Deutsche Autozulieferer stecken in der Dauerkrise. Mit Sparrunden und Innovationen suchen sie den AuswegDie Hälfte der Unternehmen befindet sich in einer kritischen Lage. Das Beispiel des Dachbauers Webasto zeigt, was das bedeutet. Und wie es weitergehen kann.Cornelius Welp27.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFertigung von Webasto-Dächern im amerikanischen Gliedstaat Michigan.Sarah Rice / GettyDer Rollkoffer von Jörg Buchheim steht in der Ecke bereit, sehr viel Zeit hat er nicht. Die Maschine in die USA wird pünktlich am Frankfurter Flughafen abheben. Buchheim will dort ein Werk besuchen, und wenn er zurückkehrt, geht es weiter nach Indien, wo gerade ein neues entsteht. Der Manager hat einen Job, der ihm gerade viel abverlangt und in dem es um viel geht. Er muss ein deutsches Traditionsunternehmen retten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit Anfang 2025 steht Buchheim an der Spitze von Webasto, einem weltweit aktiven Hersteller von Dächern und Heizungen für Last- und Personenwagen. Mit 13 000 Mitarbeitern und zuletzt 4 Milliarden Euro Umsatz gehört das Unternehmen aus Stockdorf bei München hinter Riesen wie Bosch und ZF Friedrichshafen zu den deutschen Top 20 der Branche. Bei Buchheims Amtsantritt befand es sich in einer existenzbedrohenden Krise. Erste Schritte aus dieser heraus sind gemacht. «Unsere Finanzierung ist bis 2028 gesichert, und wir haben Spielraum, wieder in Wachstum zu investieren», sagt Buchheim. Endgültig gesichert ist die Zukunft nicht.Webasto-Chef Jörg Buchheim.PDDas gilt auch für viele andere Autozulieferer. Seit Jahren leidet die deutsche Kernbranche unter sinkender Nachfrage, hohen Kosten und der Herausforderung, ihre für Verbrenner entwickelten Produkte irgendwie in die E-Auto-Welt überführen zu müssen. Die Folge sind Arbeitsplatzabbau, Werkschliessungen und oft radikale strategische Kehrtwenden. Eine Studie kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass sich 54 Prozent der Unternehmen in einer akuten Krise befinden. In absehbarer Zeit dürfte sich daran wenig ändern.Die Zulieferer sind von der Krise besonders betroffenAls Hildegard Müller, als Präsidentin des Verbands der deutschen Automobilindustrie die oberste Lobbyistin der Branche, jüngst ihre ohnehin schon finsteren Prognosen zum Arbeitsplatzabbau nochmals verdunkelte, hob sie die Zulieferer als besonders betroffen hervor. Ihnen setze der Weg vom Verbrennermotor zur Elektromobilität ganz besonders zu. Viele Bauteile werden in Batterieautos gar nicht mehr benötigt, zudem fallen den kleineren Unternehmen die erforderlichen Investitionen noch schwerer als grossen Herstellern. Auch Bürokratie und hohe Energiepreise belasten die Branche stark.Bei Webasto kamen interne Fehleinschätzungen hinzu. Das Unternehmen hing stark vom Erfolg deutscher Hersteller auf dem chinesischen Markt ab, auf dem das Interesse nach ausländischen Autos eingebrochen ist. Zudem hatte es die Nachfrage für von ihm gefertigte Ladegeräte für Elektroautos überschätzt. Die Folge waren hohe Verluste, die Banken zögerten deshalb mit der notwendigen Finanzierung.Im vergangenen September einigten sie sich mit den Eigentümerfamilien und den Kunden des Unternehmens auf einen Sanierungsplan. Auf dessen Grundlage kann Webasto sein 125. Firmenjubiläum in diesem Jahr einigermassen beruhigt feiern. Buchheim und seine Kollegen stehen jedoch unter verschärfter Beobachtung der Gläubiger.Eine Mitarbeiterin des Webasto-Werks in Plymouth arbeitet an einer Produktionslinie für Cabriodächer.Sarah Rice / GettySparen allein reicht nichtDer Manager gibt sich zuversichtlich: «Wir spüren, dass uns unsere Kunden vertrauen», sagt er. Auch die Banken glaubten daran, dass das Unternehmen in Zukunft wieder wettbewerbsfähig