Interview«Das machen die Bürger nicht mehr mit», sagt der Ökonom Gunther Schnabl zur immer höheren Verschuldung der EU-StaatenDer Wirtschaftswissenschafter erwartet, dass die USA ihren Status als führende Wirtschaftsmacht gegen China verteidigen. Im Interview lobt er die US-Regierung und wirft der EU zugleich Planwirtschaft sowie eine verfehlte Klimapolitik vor. Auch Deutschland kritisiert er scharf.28.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenWenn die EU mit den USA mithalten wolle, brauche sie eine umfassende Deregulierung und eine stabilitätsorientierte Geldpolitik, sagt Gunther Schnabl.Leonhard Foeger / ReutersHerr Schnabl, die globale Ordnung ist durcheinandergeraten. Geht bei der Neuordnung der Welt der chinesische Stern weiter auf?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dieses Narrativ, dass China den USA den Rang abläuft, sehe ich nicht.Warum nicht?Die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten basiert auf vier Pfeilern. Erstens auf einer starken Wirtschaft mit marktwirtschaftlicher Ordnung. Zweitens auf der Rolle des Dollars als Weltleitwährung, welche, drittens, die Finanzierung der hohen Staats- und vor allem auch Militärausgaben leichter macht. Viertens haben die USA hochentwickelte freie Finanzmärkte. Unter Donald Trump werden diese Pfeiler sogar wieder gestärkt.Dem hat China nichts entgegenzusetzen?Nein. China verfolgt ein im Grunde weiterhin planwirtschaftliches System mit einem weitgehend staatlichen Banken- und Finanzsektor inklusive Kapitalverkehrskontrollen. Der Yuan hat deshalb keinerlei Chance, zu einer Weltwährung zu werden, nicht einmal zu einer lokalen Leitwährung. Damit sind auch die Finanzierungsmöglichkeiten für ein schlagkräftiges Militär beschränkt.Die grossen Erfolge Chinas in den vergangenen Jahrzehnten beeindrucken Sie nicht?Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf liegt immer noch weit unter jenem der USA. China hat durch die Öffnung seiner Wirtschaft, die Privatisierung von Unternehmen und die Zulassung von Direktinvestitionen grosse Fortschritte gemacht. Allerdings bestehen seit Jahren erhebliche Überkapazitäten im Industrie- und im Immobiliensektor. Dort gab es Blasen, die meines Erachtens 2014 und 2022 geplatzt sind. China hat seinen Zenit bereits überschritten.Der Westen ist also besser als in seiner eigenen öffentlichen Wahrnehmung?Auch hier ist viel falsch gelaufen. Wir haben seit zwei Jahrzehnten eine zu expansive Geldpolitik, zu grosse schuldenfinanzierte Staatsausgaben und zu viel Regulierung. Die künftige Weltordnung wird davon abhängen, wie gut Länder und Regionen aus dieser Sackgasse kommen. Denn sie führt zu negativen Wachstums- und Verteilungseffekten.Die Kurskorrektur dieser falschen Politik ist also Ihre Messlatte?So ist es. Und da sind die USA im Vergleich mit der EU, Japan oder China auf dem besseren Weg. Die Regierung Trump sorgt für Deregulierung und einen schlankeren Staat. Der neue Notenbankpräsident Kevin Warsh will die grosse Bilanz der Zentralbank Fed schrumpfen. Die nominalen Staatsschulden nehmen zwar zu, doch die Wirtschaft wächst, auch dank Steuersenkungen. Insofern ist noch unklar, ob die Schulden im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt zulegen werden.Die Strategie birgt aber auch Gefahren.Ja, die Bilanzverkürzung könnte zu Turbulenzen am Geldmarkt und zu steigenden Kreditzinsen führen. Die Zinslasten der Regierung dürften weiter steigen. Die Regierung bringt jedoch Gegenmassnahmen auf den Weg. Sie will von langfristigen zu niedriger verzinsten kurzfristigen Staatsanleihen umschichten. Die Nachfrage nach kurzfristigen Staatsanleihen dürfte steigen, weil die vielversprechenden Stablecoins auch mit kurzfristigen Treasuries hinterlegt werden müssen. Die kurzfristigen Treasuries sollen für die Liquiditätsrücklagen der Banken zugelassen werden. Aus meiner Sicht verfolgt die US-Regierung eine relativ weitblickende Politik.Trifft das auch für den Zollkrieg zu, den Trump losgetreten hat?Zölle reduzieren die Wohlfahrt, das ist weithin bekannt. Aber auch das hat zwei Seiten. Die viele Jahrzehnte beklagten globalen Ungleichgewichte gingen vom Zwillingsdefizit der USA aus – dem Staatsdefizit und dem Leistungsbilanzdefizit. Trumps Zollpolitik wirkt beiden entgegen, falls er sie weiterführen kann.Zugleich ist global der Wert von Freihandelsabkommen wieder gestiegen.Trump hat mit seiner Zollpolitik die Freihandelsbewegung wiederbelebt. Im Gegensatz zur Weltwirtschaftskrise