Die AfD in Mecklenburg-Vorpommern will die traditionelle „Volkskunst“ fördern und „ideologisch motivierte Projekte auf den Prüfstand stellen“. In der Kulturszene im Nordosten geht deswegen die Angst um. Im bisher internen Entwurf für ein „Regierungsprogramm“, mit dem der AfD-Landesverband vor der Landtagswahl am 20. September für sich werben will und das an diesem Samstag auf dem Landesparteitag in Grimmen verabschiedet werden soll, heißt es, die Partei setze sich für den Erhalt und Ausbau der Kulturlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern ein.Gefördert werden solle aber vor allem die „niederdeutsche Volkskunst“ und die plattdeutsche Sprache. Schluss solle sein mit ideologisch motivierten Projekten. Dabei sei der Anspruch auf „historische Genauigkeit“ und eine „Stärkung und Bildung der kulturellen Identität“ elementar.Was das bedeuten könnte, darauf lassen wohl die Äußerungen von Thore Stein schließen, Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion und Sprecher für Denkmalschutz, Forst- und Jagdpolitik sowie Umwelt- und Naturschutzpolitik. Aus Anlass der Feierlichkeiten zu Ehren des Künstlers Caspar David Friedrich sagte Stein im Juli 2024 im Landtag, er hoffe, dass das „Kunstjahr“ letztlich zu einer „Revitalisierung der Ästhetik“ führe „als Gegenpol zum Degenerativen der Neuzeit“. Das erinnert an die Diffamierung moderner Kunst durch die Nationalsozialisten als „entartete Kunst“.„Für die allermeisten Menschen ist das keine Kunst“Stein führte damals im Plenum aus, die AfD plane keineswegs einen Angriff auf die freie Kunst. Aber eine „nationalkonservative Partei“ habe nun einmal andere Vorstellung von Kunst. Was heute gerne als Kunst proklamiert werde, sei für die „allermeisten Menschen nicht mehr begreifbar“. Nur noch eine „abgehobene kleine Kaste“ suhle sich darin, sich „immer irrationaler darstellen zu müssen“. „Für die allermeisten Menschen ist das keine Kunst.“Die AfD im Nordosten steht rund vier Monate vor der Landtagswahl sehr stabil bei um die 36 Prozent. Die SPD liegt an zweiter Stelle bei rund 27 Prozent, die CDU bei nur zehn Prozent, noch hinter der Linken, die auf 13 Prozent kommt. Das BSW muss um den Einzug in den Landtag bangen, Grüne und FDP wären derzeit draußen.Wie eine Regierung gegen die AfD gebildet werden könnte, ist völlig unklar. Dafür müssten, Stand jetzt, alle anderen Parteien zusammen regieren, also auch die CDU mit der Linken und dem BSW. Möglich ist, dass es stattdessen zu einer AfD-Minderheitsregierung kommt.Künstler werden heute schon von Rechtsextremen angefeindetNun kann auch eine AfD-Regierung Künstlern nicht vorschreiben, was sie darstellen. Wohl aber wäre sie in der Lage, über die Vergabe von Landesmitteln ihre Vorstellung von Kunst durchzusetzen. In Mecklenburg-Vorpommern, das aus historischen Gründen nur über wenige Stiftungen verfügt, schließlich gab es bis zur Wende keine großen Privatunternehmen, die Vermögen ansammeln konnten, und in dem das Durchschnittseinkommen so niedrig ist wie sonst kaum irgendwo in der Bundesrepublik, wären die Auswirkungen vermutlich gravierend.Dazu gefragt, antworten nicht alle im Kulturbetrieb freimütig. Manche sind vorsichtig. „Wir wissen ja nicht, was kommt“, sagt eine Frau. Sprich: Wenn die AfD tatsächlich an die Macht kommen sollte, könnten Folgen drohen. Zudem findet die Arbeit der Künstler gerade auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern teils unter heute schon sehr schwierigen Bedingungen statt. Es gibt Anfeindungen, auch von Seiten Rechtsextremer. Für die sind Künstler oft eine leichte Angriffsfläche. „Wir haben hier ja noch ganz andere Parteien als die AfD“, sagt eine Frau. Etwa die rechtsextreme „Heimat“, vormals NPD.