Ladenschluss bei Galeria? Der Warenhauskonzern kämpft erneut um seine ZukunftDas Unternehmen hat schon dreimal Insolvenz angemeldet, nun ist die Lage abermals angespannt. In der Folge könnten noch mehr Standorte schliessen. Woran es diesen fehlt, zeigt ein Besuch vor Ort.Cornelius Welp, Aschaffenburg20.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Kaufhauskette Galeria muss vermutlich erneut Filialen schliessen.Sean Gallup / GettyIm Dämmerlicht der Einkaufspassage springen die knallroten Plakate in den Schaufenstern die Vorübergehenden geradezu an. Auf einem steht einfach nur «Sale», auf einem anderen zusätzlich «Bis zu 50% reduziert», ein drittes verheisst «20 Euro ab 100 Euro». Sonst sind die Auslagen weitgehend leer, ein Liegestuhl und ein auf einem Regal drapierter Strohhut sollen so etwas wie sommerliche Stimmung signalisieren. Was hier verkauft wird, scheint zweitrangig. Hauptsache, es ist günstig. Hauptsache, es kommt raus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Muss es womöglich auch bald. Die Filiale in der «City-Galerie» im bayrischen Aschaffenburg, gut 40 Kilometer östlich von Frankfurt, ist einer von bundesweit acht Galeria-Standorten, deren Mietverträge bald auslaufen und deren Zukunft deshalb akut bedroht ist. Seit Monaten ringt der Düsseldorfer Handelskonzern mit den Eigentümern der Immobilien um günstigere Konditionen. Im Hintergrund aber geht es um viel mehr. Das gesamte Unternehmen steht auf der Kippe. Wieder einmal.Insolvenz folgt auf Insolvenz folgt auf Insolvenz2018 hatte der österreichische Immobilienunternehmer René Benko die zwei zuvor konkurrierenden Warenhauskonzerne Karstadt und Kaufhof zusammengeschlossen. An Karstadt hatten sich in den Jahren zuvor bereits schillernde Gestalten wie der frühere Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff und der Milliardär Nicolas Berggruen versucht, eine Insolvenz im Jahr 2009 riss die traditionsreiche Kölner Privatbank Sal. Oppenheim mit in den Untergang. Bei Kaufhof war es viele Jahre besser gelaufen, doch nachdem der deutsche Konzern Metro die Kette 2015 an das kanadische Unternehmen Hudson’s Bay (HBC) verkauft hatte, ging es auch hier bergab.Benko versprach hohe Investitionen, um das Unternehmen zukunftssicher aufzustellen, doch die Realität sah bald anders aus. 2020 musste Galeria wegen des Umsatzeinbruchs durch die Corona-Pandemie Insolvenz anmelden, 2022 folgte die nächste Pleite. Und als Benkos Dachgesellschaft Signa Ende 2023 das Geld ausging, schlitterte der Konzern Galeria Anfang 2024 zum dritten Mal in die Insolvenz. Aus dieser übernahm ihn dann der deutsche Unternehmer Bernd Beetz, Ex-Chef des Kosmetikkonzerns Coty, zusammen mit der Investmentgesellschaft NRDC, hinter der der frühere Hudsons’-Bay-Chef Richard Baker steht.Das Unternehmen ist dramatisch geschrumpftUnter den wechselnden Eigentümern ist das Unternehmen dramatisch geschrumpft. 2016 zählten Karstadt und Kaufhof zusammen 183 Warenhäuser in Deutschland, heute sind von diesen bloss 83 übrig. Und während die beiden Unternehmen vor zehn Jahren noch mehr als 35 000 Personen beschäftigten, arbeiten bei Galeria heute nur noch rund 12 000. An einigen Standorten hat sich die Zahl der Beschäftigten mehr als halbiert, von Beratung ist deshalb kaum noch etwas zu sehen. Und auch die Konditionen sind wenig attraktiv.«Die Gehälter liegen im Durchschnitt 20 Prozent unter dem Niveau des Flächentarifvertrags», sagt Marcel Schäuble, Fachbereichsleiter Handel im Landesbezirk Hessen bei der Gewerkschaft Verdi. Gerade in Ballungsräumen deckten die Gehälter kaum die Lebenshaltungskosten. Die wechselnden Eigentümer hätten zwar alle viel versprochen, ihre Zusagen aber allenfalls kurzfristig eingehalten. Und damit immer wieder eine Chance vertan. «Es fehlt eine Idee, es fehlt ein tragfähiges Zukunftskonzept, es fehlen Investitionen», sagt Schäuble. Einige Häuser in Bestlagen von Grossstädten wurden unter Benkos Führung aufwendig saniert. An vielen kleineren Standorten passierte jedoch nichts.Es herrscht mühsam geordnetes ChaosIn Aschaffenburg ist der Verschleiss offensichtlich: Der bräunliche Teppichboden zwischen den Regalen der Spielwarenabteilung im obersten Stockwerk ist mit dunklen Flecken übersät. Es herrscht mühsam geordnetes Chaos: Einige Regale sind übervoll, andere komplett leer. Aufsteller versprechen einen «Top Deal», von der niedrigen Decke baumeln Pappschilder mit den Aufschriften «Sale» und «%».Ein paar Schritte weiter, bei den Haushaltswaren, lagern Lockenstäbe neben Kaffeemaschinen, elektrische Zahnbürsten neben Auflaufformen. Die Inschrift über einem Durchgang verheisst «Kurzwaren», der anschliessende Raum wirkt wie eine Abstellkammer. An einer Wand hängen