hat der Rest der Welt sehr besonnen auf die höheren US-Zölle mit Zollsenkungen reagiert. Weil Trump Zölle will, wollen plötzlich alle Freihandel. Das ist sehr positiv!Trump hat nicht nur einen Zollkrieg gestartet, sondern auch den Iran-Krieg. Dieser droht die Wirtschaft erheblich zu schädigen. Treibt Trump die Wirtschaft dadurch in eine Stagflation?Das wird davon abhängen, ob es bald Frieden gibt. Zumindest haben die USA nicht den Fehler gemacht, mit Bodentruppen die Kriegslasten auf Jahre zu verstetigen. Zudem profitieren Teile der amerikanischen Wirtschaft von steigenden Ölpreisen.In Brüssel schaut man kritischer als Sie auf die USA unter Trump.Leider entwickelt sich die EU weiter in die falsche Richtung. Wir sehen keine ernsthaften Reformen, keine Kürzung der Sozialausgaben und keine Deregulierung. Das Wichtigste, über das EU-Politiker nachdenken, sind immer noch mehr EU-Schulden und Steuererhöhungen. Das machen die Bürger nicht mehr mit.Die EU sollte sich also stärker an den USA orientieren?Ich würde Europa nicht empfehlen, sich an totalitären Systemen wie China und Russland zu halten. Wenn wir mit den USA mithalten wollen, brauchen wir eine stabilitätsorientierte Geldpolitik, eine Kürzung der Staatsausgaben sowie umfassende Deregulierung, die auch die Energiepreise deutlich senkt. Das wird allerdings nicht ohne Schaden für die Klimapolitik funktionieren. Denn die ist sehr kostspielig und wirft viel Sand ins Getriebe der Wirtschaft.Europa strebt nach strategischer Autonomie. Ist diese Abkehr von den USA also falsch?Strategische Autonomie basiert auf wirtschaftlicher Stärke. Nur so lassen sich grosse Militärausgaben solide finanzieren, und die Bevölkerung ist zufrieden. Nur wenn Europa Reformfähigkeit beweist, kann es in Verhandlungen mit den USA und China selbstbewusster auftreten.Mit dem Binnenmarkt hat Europa immerhin viel wirtschaftliches Potenzial gehoben.Ja, der Binnenmarkt ist sehr wertvoll. Die Aushebelung des Beihilfeverbots und die damit verbundene starke Ausweitung der Subventionen haben ihn aber stark beschädigt. Inzwischen konzentriert die EU immer mehr Geld in Brüssel, indirekt gestützt durch die EZB in Frankfurt. Das schwächt Europa. Das einzige Rezept ist eine Rückkehr zum Binnenmarkt und eine Verschlankung der supranationalen Institutionen. Die sind nämlich nicht in der Lage, dem sehr heterogenen Wirtschaftsraum gerecht zu werden.Also mehr Dezentralität, Subsidiarität und Fokussierung auf die Stärken der Regionen?Ja, das hat die EU gross gemacht und Akzeptanz in der Bevölkerung geschaffen. Die immense Regulierung und Bürokratie sind dagegen kontraproduktiv. Denken Sie nur an die Taxonomie, mit welcher die EU bestimmen will, welche Investitionen unter Klimaschutzaspekten sinnvoll sind. Das ist Planwirtschaft. Investitionsentscheide sollte man den Unternehmen überlassen.Der Trend geht in eine andere Richtung. In der EU wird wieder über eine gemeinsame Verschuldung mit Eurobonds diskutiert.Die Finanzierung gemeinsamer Militärausgaben wird jetzt zum Vorwand genommen, noch mehr Eurobonds zu emittieren. Das ist der neuerliche Versuch, eine gemeinsame europäische Finanzpolitik durch die Hintertür zu installieren, die sich über Anleihen finanziert, die schliesslich die EZB kaufen soll. Zentralbankfinanzierte Staatsausgaben sind der falsche Weg der wirtschaftlichen und politischen Integration.Ein Thema der Stunde ist die künstliche Intelligenz. Allerdings liegt Europa auch hier zurück. Warum?Die EU will KI wieder zu Tode regulieren. Zudem fehlt uns ein gemeinsamer Kapitalmarkt, der grosse KI-Firmen finanzieren kann. Dennoch bin ich gegen eine Vollendung der Kapitalmarktunion, solange es die Taxonomie gibt. Das könnte nämlich bedeuten, dass in der Kapitalmarktunion Ressourcen gebündelt werden, über deren Vergabe die EU-Kommission entscheidet. Nur ein freier Kapitalmarkt mit privaten Anlegern fördert Innovationen – allerdings nur, wenn die Geldpolitik nicht zu expansiv ist.In Brüssel will man die amerikanischen Konzerne domestizieren, um im Technologiesektor unabhängiger von den USA zu werden. Braucht es mehr europäische Firmen in diesem Bereich?Im besten Fall ist der Markt frei und die Konsumenten entscheiden, welche Firmen es braucht oder nicht braucht. Sobald Politiker das beeinflussen, ist es eine Fehlentwicklung.Sie haben also keine Angst vor einem Abfluss von Daten in die USA?Nein. Wenn das berichtet wird, dann entscheide ich, ob ich die Dienstleistungen der