Die Krankenkassenprämien könnten um 5 Prozent steigen. Gleichzeitig streiten sich die Pharmafirmen und der Bund über Sparposten bei den MedikamentenDer Verband Interpharma nimmt pointiert Stellung zu geplanten Gesetzesrevisionen, die das Kostenwachstum bei den Medikamenten bremsen sollen.Ralph Goldinger27.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenMedikamente sollen billiger werden. Das hat Folgen für die Pharmaindustrie.Taras Grebinets / ImagoDie Kosten im Gesundheitswesen steigen stetig an und mit ihnen die Prämien. Im Jahr 2025 stiegen die Kosten im Vergleich zum Vorjahr um 5,2 Prozent pro Kopf. Die Fachleute des Bundesamts für Gesundheit (BAG) gehen davon aus, dass die Prämien ungefähr gleich wie die Kosten wachsen werden. Am Dienstag haben sie dazu an einem Mediengespräch in Bern informiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Angesichts dieser Zahlen sucht der Bundesrat nach Wegen, das Kostenwachstum zu bremsen. Einen wichtigen Hebel sieht er bei den Medikamentenpreisen. 2024 gehörten diese mit über 20 Prozent Anteil an den Gesamtleistungen der Grundversicherung zu den bedeutendsten Kostengruppen.Doch die Lage ist komplex, gerade für die Pharmaindustrie, die stark von Preisregulierungen getroffen werden könnte. Auch weil sie derzeit nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland unter Druck steht.Gute Stimmung trotz grossen DifferenzenKonkret geht es um das Kostendämpfungspaket im Arzneimittelbereich des Bundesrats. Am Dienstag ist die Vernehmlassung dazu abgelaufen. Auch die Pharmabranche hat sich zur geplanten Vorlage geäussert, bevor sie ins Parlament gehen wird.Besonders umstritten sind mögliche «Mengenrabatte» bei umsatzstarken Medikamenten. Im Fachjargon nennt sich das Kostenfolge-Modell. Werden diese Modelle eingeführt, müssten die Pharmafirmen einen Teil des Umsatzes zugunsten der Grundversicherung rückerstatten, wenn ihr Medikament ein gewisses Absatzvolumen erreichen würde. Der Bundesrat möchte ab 2029 Einsparungen von 350 Millionen Franken bei 80 bis 100 sehr umsatzstarken Medikamenten generieren.Interpharma, der Verband der forschenden Pharmaunternehmen, warnt davor, dass die geplante Revision die Einführung von neuen innovativen Therapien und damit die Versorgung der Schweizer Patientinnen und Patienten gefährden würde.Schon heute verzögere sich der Zugang zu neuen Therapien in der Schweiz im Vergleich zum Ausland, heisst es in der Stellungnahme zum Gesetzesentwurf. Dieser Trend könne sich mit den geforderten Massnahmen weiter verstärken. Die Umsatzeinbussen, die den Pharmafirmen dadurch entstehen würden, stellten auch ein reales Risiko für die Beschäftigung am Schweizer Life-Science-Standort dar.Druck aus den USADie mögliche Revision kommt für die Pharmaunternehmen zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Auf der anderen Seite des Atlantiks will US-Präsident Trump die amerikanischen Medikamentenpreise an jene von anderen Ländern, so auch an die der Schweiz, angleichen. Das würde den Absatz der Schweizer Pharmaindustrie senken, da diese einen grossen Teil ihres Umsatzes in Amerika erzielt.Eine Studie von Raiffeisen belegt die Unterschiede deutlich. Im Vergleich zum globalen Durchschnitt zahlen Amerikaner fast das Doppelte für ein Medikament, bei Originalpräparaten ist es sogar mehr als das Dreifache. Das gilt auch im Vergleich zur hochpreisigen Schweiz: Verglichen mit einem Schweizer bezahlt ein Amerikaner 240 Prozent mehr für ein patentgeschütztes Medikament.Zwar ist derzeit noch unklar, wie Trump die Forderungen in handfeste Regulierung umsetzen will. Das Geschäftsmodell der Schweizer Pharmaindustrie könnte jedoch weiter unter Druck geraten, wenn nun zusätzlich die Schweizer Preise gesenkt würden: Das würde nach Trumpscher Logik auch die amerikanischen Preise nach unten treiben müssen.Der Bundesrat preschte vorInterpharma kritisiert nicht nur den Inhalt der Reform, sondern auch, dass der Bundesrat diese verfrüht präsentiere. «Die Revision erfolgt, ohne dass die Arbeiten und finalen Schlussfolgerungen der vom Bundesrat eingesetzten Gruppe ‹Lifesciences-Standort› der Schweiz vorliegen und systematisch berücksichtigt wurden», heisst es in der Stellungnahme zur Vernehmlassung.René Buholzer, Geschäftsführer von Interpharma, fordert sogar einen Marschhalt bei den geplanten Revisionen: «Zuerst müssen die Ergebnisse der vom Bundesrat eingesetzten Arbeitsgruppe ‹Lifescience Standort› vorliegen und systematisch in die Revisionsvorlage einbezogen werden, bevor die Vernehmlassung sinnvollerweise durchgeführt wird.»Seit Januar 2026 tagt die Arbeitsgruppe «Lifesciences-Standort», wobei sich Vertreter der Politik und der Pharmaindustrie über künftige Rahmenbedingungen der Branche austauschen. Ende 2026 soll aus den Gesprächen ein Bericht entstehen.Kristian Schneider, stellvertretender Direktor des BAG, ist davon überzeugt, dass man sich mit der Industrie einigen könnte: «Eine Vernehmlassung ist dazu da, verschiedene Meinungen zusammenzutragen», sagt er am Dienstag am Mediengespräch.Buholzer bleibt diesbezüglich kritischer: «Die Vergangenheit zeigt, dass Vernehmlassungsvorlagen meist nicht stark abgeändert werden.» Die beiden Parteien dürften sich am nächsten Treffen der Arbeitsgruppe tiefer darüber austauschen.Passend zum Artikel