Einen Zentimeter klein, unauffällig graubraun gefärbt, schon immer selten und ein zumindest für Laien ungewöhnlicher Name: Das ist die Türks Dornschrecke, die eine der vielen Heuschrecken-Unterarten ist und sich auf Kiesbänken sehr naturnaher Gebirgsbäche und Wildflüssen wohlfühlt.Deutschlandweit kommt die Art nur in Oberbayern vor, am Rißbach im Karwendel zum Beispiel und an der Oberen Isar. Deshalb wird sie seit Langem auf der Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“ geführt. Die Vorkommen im Allgäu, an der Stillach, im Oytal, im Retterschwanger Tal und an der Trettach bei Oberstdorf galten als erloschen. Seit 20 Jahren sind dort keine Türks Dornschrecken mehr nachgewiesen worden.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Jetzt ist den Biologen Tanja König und Felix Steinmeyer, die beide für den Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) als Gebietsbetreuer in den Allgäuer Alpen arbeiten, eine kleine Sensation gelungen. Bei einer gezielten Nachsuche an der Trettach bei Oberstdorf haben sie Türks Dornschrecken entdecken können.Zwar war die Anzahl nicht wirklich groß. Aber sie reichte aus, um zu belegen, dass die Population an dem Flüsschen nach wie vor vorhanden ist. „Natürlich sind wir bei der Suche systematisch vorgegangen und haben uns genau die Stellen angesehen, an denen die Art zuletzt dokumentiert worden ist“, sagt Steinmeyer. „Aber wir waren überrascht, wie schnell wir fündig geworden sind. Damit haben wir nicht gerechnet.“Artenvielfalt:Wo Bayern wieder Wolfsland istVor gut neun Jahren hat sich im Nationalpark Bayerischer Wald ein frei lebendes Wolfsrudel gebildet. Inzwischen gibt es dort und im angrenzenden Tschechien zehn Wolfsreviere mit 43 Elterntieren, Jungwölfen und Welpen. Sie werden penibel beobachtet.Aus der Sicht von Tanja König zeigt der Nachweis die herausragende Bedeutung naturnaher Wildflüsse für die Artenvielfalt. „Die Türks Dornschrecke kommt nur dort vor, wo Flüsse und Gebirgsbäche Platz haben und durch Hochwasser immer neue offene Kiesbänke entstehen“, sagt sie.Auf solchen Kiesbänken findet das ganze Leben der Türks Dornschrecken statt. „Dort werden winzige Algen, Moose und Gräser angeschwemmt, von denen sie sich ernähren“, sagt König. „Dort pflanzen sie sich fort und legen ihre Eier gut getarnt in den Kies.“ Zugleich reagiert die Art sehr sensibel auf einen jeden Eingriff. „Wird so ein Wildfluss begradigt und kanalisiert, verschwindet sie“, sagt König. Die Zurichtung der Wildflüsse ist der Hauptgrund für das Aussterben der Türks Dornschrecken.Weitgehend unreguliert und sehr naturnah: die Trettach bei Oberstdorf Foto: Felix Steinmeyer/LBVIntakte Wildflussabschnitte sind freilich nicht nur Voraussetzung für das Überleben der Türks Dornschrecke. Sondern außerdem für den Erhalt vieler anderer ebenso hoch spezialisierter wie bedrohter Arten. Der Flussuferläufer ist auch so ein Beispiel. Der kleine Schnepfenvogel ist als Bodenbrüter auf ungestörte Kiesbänke, Sandinseln und vegetationslose Uferbereiche angewiesen, wie sie für naturnahe Wildflüsse typisch sind und in Oberbayern noch an einigen wenigen Abschnitten der Ammer oder der Isar vorkommen. Bayernweit schätzt der LBV den Bestand auf 80 bis 100 Brutpaare.Beispiele aus der Pflanzenwelt sind die Deutsche Tamariske, eine rutenartig weitverzweigte, bis zu zwei Meter hohe Strauchart mit feinem, graugrünem Laub, oder die Lavendelweide, die sogar bis zu 20 Meter hoch werden kann.Damit Türks Dornschrecke, Flussuferläufer, Deutsche Tamariske, Lavendelweide und Co. eine Zukunft haben, führt der LBV schon seit einer Reihe von Jahren vor allem in Oberbayern das Projekt „Bayerns Seltenste – Arten der Trockenlebensräume“ durch, das unter anderem vom Bund finanziert wird.Ihren Namen hat die Türks Dornschrecke übrigens von dem österreichischen Insektenkundler Rudolf Türk, der im 19. Jahrhundert lebte und 1859 herum in Wien im Bereich des heutigen Praters auf den Kiesbänken der damals noch unregulierten Donau die unscheinbare Dornschrecken-Art entdeckt hat.
Artenvielfalt in Bayern: Türks Dornschrecke ist wieder da
Die winzige Heuschreckenart gilt als vom Aussterben bedroht. An der Trettach bei Oberstdorf ist jetzt eine erloschen geglaubte Population wiederentdeckt worden.










