Es war immer ein großes Fest im kleinsten Raum. Ein Fest für die Sinne – nicht nur für die Ohren. Der ganze Körper wurde zu Musik. Die Augen, schon nach wenigen Takten wie im Traum geschlossen, sahen einen großen Konzertsaal: das Publikum, entspannt im vollen Genuss des Klangs; vorne auf der Bühne fünf Herren, konzentriert und doch ihrer Kunst wegen sich selbst und den anderen zulächelnd. Und beim zarten, filigranen Beginn des zweiten Satzes stellten sich die Haare auf vor lauter, nein: leiser Ergriffenheit.Franz Schubert, das große Quintett in C-Dur. Ein klangmächtiger Blick ins Paradies – und in den Höllenschlund. Und das auf zwei, drei Quadratmetern in einem holzgetäfelten Kasten, die Tür mittig verglast. Man hätte den Publikumswirrwarr draußen sehen können, wären die Augen nicht geschlossen gewesen vor Verzückung. Es war wieder Lindbergtag für Frank, gerade mal 15 Jahre alt, und für seinen doppelt so alten Bruder. Ein Fest für beide.Es war gute, wenn auch seltene Tradition in Franks Familie, den heimischen Schallplattenvorrat durch einen Besuch bei Lindberg in der Münchner Sonnenstraße zu erweitern. Selten deshalb, weil 20 Mark für eine Schallplatte (das Wort „Vinyl“ kannte man damals kaum) viel Geld waren – nur für ein Hörvergnügen. Doch wennschon, dennschon: Lindberg, inklusive Anfahrt, inklusive Großstadt-Eis und inklusive, manchmal nach einer besonders erfolgreichen Schallplattenjagd, Mittagessen beim Jugoslawen am Dom.Saxophone in großer Auswahl: Wie bei Gitarren, Klavieren und Ziehharmonikas bot Lindberg Instrumente in beeindruckender Vielfalt. Stephan RumpfDenkt Frank heute an diese Lindberg-Besuche mit seinem Bruder zurück, sieht er zuerst die mit hellem Holz verkleidete Kabine: schalldicht, in einer Reihe mit baugleichen Kästen. Dass er auf dem Weg zu den etwas rückwärtig gelegenen Verkaufsräumen der Tonträger an schier endlosen Reihen von Ziehharmonikas vorbeiging, an Dutzenden Klavieren jedweder Provenienz – das hat ihn damals schon nicht interessiert. Entsprechend ist es im Gedächtnis kaum haften geblieben.Dass „der Lindberg“ damals Münchens Platzhirsch war, wenn es um Musik ging, wurde ihm erst viel später klar, als sich – vor allem am Stadtrand – Konkurrenz lautstark bemerkbar machte. Aber er sieht noch den Verkäufer vor sich, der aus den riesigen Regalen ein paar Schallplatten in ihren Hüllen zog: allesamt voll mit Schuberts genialen, vom nahen Tod gezeichneten Klängen. Eben diesem C-Dur-Quintett, nicht zu verwechseln mit dem luftig leichten, der „Forelle“ gewidmeten Werk in selbiger Formation.„Ich schätze vor allem die Aufnahme mit dem Amadeus Quartett und William Pleeth“, sagte der Verkäufer damals. Frank war beeindruckt. Kannte der vielleicht all die Platten in den Regalen? Ein Fachverkäufer im besten Sinne des Wortes. Die beiden Brüder zogen sich mit fünf Schubert-Quartetten unterm Arm und großer Vorfreude in eines der engen Klangkabuffs zurück. Dort warteten ein moderner Plattenspieler und ein damals schon ausgeklügeltes Klangsystem auf sie.Beide waren große Fans der damals sogenannten E-Musik, Klassikfreaks würde man heute sagen. Und Lindberg war für sie Tempel, Palast, Dom und Paradies. Der Ältere stand vor allem auf Richard Strauß und dessen Opern, der Jüngere eher auf Bach und Mozart. Er kannte fast alles auswendig. Am heimischen Klavier kämpfte er gerade mit Bachs Italienischem Konzert, wenn er nicht dessen Einspielung mit dem jungen Friedrich Gulda hörte. Und weil er einmal bei Mozarts Es-Dur-Konzertante (mit Isaac Stern und William Primrose, bei Lindberg gekauft) mit der Nadel des Plattenspielers unvorsichtig war, setzte er im zweiten Satz einen Kratzer. Der verkürzte diesen um drei Rillen. Noch heute erschrickt er bei diesem Meisterwerk, wenn sie dann die „lange“ Version spielen – statt die drei Rillen auszulassen.Dass er auf ähnliche Weise später Paminas große g-Moll-Arie aus der „Zauberflöte“-Gesamtaufnahme mit Karl Böhm (bei Lindberg gekauft) ruinierte, beweist nur: Schallplatten waren ein leicht zu beschädigendes Gut. Auch die Scheiben der Beatles, der Rolling Stones – aber für Frank war das damals (später nicht mehr) bestenfalls organisierter Lärm, für den die Bezeichnung „Schallplatte“ ungehörig schien. Kurz: Die beiden Brüder waren, ungeachtet ihres Alters, Klassikprofis. Und sie konnten sich auf zwei Namen einigen: Lindberg und Schubert.Mit aller Vorsicht setzte der Ältere den Plattenspieler in Gang. Zartes C-Dur, das gleich einer Prophezeiung ins Moll wechselt – welch vielsagender Beginn! Und dann der zweite Satz, diese hingehauchte Klangzauberei. Schnell war klar: Nur zwei Aufnahmen kamen in Frage, Amadeus- oder Köckert-Quartett, letzteres mit Walter Nothas am zweiten Cello. Nothas gewann, er stammte ja auch aus Niederbayern.Zurück am Ladentisch meinte der Verkäufer gnädig: Ja, das sei auch eine gute Wahl. Was man als Verkäufer halt so sagt. Die beiden Brüder packten die Trophäe ein wie einen Schatz. Und wenn die Erinnerung nicht täuscht, gab es nach dem Lindberg-Abenteuer beim Jugoslawen am Dom eine Balkanplatte zur Feier des Tages.Das alles ist etwa ein halbes Jahrhundert her. Die Schallplatte von damals ist längst verschwunden. Im CD-Regal aber steht noch Schuberts Streichquintett in C-Dur, remastert, mit dem Köckert Quartett und Walter Nothas. Und wenn Frank heute am Lindberg vorbeifährt, dem einstigen Klangparadies-Monopolisten in der Sonnenstraße, denkt er an das helle Holz der Klangkabinen von damals, an den vollautomatischen Plattenspieler und an den Verkäufer. Wahrscheinlich hatte er Musik studiert, war aber im Konkurrenzgewühle untergegangen und hatte bei Lindberg einen Job gefunden. Dass dabei ein bisschen Wehmut aufkommt, versteht sich von selbst.
Musikhaus Lindberg schließt womöglich: Abschied vom Klangparadies in der Sonnenstraße
Das Musikhaus Lindberg in der Münchner Sonnenstraße hat Insolvenzantrag gestellt. Erinnerung an einen Ort, der Musikfans über Generationen geprägt hat.








