Eigentlich wollte Will Vogt Manager von Rockmusikern werden. Stattdessen fotografiert er nun die Welt, in die er hineingeboren wurde: die amerikanische Aristokratie. Seine Fotos zeugen auch vom Niedergang einer Epoche.Frank Heer, Will Vogt (Bilder)24.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDa hatte F. Scott Fitzgerald, Autor von «The Great Gatsby», natürlich recht, als er notierte: «Geld hat die Eigenschaft, sehr interessant zu sein – vor allem für diejenigen, die keines haben.» Er selber führte als Literatur-Star ein in Champagner getränktes Leben – bis ihm der Reichtum zwischen den Fingern zerrann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fitzgeralds Romane waren Sittengemälde des New Yorker Geldadels im frühen 20. Jahrhundert. Sommerhäuser auf Long Island, Winterresidenzen in Florida, Appartements in Manhattan. Wohlstand war ein codierter Raum, möbliert mit Bibliotheken, Kunst und Chesterfield-Sesseln. Man ging auf die Jagd, stärkte sich bei Cocktails im Country Club, spendete Geld, nebenbei machte man Geschäfte.Will Vogt, 74, ist ein Nachfahre dieses privilegierten «Stamms». Seine Grosseltern waren keine Rockefellers oder Carnegies, aber als Rancher in Texas kamen sie zu beträchtlichem Vermögen. Während der Uni verkroch er sich in die Dunkelkammer, las Fitzgerald und hörte Dylan. Später managte er Bands, arbeitete für eine Bank und landete im Öl- und Gasgeschäft. Er pendelt zwischen seiner Ranch in Texas und seinem Sommerhaus in Watch Hill, Rhode Island. Immer dabei ist seine Kamera.Vogts erster Bildband «These Americans» erschien 2023. Die Fotos stammen aus den Achtzigern, und natürlich ist es kein Zufall, dass der Titel auf Robert Franks berühmte Fotoreportage «The Americans» anspielt. Wie Frank richtet er seine Linse auf den Mythos des amerikanischen Traums, mit dem Unterschied, dass er nicht seine Verlierer, sondern seine Gewinner porträtiert: die Upperclass.Zehntausende von Fotos häuften sich über die Jahrzehnte an, und das Sittenbild, das Vogt entwirft, ist erstaunlich ungefiltert. Wir sehen Debütantinnenbälle, Pferderennen, Bankette, aber auch betrunkene Teenager, verrutschte Smokings, Erbrochenes auf dem Parkplatz. Champagner, Zigaretten und Koks. Erlegte Hirsche, Hasen, Rebhühner. Hummer auf gedeckten Tafeln und einen Tiger am Pool. Die Klischees erstarren im Blitzlicht seiner Kamera.Über das Leben der Reichen wurden Filme gedreht, Romane geschrieben, aber in der amerikanischen Fotografie richtete sich die Linse vor allem auf die Unterprivilegierten und die Mittelschicht. Die Arbeiter, Obdachlosen, Versehrten. Vorstädte, Highways, Bars und Kirchen. Das Leben der Reichen blieb hinter den Hecken verborgen oder wurde ohne sozialkritischen Beigeschmack in Hochglanzmagazinen in Szene gesetzt. Will Vogt wirft einen anderen Blick auf die Upperclass. Er ist weder Aussenseiter noch Abtrünniger. Keiner von uns, sondern einer von ihnen. Seine Protagonisten setzt er weder wohlwollend in Szene, noch macht er sich über sie lustig. Das macht seine Arbeit interessant.Sein neuer Bildband trägt den Titel «Behind The Hedges». Die Fotos entstanden in den letzten zwanzig Jahren und sind die Lücken in der Hecke. Die Bierbäuche sind etwas grösser geworden, die Protagonisten ergraut. Jagdhunde, Privatjets und Range Rover stehen noch immer herum, aber an den Empfängen geht es gesitteter zu und her. Keine Schnappschüsse des überbordenden Leichtsinns mehr, wie in «These Americans», sondern nüchterne Milieustudien und Tableaus der Groteske. Man betrachtet sie mit der Faszination eines ungeladenen Zaungasts, taucht ein in eine so verschwenderische wie kauzig anmutende Gesellschaft, die sich seit einem Jahrhundert unbeeindruckt von den Erschütterungen der Zeit in Selbstkonservierung übt.Und natürlich denkt man an F. Scott Fitzgerald, der schrieb: «Im Grunde ist alles Leben ein Prozess des Niedergangs.» Anstelle der Aristokratie mit ihren Traditionen, ihrer Kulturbeflissenheit und aus der Mode gekommenen Wasp-Noblesse werden über kurz oder lang die Silicon-Valley-Milliardäre und Tech-Bros treten. Statt Bücher sammeln sie Dinosaurierknochen, statt Kunst fördern sie die Technologie, die ihnen dient. Sie werden in die Sommerhäuser ziehen, in denen die Nachfahren der Gatsbys lebten, nur in den Country Clubs wird man sie nicht zu Gesicht bekommen.Will Vogt: «Behind The Hedges» (2026 Schilt Publishing)Bilder via Schilt Publishing & GalleryEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel