Auch einen Tag nach dem Knall ist die Erschütterung bei BP zu spüren. Der Rauswurf des Chairmans hat den britischen Konzern und die Londoner City kalt erwischt. Viele sind verunsichert. Nach Bekanntgabe der Entlassung verlor die BP-Aktie zeitweise neun Prozent, am Ende des Tages fünf Prozent – rund vier Milliarden Pfund Börsenwert. Auch am Mittwoch setzte sich der Kursverlust fort. Alle rätselten: Was hatte Manifold eigentlich getan, dass er Knall auf Fall gefeuert wurde? Die BP-Krise ist Stadtgespräch. Von einem „peinlichen Drama“ in der Chefetage ist die Rede.Albert Manifold war erst im vergangenen Juli zum Chairman des 117 Jahre alten Konzerns berufen worden und trat das Amt in London im Oktober an. Zuvor hatte der Ire viele Jahre erfolgreich den Dubliner Baustoffkonzern CRH geführt. Er galt als Treiber des jüngsten Turnarounds bei BP. Der Konzern – in Deutschland Marktführer mit den Aral-Tankstellen – hatte sich nach einer missglückten „grünen Energiewende“ in den vergangenen Jahren sehr viel schlechter entwickelt als andere Ölkonzerne. Nun wurde Manifold nach wenigen Monaten entlassen. Einstimmig hat ihn der Verwaltungsrat vor die Tür gesetzt. BP verwies auf „ernsthafte Bedenken hinsichtlich Governance, Aufsicht und Verhalten“. Das Board-Mitglied Amanda Blanc sprach von „inakzeptablem“ Verhalten.In drei Jahren drei Vorstandschefs und drei ChairmenFür BP ist es die nächste Krise, nur zwei Monate nachdem die US-Ölmanagerin Meg O’Neill als neue Vorstandschefin angetreten ist. BP erlebt seit Jahren Führungsturbulenzen: Innerhalb von drei Jahren gab es drei Vorstandschefs und drei Chairmen. Anders als bei Vorstandschef Bernard Looney, der 2023 stürzte, weil er intime Beziehungen zu Kolleginnen verschwiegen hatte, gab es bei Manifold keinen greifbaren einzelnen Skandal. Es ging eher um seine Art, seinen Managementstil.Anonyme Stimmen aus dem BP-Umfeld sprechen von einem „überlauten“ Ton. Sogar „Bullying“ lautet ein Vorwurf. Der 63 Jahre alte Chairman, aus der Bauindustrie einen eher rauen Umgang gewohnt, sei ein „Hands-on-Manager“ und habe sich bei BP zu stark ins operative Geschäft von O’Neill eingemischt. Die 55 Jahre alte Managerin, zuvor bei Woodside Energy in Australien, gilt selbst als durchsetzungsstark. Sie hat nun offenbar den Machtkampf mit Manifold in Rekordzeit für sich entschieden.Der gefeuerte Manifold will sich gerichtlich wehrenDer gefeuerte Spitzenmann meldete sich am Mittwoch zu Wort. Seine Entlassung sei für ihn „aus heiterem Himmel“ gekommen. Den Vorwurf des „Bullying“ bestreitet er kategorisch. Er habe keine Mitarbeiter schikaniert und nur energisch das Beste für das Unternehmen gewollt. Manifold will nun juristisch um seinen guten Ruf kämpfen, kündigte er an.Das Unternehmen bleibt beschädigt durch die Turbulenzen. „Man kann jetzt wohl mit Fug und Recht behaupten, dass BP unter den Ölriesen den volatilsten Vorstand hat“, sagt Lindsey Stewart vom Analyse- und Ratingunternehmen Morningstar. Er verweist auch auf die Aktionärsrevolte gegen Manifold bei der Hauptversammlung vor einem Monat. 18 Prozent der Stimmrechte hatten damals gegen ihn votiert, angeführt von einer klimaaktivistischen niederländischen Gruppe. Die Mehrheit der Investoren – darunter etwa die Norges Bank, die den norwegischen Staatsfonds verwaltet – unterstützte allerdings das Management.Dass der Chairman BP so schnell wieder verlassen muss, zeige einen Mangel an Stabilität und ernste Mängel in der Personalpolitik, meint Kathleen Brooks von der Finanzfirma XTB. In der britischen Wirtschaftswelt fragen manche, ob BP „unführbar“ geworden sei.Gescheiterte Energiewende mit milliardenteuren InvestitionenDer Energiekonzern befindet sich seit gut zwei Jahren in einer Kurskorrektur: Die von Looney 2020 begonnene Energiewende mit milliardenschweren Investitionen in Wind- und Solarparks, finanziert mit einer hohen Verschuldung, gilt als gescheitert. BPs Kursentwicklung blieb über Jahre deutlich schlechter als die von Wettbewerber Shell und den US-Giganten Chevron und Exxon Mobil. Looneys Nachfolger Murray Auchincloss, der nur zwei Jahre an der Spitze blieb, hat den Fokus wieder stark auf das traditionelle Geschäft mit Erdöl und Erdgas gerückt. Eine Rolle rückwärts, weg von „grünen Geschäften“, auf die BP mehrere Milliarden abschreiben musste.„Back to black“ lautet die Devise. Auchincloss initiierte auch den Verkauf oder die Auslagerung wenig profitabler Geschäfte wie Meereswindparks und die Trennung von Beteiligungen wie Castrol oder der großen BP-Raffinerie in Gelsenkirchen. Angetrieben wird die Kehrtwende zurück zu Öl und Gas vom aktivistischen Investor Elliott Management aus New York, der höhere Rendite sehen will.Die neue Spitze will zurück zur fossilen EnergieDie neue BP-Spitze um Meg O’Neill wird BPs Kurs in Richtung fossile Energiequellen und harte Kostensenkung noch verstärken. Meg O’Neill hat vor Kurzem beschlossen, die Struktur des Konzerns mit mehr als 90.000 Mitarbeitern weltweit radikal zu vereinfachen. Frühere „grüne“ Sparten werden aufgelöst, BP wird wieder in „Upstream“ (Exploration und Förderung) und Downstream (Verarbeitung, Vertrieb und Verkauf) gegliedert.Seit der Berufung Manifolds vor knapp einem Jahr hat sich der BP-Börsenkurs gut entwickelt. Die Aktie legte um rund dreißig Prozent zu, vor allem seit dem Sprung der Ölpreise infolge des Irankriegs. BPs Gewinn im ersten Quartal hat sich auf gut drei Milliarden Dollar verdoppelt. Nach den jüngsten Turbulenzen muss die BP-Führung aber beweisen, dass sie dauerhaft Erfolg erzielen kann. Das Unternehmen trägt noch immer schwer an seinem auf deutlich mehr als 20 Milliarden Dollar gestiegenen Schuldenberg.