Um 20.49 Uhr kommt ihre erste Nachricht seit drei Monaten. „Ich bin endlich wieder online“, schreibt eine Freundin aus Teheran. Dazu lachende und vor Freude weinende Emojis. Solche und ähnliche Botschaften verschickten Millionen Iraner am Dienstagabend. Ein kollektives Aufatmen brach sich im Internet Bahn. Erst in Chatnachrichten auf Whatsapp und Telegram. Dann auch auf den Plattformen X und Instagram. Die längste Internetsperre der Geschichte ist nach 88 Tagen zu Ende.„Herzlich willkommen zurück, Iran“, schreibt die Organisation Netblocks, die die Konnektivität von Ländern zum weltweiten Internet misst. Laut einem Schaubild liegt der Wert des Internetverkehrs beziehungsweise der Erreichbarkeit für Iran jetzt bei mehr als 80 Prozent im Vergleich zu vor der Blockade. Seit Anfang des Irankrieges Ende Februar war er fast durchgehend bei null gewesen. Nur wer sich teure Hard- und Software zur Umgehung der Sperre leisten konnte oder zu den politisch Privilegierten gehörte, hatte Zugang.Schon am Montagabend hatte der iranische Präsident Massud Peseschkian per Dekret eine Aufhebung der Internetsperre verfügt. Sein für Digitales zuständiger Stellvertreter, Ehsan Chitsaz, sagte dazu: „Wir glauben, die Leute haben ein Recht auf das Internet, und es muss ihnen zurückgegeben werden.“ Den Weg dahin bezeichnete er als „schwer und kostspielig“. Wenn es nach Peseschkian und den Wirtschaftsverbänden gegangen wäre, wäre dieser Schritt wohl schon viel früher erfolgt.Hardliner warnen, die Öffnung spiele dem Feind in die HändeDoch innerhalb des Regimes gab es gegen die Öffnung erheblichen Widerstand. Lange kam dieser von der Revolutionsgarde, die wohl fürchtete, Regimegegner könnten sich über das Internet vernetzen und Informationen an ausländische Medien oder Geheimdienste weitergeben. Zuletzt versuchte eine Gruppe von Hardlinern rund um die Führung der Cyberbehörde und des Staatsrundfunks, Peseschkians Verordnung zu stoppen. Medien, die von Peseschkian-Gegnern kontrolliert werden, kritisierten die Entscheidung und behaupteten, sie spiele dem Feind in die Hände, weil das Internet ein Schlachtfeld sei.Ein Gericht setzte zwischenzeitlich Peseschkians Dekret außer Kraft, mit der Begründung, ein vom Präsidenten neu geschaffenes Cybergremium sei rechtswidrig. Deshalb vergingen weitere 24 Stunden des bangen Wartens. Als es schließlich so weit war, mahnte Chitsaz die Internetnutzer, als Erstes alle Sicherheitsupdates durchzuführen, um Hackerangriffe zu vermeiden.Dass sich die Revolutionsgarde dem Drängen des Präsidenten nicht länger entgegenstellte, könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie die innere Sicherheit derzeit für kontrollierbar hält. Viele Iraner fragten sich, ob dies nun auch bedeute, dass der Krieg vorbei sei. Die Verhandlungen zwischen Teheran und Washington über eine Rahmenvereinbarung gehen aber weiter. Die Gefahr eines Wiederaufflammens scheint, so zeigten Scharmützel am Dienstag, noch nicht gebannt. Zu der Entscheidung, das globale Internet wieder zugänglich zu machen, dürfte vor allem die verheerende wirtschaftliche Lage beigetragen haben.Die Internetsperre hat Verluste in Milliardenhöhe verursachtLaut dem Minister für Informationstechnologie, Sattar Haschemi, sind zehn Millionen Iraner, also jeder neunte Bewohner des Landes, für ihr Einkommen vom Internet abhängig. Hinzu kämen negative Auswirkungen der Sperre auf den Bildungs-, Gesundheits- und Transportsektor sowie andere staatliche Dienstleistungen. Schon im April schätzte die Regierung, dass durch den Krieg zwei Millionen Jobs vernichtet worden seien.Die iranische Handelskammer bezifferte die direkten und indirekten Verluste durch die Internetsperre je Tag auf bis zu 80 Millionen Dollar. Nach drei Monaten wären das also mehr als sieben Milliarden Dollar. Viele Shopping-Plattformen auf Instagram verkündeten am Mittwoch: „Wir sind zurück.“Hinzu kommen die psychologischen Folgen vor allem bei Jugendlichen, die sich von der Welt, von Informationen, Freunden und Verwandten abgeschnitten fühlten. Exiliraner weltweit bekamen am Dienstagabend erstmals seit Langem Anrufe von ihren Verwandten.Manche Dienste wie Whatsapp sind zwar, wie schon vor dem Krieg, nur mithilfe von VPNs zugänglich, doch funktionieren jetzt wieder kostenlose VPN-Dienste. Sie verbergen den Standort des Nutzers und ermöglichen eine Umgehung von Internetsperren. Während der Blockade waren die wenigen funktionsfähigen VPN-Anbieter für viele unerschwinglich. Manche Verbindungen hatte der Staat selbst an ausgewählte Unternehmen verkauft.Die Aufhebung der Sperre erleichtert ausländischen Medien und Interessierten, sich ein Bild von der Stimmungslage und Situation im Land zu machen. Manche Internetnutzer brachten ihre Wut gegenüber dem Regime zum Ausdruck. „Monatelang haben sie unser Leben abgeschaltet“, schrieb einer. „Wir wurden entlassen, sind pleite, wahnsinnig und depressiv. Und jetzt haben sie einfach einen Schalter umgelegt, den sie in zwei Monaten wieder ausschalten können.“Ein anderer schrieb: „Drei Monate haben wir in einem dunklen Loch gelebt, mit all der Angst und Unsicherheit. Verflucht sei jeder, der diese Angriffe herbeigesehnt hat.“ Die bekannte Journalistin Elaha Mohammadi kommentierte die allgemeine Freude über etwas, das selbstverständlich sein sollte, so: „Wir haben nicht verdient, auf so entwürdigende Weise zu leben.“
Nach Blockade des Internets: Iran ist wieder online
Es war die längste Internetsperre der Geschichte. Der iranische Präsident hat sie nun aufgehoben. Gegen den Widerstand der Hardliner.