sein könne. Beim Neugeschäft, beim Abbau von Überkapazitäten und auch bei den Finanzen habe Webasto bisher alle vereinbarten Meilensteine erreicht.Das Unternehmen hat die Kosten um 20 Prozent reduziert, dafür hat es weltweit sieben Standorte geschlossen und allein in Deutschland knapp 1000 Stellen abgebaut. Mit Sparen allein ist Buchheims Auftrag aber nicht erledigt. «Es ist wichtig, dass wir die Prioritäten weiterhin konsequent abarbeiten», sagt er.Dabei geht es vor allem darum, das Unternehmen so aufzustellen, dass es auch künftig ausreichend profitabel ist. Das fällt den meisten Zulieferern schwer. Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie der Unternehmensberatung Roland Berger und der Investmentbank Lazard bezifferte die Umsatzrendite europäischer Lieferanten auf mickrige 3,6 Prozent. Das waren rund zwei Prozentpunkte weniger als in den Jahren vor der Corona-Pandemie.Um ein ausreichendes Niveau zu erreichen, müssen sich Zulieferer auf die aussichtsreichen Geschäftsbereiche konzentrieren und andere aufgeben. Webasto hat das defizitäre Ladegeschäft für E-Autos, das unter anderem Wallboxen und Kabel produzierte, schon 2024 an einen Finanzinvestor abgetreten. Die Nachfrage nach den von dem Unternehmen produzierten Standheizungen geht parallel mit den Verbrennern zurück, langfristig wird sie auslaufen. Bei Heizungen für Elektroautos dominieren staatlich geförderte Anbieter aus China. Deshalb will sich Buchheim hier auf Nischen wie Agrar-, Bau- und Militärfahrzeuge und Wohnmobile konzentrieren.«Als deutscher Hersteller können wir nur dann erfolgreich sein, wenn wir unser umfangreiches Wissen einsetzen und dieses industrialisieren», sagt der Manager. Dafür will das Unternehmen dort gezielt in Wachstum investieren, wo es einen Vorsprung vor der Konkurrenz hat. Gelingen soll das in der Produktion von Dächern, der schon bisher mit Abstand wichtigsten Sparte. «Das Geschäft ist hochtechnologisch und sehr anspruchsvoll, da können wir unsere Stärken voll ausspielen», sagt Buchheim.Da die meisten Märkte auch künftig stagnieren dürften, soll die Integration von mehr Technologie den Umsatz und die Margen deutlich erhöhen. Als Beispiele nennt Buchheim Glasdächer, die sich öffnen und mit verschiedensten Beleuchtungen verdunkeln lassen. Webasto setzt auch auf den vermehrten Einbau von Displays, mit dem Aufschwung des autonomen Fahrens dürfte das Interesse an Unterhaltung im Auto deutlich zulegen.Webasto-Cockpit bei einer Ausstellung in Schanghai.ImagoUnd das vor allem ausserhalb Europas: «Wachstum sehen wir in den USA, in Indien und auch in China», sagt Buchheim. Nachdem sich der Umsatz in China von einst 1,4 Milliarden Euro auf 700 Millionen Euro halbiert hat, soll es dort nun wieder aufwärtsgehen. Stolz berichtet Buchheim davon, dass Webasto seinen Anteil bei einheimischen Autoherstellern erhöht hat. Der nächste Schritt soll ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem chinesischen Glashersteller Zhejiang Fujia Technology sein. Von diesem erhofft sich das Unternehmen einen «wettbewerbsfähigen Zugang» zum in China boomenden Markt fest verglaster Dächer.Ob das alles für die Zukunft reicht? Von aktuellen Themen wie der Blockade der Strasse von Hormuz sei das Unternehmen jenseits von höheren Energie- und Transportkosten nicht direkt betroffen. «Aber es besteht das Risiko, dass der Kostendruck auf unsere eigenen Zulieferer steigt, während das Geschäft der Endkunden abkühlt», sagt Buchheim. Intern sei Kommunikation essenziell, das Management stelle die Lage so transparent dar, wie es könne. «Wir werden aber nicht allen die Angst vor Veränderungen komplett nehmen können», sagt der Webasto-Chef.Passend zum Artikel
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