Der Verwaltungsrat des britischen Öl- und Gaskonzerns BP hat überraschend seinen Vorsitzenden Albert Manifold entlassen. Einstimmig habe das Gremium ihn mit sofortiger Wirkung abberufen. Grund dafür seien „ernsthafte Bedenken hinsichtlich wichtiger Governance-Standards, der Aufsicht und des Verhaltens“, hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens vom Dienstagnachmittag. Details, was genau Manifold vorgeworfen werde, nannte BP nicht.Investoren zeigten sich schockiert über die unerwartete Entwicklung. An der Börse stürzte der BP-Aktienkurs am Dienstag um mehr als fünf Prozent ab. Der Ölkonzern verlor damit mehr als vier Milliarden Pfund (fast fünf Milliarden Euro) Börsenwert und war Tagesverlierer im britischen Leitindex FTSE 100, während der größere Wettbewerber Shell nur wenig verlor.Der 63 Jahre alte Ire Manifold war erst im vergangenen Herbst als BP-Chairman angetreten. Der frühere langjährige Vorstandschef des Dubliner Baustoffkonzerns CRH galt als energischer Verwaltungsratschef, der auch das operative Geschäft des Energiekonzerns eng begleitete. Amanda Blanc, führende Direktorin im BP-Verwaltungsrat, ließ sich mit den Worten zitieren: „Albert hat dazu beigetragen, der Umstrukturierung von BP die nötige Dynamik und den richtigen Fokus zu verleihen.Der Verwaltungsrat war jedoch überrascht und enttäuscht, als er von Mängeln in der Unternehmensführung und Verhaltensproblemen erfuhr, die er für inakzeptabel hält, und hat entschlossen gehandelt.“ Ian Tyler wird Interims-Chairman des britischen Energiekonzerns. BP mit rund 94.000 Mitarbeitern weltweit ist nach Börsenwert der kleinste der fünf großen westlichen Ölkonzerne (BP, Total, Shell, Chevron und Exxon Mobil). In Deutschland ist BP mit den Aral-Tankstellen Marktführer.„Beeindruckt“ von der neuen ChefinDie abrupte Entlassung von Manifold kommt nur knapp zwei Monate nachdem die neue Vorstandschefin Meg O’Neill in London die Führung übernommen hat. Das Board zeigte sich in der Mitteilung „sehr beeindruckt von Meg O’Neill“. Sie habe schon entschlossene Maßnahmen ergriffen, um die Unternehmensstruktur zu vereinfachen und stärker aufzustellen.Die in den USA geborene Managerin soll den Turnaround von BP vorantreiben. Unter dem früheren Vorstandschef Bernard Looney gerierte sich BP in den Jahren nach 2020 als Vorreiter einer „grünen Wende“ mit großen Investitionen in Windkraft- und Solarparks, doch waren diese Investitionen nicht rentabel genug. BP musste jüngst Milliarden abschreiben.O’Neill wurde vom australischen Ölunternehmen Woodside Energy geholt, um den Fokus wieder stärker auf Ölförderung zu legen. Zudem muss sie die hohe Nettoverschuldung von BP von mehr als 25 Milliarden Dollar abbauen, die teils ein Erbe der gescheiterten grünen Investitionen ist.Rückenwind erhält BP derzeit durch die hohen Öl- und Gaspreise infolge des Irankriegs. Für das erste Quartal vermeldete der Energieriese einen mehr als verdoppelten Quartalsgewinn von 3,2 Milliarden Dollar. Ausschlaggebend dafür seien „außergewöhnlich“ gute Ölhandelsgeschäfte.