Wollknäuel, an einer anderen Bettflaschen, und vor der dritten stapeln sich die Töpfe so eng, dass sie an Sperrmüll vor der Abholung erinnern.Es muss dringend Geld in die KasseDer aggressive Abverkauf dürfte dazu dienen, überhaupt genug Geld in die Kasse zu bekommen, um Gehälter und andere essenzielle Ausgaben stemmen zu können. Die «Bild» berichtete von einer extrem angespannten Liquiditätslage, die «Wirtschaftswoche» von mehreren Vermietern, die auf ihr Geld warten müssten. Im Umfeld des Unternehmens heisst es, dass auch Lieferanten auf Distanz gegangen seien. Manche hätten die Beziehung zu Galeria komplett auf Eis gelegt, andere lieferten nur noch «auf Kommission». Dadurch blieben sie weiter Eigentümer ihrer Produkte und wären im Fall einer Insolvenz besser geschützt.Waren von Galeria könnten auch als Sicherheit für den Kredit dienen, der das Überleben des Konzerns zumindest für einige Monate sichern soll. Um diese Finanzspritze verhandelt Galeria derzeit mit dem auf Restrukturierungen spezialisierten amerikanischen Unternehmen Gordon Brothers. Das soll die Kreditlinie von bis zu 160 Millionen Euro bereits vor Tagen genehmigt haben, seitdem aber hakt es an den Details.Grundlage der Zahlung ist ein Gutachten der Beratungsgesellschaft Alix Partners. Es soll endlich den Weg in eine sichere Zukunft weisen. Für diese wären wohl zunächst weitere Einschnitte erforderlich: So zweifelt das Gutachten bei 30 Standorten an, ob diese überhaupt jemals profitabel betrieben werden können. Galeria kommentiert eine Anfrage zum Stand der Verhandlungen und zur derzeitigen wirtschaftlichen Situation nicht.Zwischen «Herrenmode» und «Gymnastikhosen»Die Rolltreppe aus dem obersten Stockwerk soll laut der Beschriftung zu «Sport» und «Herrenmode» führen, an ihrem Fuss hängen jedoch erst einmal knallbunt geblümte Bikinis in dichten Reihen. Auf Regalen stapeln sich Schlafanzüge, an einer Stange hängen massenhaft «Gymnastikhosen Damen». Auch hier ist der «Sale» allgegenwärtig. Es sind einige Kunden da, ein Rentner prüft eine beigefarbene Shorts, ein älteres Paar debattiert über das passende Hemd. Aus der grau-weiss karierten Wand vor den Umkleidekabinen ragen zwei dunkle Unterarme aus Plastik. War so etwas vor Jahrzehnten wirklich einmal angesagt?Früher lockte das breite Sortiment der Warenhäuser die Kunden in Scharen an. Spätestens seit der Jahrtausendwende haben diesem Konzept jedoch neue stationäre Wettbewerber und vor allem der Onlinehandel immer stärker zugesetzt. Der digitale Anteil an allen Handelsumsätzen in Deutschland beträgt zwar nur gut 13 Prozent, im für Galeria besonders wichtigen Segment Mode liegt er jedoch bei mehr als 44 Prozent. Neben längst etablierten Anbietern wie Amazon und Zalando haben jüngst auch die chinesischen Onlinehändler Shein und Temu Kunden gewonnen.Als Antwort auf die Herausforderungen will Galeria auf ein spezielleres Angebot setzen und Flächen in den oft noch überdimensionierten Häusern an andere Händler untervermieten. An einigen Standorten ist bereits der Sportartikelhändler Decathlon eingezogen, an anderen der Lebensmitteldiscounter Lidl. Die Läden im Warenhaus sollen mehr Publikum in die Häuser ziehen und ausserdem die Mieten für Galeria reduzieren.Vermieter wollen sich nicht alles bieten lassenDas ist auch das Ziel der laufenden Verhandlungen. Grundsätzlich ist der Warenhauskonzern in einer starken Position. Nachmieter für die Flächen sind schwer zu finden, von den in der letzten grossen Welle vor drei Jahren geschlossenen Häusern stehen heute noch etliche leer. Die Kompromissbereitschaft habe jedoch Grenzen. «Wir können uns nicht alles bieten lassen», heisst es bei einem Vermieter. Der Warenhauskonzern habe schon bisher eine niedrige Miete gezahlt, weil er sich dazu verpflichtet habe, seine Räumlichkeiten selbst zu sanieren. «Sie haben keine einzige Zusage eingehalten», klagt der Vermieter.Im Erdgeschoss in Aschaffenburg stehen Koffer wie vergessen auf Holzpaletten, an der Wand dahinter verbleicht die simulierte Anzeigetafel eines Flughafens. Die Ständer mit Handtaschen stehen so eng nebeneinander, dass die Kunden kaum vorbeikommen. Auch hier wirkt alles wahllos, alles gedrängt. Neben einem Regal mit Buchbestsellern stapelt sich Schokolade, gegenüber stehen Flaschen eines Getränks namens «Glitter Spritz», für das der Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz wirbt.Einen Teil seiner Fläche hat das Warenhaus schon vor Jahren aufgegeben, das Schild «Kleine Riesen» an einer Tür verrät die neue Nutzung. In fünf Gruppen werden hier nach einem Umbau rund hundert Kinder im Krippen- und Kindergartenalter betreut. Das Konzept hat Zukunft. Das von Galeria so wie bisher kaum.Passend zum Artikel