Der britische Premierminister Keir Starmer muss nicht nur mindestens zwei Konkurrenten abwehren, die ihm Parteivorsitz und Regierungsamt streitig machen wollen; nun hat sich auch der bisher erfolgreichste britische Labour-Regierungschef Tony Blair öffentlichkeitswirksam von ihm abgewendet. Allerdings hat Blair für Manchesters Bürgermeister Andy Burnham und für den bisherigen Gesundheitsminister Wes Streeting, die beide Ambitionen auf die Nachfolge Starmers hegen, ebenfalls keine freundlichen Worte gefunden – vielmehr dehnt er seine Skepsis auf die gesamte Partei aus.Labour „spielt mit dem Feuer“, ja sogar „mit seiner Zukunft und der Zukunft des Landes“, warnt Blair gleich im ersten Satz eines zehnseitigen Essays, den er gerade auf der Website seiner eigenen politischen Analyse-Stiftung, des „Tony-Blair-Instituts für globalen Wandel“, veröffentlicht hat. Der frühere Regierungschef, der von 1997 an zehn Jahre lang Großbritannien regiert und Labour zu drei Wahlsiegen geführt hatte, vermisst vor allem einen „ausgearbeiteten stimmigen Plan für die Zukunft des Landes in einer Welt des schnellen Wandels“. Und Blair warnt, es sei Unsinn, zu glauben, ein Führungswechsel an der Spitze werde die Lage ändern. Das sei keine ernsthafte Lösung, wenn nicht zuvor klar sei, „welche politische Richtung wir einschlagen wollen“.Kritik am SozialbudgetEinige Entscheidungen der gegenwärtigen Regierung finden Blairs Wohlwollen, etwa Investitionen in die Infrastruktur oder die Straffung von Bauplanungen. Am kritischsten setzt sich der Vorgänger Starmers mit der Höhe der Sozialausgaben auseinander, deren steigender Anteil im Staatshaushalt bewirke, dass weder für die Unterstützung von Wirtschaftswachstum noch für die Steigerung des Verteidigungsetats genügend Geld da sei.In den Jahren vor der Corona-Krise hätten knapp drei Millionen Briten als Erwerbsunfähige staatliche Unterstützung erhalten. Nun werde geschätzt, dass ihre Zahl bis zum Ende des Jahrzehnts auf fast fünf Millionen steige. Das sei genauso wenig finanzierbar wie die „dreifache Sicherung“ der staatlichen Renten, die gesetzlich festlegt, dass deren Steigerungsrate an Inflationsrate oder Reallohnsteigerungen gekoppelt bleibt, in jedem Fall aber mindestens 2,5 Prozent im Jahr beträgt.In einem Radiointerview mit der BBC warnte Blair, allgemein dürften sich demokratische Regierungen nicht länger mit der Verteidigung von Besitzständen zufriedengeben. Die Herausforderung für Demokratien liege in dem Beleg, „dass sie die Dinge auf die Reihe kriegen“. Er plädierte für eine Politik der „radikalen Mitte“. Sie müsse die gegenwärtige digitale Revolution als Chance ergreifen, um wirtschaftliches Wachstum zu ermöglichen und staatliche Dienstleistungen, etwa das britische Gesundheitswesen, zu reformieren.Skepsis gegenüber Rückkehr in die EUDie Hinwendung zur EU, die jetzt dringlicher von Starmer und Streeting, weniger deutlich von Burnham empfohlen wird, unterstützt Blair nur mit Einschränkungen. Er stimmt in das verbreitete Urteil seiner Partei ein, dass „Großbritannien durch den Brexit Verluste erleidet“. Doch folgt die Warnung, dass jede Rückkehr „in eine strukturierte Verbindung mit der EU“ seitens der Briten „nur aus einer Position wirtschaftlicher Stärke heraus“ sinnvoll sei.Zu den nostalgisch-wohlwollenden Rückblicken auf die eigene Regierungszeit, die Blair sich gestattet, gehört das damalige Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Vor zwanzig Jahren sei Großbritannien Amerikas Schlüsselpartner bei Sicherheit und Verteidigung gewesen. Heutzutage schwanke die britische Position zwischen isolationistischen Tendenzen im rechten politischen Spektrum und „fehlgeleiteten linken Reformpositionen“, die gemeinsam die Gefahr böten, dass Großbritannien als „einsame Insel“ im Stich gelassen werde.Blair bündelt seine Betrachtung in zehn Ratschlägen, von denen einige aus dem Parteiprogramm der konservativen Opposition stammen könnten, etwa die Empfehlung, mehr Gas und Öl in der Nordsee zu fördern, um die Energiepreise zu senken. Das staatliche Gesundheitswesen müsse durch private Versicherungselemente entlastet werden, das Sozialwesen sei gründlich zu reformieren, womöglich gemeinsam mit den Konservativen. Am Ende des BBC-Auftritts antwortete Blair auf die Frage, welchen Ratschlag er jetzt einem neuen Nachfolger in der Downing Street auf dem Schreibtisch hinterlassen würde: „meine Anteilnahme“. Und weiter: „Hol dir die besten Leute.“