt, perfekt zu sein.“Traum von der Formel 1Recht hat er. Den französischen Medien ist zu entnehmen, dass die Tennisfamilie Kouamé die Coaches tauscht wie andere Leute ihre Griffbänder. Auch hatte der Jungprofi, dessen Mutter aus Kamerun und dessen Vater von der Elfenbeinküste stammt, im vergangenen Jahr schon mit Rückenproblemen zu kämpfen. Die FFT tut alles, damit ihr Toptalent möglichst gesund und munter bleibt. Nach dem Sieg gegen Čilić erklärte Kouamé, worauf es ihm selbst am meisten ankommt: „Ich muss konzentriert bleiben, weil ich das Match gewinnen will. Aber ich kann auch ein bisschen loslassen und lächeln, spielfreudig sein und genießen, was ich auf dem Platz tue.“Dass es Moïse Kouamé mit den Besten aufnehmen kann, zeigte er vor einigen Wochen in Monte Carlo. Im Training schlug er sich mit dem Weltranglistenersten Sinner neunzig Minuten lang die Bälle um die Ohren. Danach flachsten und freuten sich die beiden. In seinen Träumen ist Kouame in anderer Mission in Monte Carlo unterwegs, wie er im Interview mit der ATP erzählte. Er würde sein Geld am liebsten als Formel-1-Pilot verdienen. Noch hat Kouamé nicht mal einen Führerschein. „Nach den Matches muss man essen und schlafen, da bleibt kaum Zeit für anderes.“ Die Zeit wird noch knapper, wenn immer mehr Matches dazukommen bei den Grand-Slam-Turnieren – früher oder später auch über fünf Sätze.