entsprechenden Firma noch nutze oder nicht.Die Befürchtung in der EU ist, dass die Regierung Trump Firmen wie Mastercard untersagen könnte, bestimmte Geschäfte in Europa zu machen, und das als Druckmittel einsetzt.Das kann passieren. Dann ist es gut, wenn wir Alternativen wie Wero haben. Aber die Idee, dem etwas Staatliches wie einen digitalen Euro als Zahlungssystem entgegenzusetzen, unterstütze ich nicht.Der digitale Euro hat sich zu einem Lieblingsprojekt der EZB entwickelt. Was ist der Grund dafür?Die riesigen Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB sind wegen des gestiegenen Einlagensatzes, der derzeit als Leitzins fungiert, sehr teuer für die EZB geworden. Das ist der Grund für hohe Zentralbankverluste, die die Euro-Zentralbanken auf Dauer unglaubwürdig machen. Das dürfte ein wichtiger Grund sein, warum die EZB den digitalen Euro forciert. Mit ihm kann sie die verzinsten Einlagen der Geschäftsbanken durch nicht verzinste Einlagen der privaten Haushalte ersetzen. Das würde eine immense Kostenersparnis für das Euro-System bedeuten.Auch in Deutschland hat der Staat in der Wirtschaft viel Einfluss. Das Land hat ein grosses Infrastruktur- und Konjunkturprogramm lanciert, um das Wachstum zu beleben. Ist das der richtige Weg?Das bedeutet noch mehr Staat. Infrastruktur und Verteidigung sind traditionelle Staatsaufgaben. Diese müssen aus dem regulären Budget bezahlt werden und nicht aus einem Sondervermögen, weil man das in der Vergangenheit aufgrund überbordender Sozialausgaben versäumt hat.Viele sehen Deutschland als sinkendes Schiff. Gibt es Anzeichen, dass sich das Land stabilisiert?In der Gesellschaft ist angekommen, dass etwas falsch läuft. Aber wer 2000 Milliarden Euro umverteilt, hat auch viele Unterstützer. Dazu gehören erstens die Rentner, die bei den Wahlen grossen Einfluss haben. Zweitens die Beschäftigten im öffentlichen Sektor, das sind – einschliesslich Gesundheit und Bildung – gut 12 Millionen Personen, 3 Millionen mehr als 2008. Sie sind gut bezahlt und haben oft eine sehr gute Work-Life-Balance. Und drittens sind es die vielen Bezieher von Bürgergeld. Diese Gruppen wollen keine Reformen.Was sind die Folgen der Blockade?Die Wirtschaft läuft schlecht, weil der Staat zu den unproduktiven Teilen der Wirtschaft umverteilt. Geringqualifizierte leiden oft darunter. Bauarbeiter und Verkaufspersonal müssen vor Ort sein und kennen kein Home-Office. Ich habe lange im öffentlichen Sektor gearbeitet. Home-Office hat stark zugenommen. Viele sagen von sich, dass sie helfen – oft der Umwelt, dem Klima oder den sozial Schwachen. Wenn der öffentliche Sektor stetig auf Kosten der Industrieproduktion wächst, kann der Wohlstand nicht erhalten werden.Was könnte sich Deutschland von der Schweiz abschauen, beispielsweise den Steuerwettbewerb?Über die Hebesätze bei der Gewerbesteuer gibt es auch in Deutschland etwas Steuerwettbewerb. Allerdings wurden die finanziellen Spielräume der Gemeinden durch Bundesgesetze wie das Bundesteilhabegesetz immer weiter eingeschränkt. Die Gemeinden ächzen unter diesen Lasten. In der Schweiz trägt hingegen öfter die Ebene, die entscheidet, auch einen wesentlichen Teil der Kosten. Insgesamt würde ich mir mehr Autonomie für die Gemeinden in Deutschland wünschen.Was noch?Die direkte Demokratie der Schweiz sorgt dafür, dass staatliche Aktivitäten auf ihren Sinn geprüft werden. Das gibt es in Deutschland leider nicht. Zu dieser politischen Entscheidungsfindung von unten gibt es eine stärkere Verlagerung der Ressourcen auf die Gemeinde- und Kantonsebene. Dort ist die soziale Kontrolle besser als auf der Bundesebene. Durch ihre institutionelle Organisation beschränkt die Schweiz den Staat, was eine sehr grosse Stärke ist.Zur PersonPDStreiter für die liberale Sachera. Gunther Schnabl ist Direktor des Flossbach von Storch Research Institute mit Sitz in Köln und Professor an der Universität Leipzig. Der gebürtige Bayer hat an der Universität Tübingen, der Stanford University, der University of Tokyo und der Katholischen Universität Leuven zum japanisch-amerikanischen Handelskonflikt promoviert sowie zur Währungsintegration in Europa und Ostasien habilitiert. Er war unter anderem Berater bei der Europäischen Zentralbank. In seinem jüngsten Buch «Deutschlands fette Jahre sind vorbei» befasst sich Schnabl mit den wirtschaftspolitischen Fehlern in Deutschland und macht Vorschläge für Reformen.Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Passend zum Artikel