„Wenn die Förderung durch das Land wegbräche, würde uns das sehr treffen“, sagt Katharina Husemann. Sie ist Vorstand und Mitgründerin von Schloss Bröllin, einer Kultureinrichtung ganz im Osten des Bundeslands unweit der polnischen Grenze. Eine Theatergruppe war hier vor bald 35 Jahren auf der Suche nach einem Proberaum, fand ein altes Gutshaus, sanierte es und baute es nach und nach zu einem Kulturzentrum aus, das von kultureller Jugendarbeit über Festivals bis hin zu vom Land geförderten Residenzprogrammen für Künstler Unterschiedliches anbietet.Die Personaldecke sei dünn, man arbeite auf Mindestlohnbasis, aber es sei gelungen, einen offenen Begegnungsort mit vielfältigen Angeboten zu schaffen, sagt Husemann. Das sei gerade im ländlichen Raum wichtig. Zumal es in der Gegend einen erstarkten Rechtsextremismus gebe. „Kultur geht nur mit Förderung. Gerade hier“, sagt sie.„Wenn Fördergelder wegfallen, sind wir lahmgelegt“„Wir befürchten natürlich, dass wir finanziell wie auch inhaltlich eingeschränkt werden“, sagt Birte Bernstein. Sie arbeitet als professionelle Erzählerin, etwa von Märchen, und ist im Vorstand des Landesverbands Freie Darstellende Künste Mecklenburg-Vorpommern (fredak). Auch der erhält Geld vom Land, arbeitet mit dem Kultusministerium zusammen. „Wir sind politikabhängig“, sagt Bernstein. Würden die Fördergelder gestrichen, müsste der Verband Personal kürzen. So wird etwa die Stelle der Geschäftsführerin vom Land bezahlt. Und wenn an andere Vereine Gelder gestrichen würden, erhielten die Künstler des Verbands weniger Auftritte, sagt Bernstein. „Wenn da überall die Fördergelder wegfallen, sind wir lahmgelegt.“Im Verband finden sich Schauspieler, Zirkusartisten, mehrheitlich aber Puppenspieler. Das hat historische Gründe. Das Figurentheater spielte in der DDR eine große Rolle, war hier viel mehr als nur ein Kasperletheater wie im Westen. Theater sei ein wichtiger Baustein und Vehikel für Demokratie, sagt Bernstein. Es fördere Multiperspektivität und Empathie. Natürlich sei etwa der Erhalt der Dialekte, wie es der AfD vorschwebe, wichtig. Aber das sei nur ein winziger Baustein. „Überhaupt fragen wir uns, was meinen die eigentlich mit deutscher Volkskultur“, sagt Bernstein. Das Theater fuße auf der griechischen Tragödie, sei schon immer beeinflusst worden von unterschiedlichsten Strömungen aus ganz Europa.Es sei bemerkenswert, dass erstmals seit dem Stalinismus mit der AfD nun wieder eine Partei versuche, die Funktion von Kunst zu definieren, sagt der Intendant des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin, Hans-Georg Wegner. „Aber es ist eine sehr naive Vorstellung, Kunst als Identitätsstanzmaschine zu sehen. Kunst braucht Freiheit, und um die machen wir uns ganz erheblich Sorgen“, so Wegner.Das Staatstheater ist eine hundertprozentige Gesellschaft des Landes, Kürzungen würden sich hier also unmittelbar bemerkbar machen. Laut Wegner arbeiten in dem Haus Menschen aus 22 Nationen, darunter solche, denen man ansehe, dass sie keine deutschen Wurzeln hätten. „Die fühlen sich teils bedroht, haben Angst. Da müssen wir klar Farbe bekennen und die Kollegen schützen“, sagt Wegner.Die Architekten fürchten den „Heimatstil“ der AfDSorgen gibt es auch unter Architekten. Denn in der AfD wird der moderne Baustil abgelehnt. Der Abgeordnete Stein hatte