Serhat Kaynar steht zwischen Regalen, die schon morgen der Entrümpler holen soll. Bierkrüge, Kaffeehaferl, Kuckucksuhren, Weihnachtsengel aus dem Erzgebirge, Nussknacker, mundgeblasener Glasschmuck. Alles muss raus. „Ich verkaufe jetzt fast alles für fünf Euro“, sagt Kaynar. „Der Laden muss ja leer werden, leider.“Die Münchner Geschenke-Stuben am Marienplatz 8 schließen. Nach rund 45 Jahren im Rathaus, nach mehr als einem halben Jahrhundert Unternehmensgeschichte, nach einem Ladenleben, das die Inhaberin Sieglinde Konrad nach Darstellung ihres Mitarbeiters „mit Herzblut aufgebaut“ habe. Nun muss sie aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Und er, seit fünf Jahren Mitarbeiter, hätte dieses Geschäft gern übernommen. Er habe alles versucht: Gespräche mit dem zuständigen Kommunalreferat, Briefe an den alten und den neuen Oberbürgermeister. Geholfen hat es nicht. „Anfang des Jahres haben wir einen Aufhebungsvertrag unterschrieben“, sagt Kaynar.Das Kommunalreferat teilt auf Anfrage mit: „Das Mietverhältnis endet einvernehmlich zum 31.05.2026.“ Kaynars Interesse an einer Übernahme sei bekannt gewesen und geprüft worden. „Die für den Eintritt in das bestehende Mietverhältnis maßgeblichen Kriterien konnten nicht nachgewiesen werden“, heißt es. Mehr könne man aus Datenschutzgründen nicht sagen. Kaynar könne sich aber im Rahmen der Neuausschreibung bewerben.Für Kaynar klingt das nach einer Möglichkeit, die keine ist. Denn in der Ausschreibung der Stadt steht unter den ausgeschlossenen Nutzungen auch: „Fachgeschäft für Souvenirs, Geschenkeartikel und Weihnachtsartikel“. Genau das also, was die Münchner Geschenke-Stuben seit Jahrzehnten sind.Kaynar geht durch den Laden und zeigt, was hier verkauft wurde. „Wir hatten viel Stammkundschaft.“ Sieglinde Konrad habe Wert darauf gelegt, dass möglichst deutsche Ware angeboten werde. Viel Bayerisches, viel Handarbeit, Weihnachtliches aus dem Erzgebirge, Inge-Glas-Schmuck, Masskrüge. „Alles, was das Herz normalerweise begehrt“, sagt er.Kaynar erzählt von einer Frau, die mit 80 Jahren noch zehn Stunden täglich im Geschäft gestanden habe. Von einer Mitarbeiterin, die seit mehr als 50 Jahren zum Betrieb gehöre. Von zwei Rentnerinnen, die sich hier ihre schmalen Altersbezüge aufgebessert hätten. Von treuer Kundschaft aus München und aus Amerika, die immer wiederkäme. Und tatsächlich: Während man im fast leer geräumten Laden steht, klopfen alle paar Minuten Menschen an die verschlossene Glastür, die bald ein neuer Besitzer mit neuen Waren öffnen wird.Serhat Kaynar hätte den Laden gerne übernommen – darf aber nicht. Johannes SimonDie Stadt wirbt auf ihrer Website: „Traumlage am Marienplatz: Ihr Geschäft!“ Sie vermiete in der Ladenzeile des Neuen Rathauses ein Einzelhandelsgeschäft von gut 60 Quadratmetern, Zustand „unrenoviert“, verfügbar ab 1. August 2026. Für die Rathausläden strebe man „einen gesunden Branchenmix mit Münchner Traditionsgeschäften oder innovativen Angebotsformen“ an, die sich möglichst nicht direkt Konkurrenz machten. Im Rathaus gibt es noch einen zweiten Geschenkeladen, „Geschenke Kaiser“. Dieser zog vor rund zweieinhalb Jahren an der Dienerstraße ein. Eine direkte Konkurrenz zum Laden von Sieglinde Konrad sah man im Rathaus damals offenbar nicht.Die Sprache der Verwaltung ist naturgemäß eine andere, nüchterner als das, was Kaynar erzählt. Grundsätzlich sei die Landeshauptstadt „vergaberechtlich zur Durchführung eines öffentlichen Angebotsverfahrens für zur Vermietung anstehende Immobilien verpflichtet“, teilt das Kommunalreferat mit. Für die Rathausläden sei eine Nachfolgeregelung mit bestimmten Vorgaben verknüpft. Kaynar habe diese Vorgaben nicht erfüllen können. Den für Nachbesetzungen ohne Ausschreibung möglichen Ermessensspielraum plant die Stadt in diesem Fall nicht auszuschöpfen.Für Kaynar ist unverständlich, warum er aus formalen Gründen dieses Traditionsgeschäft nicht im Sinne der Inhaberin Sieglinde Konrad weiterführen darf. Sie habe früh gewollt, dass er das Geschäft einmal übernehme. Kaynar und Konrad lernten sich während der Corona-Zeit kennen, als er ihr mit Buchhaltung und den komplizierten Anträgen half. Bald stand er nachmittags auch im Laden, aus dem gelegentlichen Aushelfen wurden fast tägliche Einsätze. Es entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis; die beiden gingen zusammen essen, Konrad besuchte ihn auch sonntags.Um ihm die Nachfolge zu ermöglichen, habe Konrad zuerst eine GmbH gründen wollen, dann eine GbR. Beides habe nicht funktioniert. Konrad habe sogar über Adoption nachgedacht, sagt Kaynar, nur damit der Laden weitergeführt werden könne. „Hauptsache, das Geschäft steht“, habe sie gesagt. Er habe das nicht gewollt. Dann habe sie ein Testament geschrieben und der Stadt mitgeteilt, dass es ihr größter Wunsch sei, dass Kaynar die Geschenke-Stuben weiterführe.Schließlich sei Konrad an Demenz erkrankt, ein gesetzlicher Betreuer wurde eingesetzt. Der habe sich nach Kaynars Darstellung ebenfalls dafür starkgemacht, dass er im Rathaus weiter Souvenirs und Geschenke verkaufen dürfe. Doch am Ende blieb es beim Nein der Stadt. „Die sagen immer nein, nein, nein“, sagt Kaynar resigniert. Für ihn ist die Absage schwer auszuhalten. Zwar steht er nicht ohne berufliche Perspektive da – der gelernte Bürokaufmann arbeitet mit seinem Vater in der Finanz- und Lohnbuchhaltung – doch darum gehe es ihm nicht allein. Er finde es traurig, dass ein Geschäft verschwinde, in das seine Inhaberin ihr ganzes Leben gesteckt habe, so Kaynar.Das Kommunalreferat sieht den Vorgang anders. Die Stadt müsse transparent ausschreiben. Im Rathaus gebe es grundsätzlich wenig Wechsel, derzeit stehe keine weitere Gewerbefläche zur Verfügung. Ausschreibungen in Innenstadtlage stießen regelmäßig auf „reges Interesse“ und meist auf eine Vielzahl von Bewerbungen.
München: Warum die Stadt die Weiterführung der Geschenke-Stuben verhindert
Sieglinde Konrad gibt den Laden im Münchner Rathaus aus gesundheitlichen Gründen auf. Die Stadt schreibt neu aus – trotz Nachfolgewunsch der Besitzerin.