in der Landtagsdebatte zum Thema Kunstjahr im Jahr 2024 dazu gesagt, die Menschen fänden Gründerzeit- und Jugendstilbauten schön, nicht aber die heutige „Bausteinkastenarchitektur“.Im Programm der AfD heißt es zum Thema: Die öffentliche Hand präge mit Bauvorhaben maßgeblich Innenstädte und Infrastruktur. „Ähnlich dem beliebig austauschbaren Wohnungsbau hat auch hier eine Gesichtslosigkeit moderner Architektur Einzug gehalten. Regionale Baustile finden sich nur noch selten und sorgen so für eine mangelnde Identifikation mit der Heimat.“ Bei öffentlichen Bauten solle in Zukunft auf einen „architektonischen Heimatstil“ geachtet werden. Wie ein solcher aussehen soll, wird nicht ausgeführt.Christoph Meyn, Architekt und Präsident der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern, sagt dazu, seiner Kammer lägen derzeit noch keine offiziellen Verlautbarungen und Parteiprogramme der AfD in Mecklenburg-Vorpommern vor. „Ganz grundsätzlich halten wir jedoch jegliche parteipolitisch geprägte Aufstellung von kulturellen, auch baukulturellen Zieldefinitionen für hoch problematisch.“ Gelebte Baukultur im 21. Jahrhundert sei Ausdruck einer offenen Gesellschaft.Die AfD wirft der rot-roten Landesregierung im „Regierungsprogramm“ vor, „systematisch“ darauf hinzuarbeiten, „die deutsch geprägte Gesellschaft durch eine multikulturelle Gesellschaft zu ersetzen“. Stattdessen solle die „deutsche Identität“ geschützt und etwa muslimische Migration ins Land strikt reduziert werden.Sorgen wegen der AfD-BildungspolitikIhre Vorstellungen zu Kultur und Gemeinschaft will die AfD auch im Bildungsbereich verwirklichen. Dazu heißt es im Entwurf zum Parteiprogramm, zwar akzeptiere die AfD die unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens. Doch bestehe die Partei darauf, „dass sich Lehrinhalte vorrangig an der Lebenswirklichkeit der Mehrheit orientieren und ein lebensbejahendes, verantwortungsvolles Familienbild vermitteln“. Gesellschaftspolitische „Umerziehungsprogramme“ hätten an Schulen nichts verloren, Schüler sollten nicht „frühzeitig in ideologische Rollen- und Identitätsdebatten gedrängt werden“.Es dürfe keine „Frühsexualisierung“ an Schulen und Kitas geben. Ansonsten schwebt der AfD im Schulbereich eine Rückkehr zu „klarer Führung“ und „homogenen Klassen“ vor. Außerdem ein Wechsel aufs Gymnasium nur bei guten Noten und „nicht ausschließlich kraft Elternwillen“.Von der Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Nordosten, Sandra Astarás, heißt es dazu, die Vorschläge basierten im Wesentlichen auf falschen Grundannahmen hinsichtlich der Abläufe, Unkenntnis der geltenden Rechtslage und der Realität an den Schulen. Verfassungsgeschützte Rechte, wie etwa das Recht auf (bestmögliche) Bildung, Inklusion oder die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, wische die Partei beiseite. Aussagen zur vermeintlichen „Frühsexualisierung“ oder politischen Ideologisierung an den Schulen seien bewusst falsch gesetzt.Die Lehrkräfte seien alle – unabhängig von ihrem Status – der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verpflichtet, sagt Astarás. Sowohl das Grundgesetz als auch Landesverfassung und Schulgesetz schützten diese Werte. Leider werde aber besonders im Schulbereich sehr viel und weitreichend über Verordnungen und Erlasse geregelt, die nicht der parlamentarischen Kontrolle unterlägen, so Astarás. Hier bestehe durchaus die Gefahr, dass eine mögliche Regierungsbeteiligung der AfD die Bildungslandschaft nachhaltig umgestalten könne.