Gegen Bibi reicht nichtIsraels Opposition will Benjamin Netanyahu seit Jahren ablösen – und scheitert an der Gegenwart. Warum Israel trotz Dauerkrise keinen politischen Gegenentwurf zu Netanyahu hervorbringt.Richard C. Schneider27.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenBenjamin Netanyahu während einer Pressekonferenz in Jerusalem im März.Ronen Zvulun / APDer bald 77-Jährige wirkt erschöpft. Fast ständig trägt Ministerpräsident Benjamin Netanyahu eine dicke Schicht Schminke, doch die Augenringe bleiben sichtbar. Die Stimme wirkt manchmal brüchig, die Bewegungen schwerfällig, das Gesicht angespannt. Gegen Netanyahu laufen Korruptionsprozesse, seine Regierung wird für das Desaster des 7. Oktober verantwortlich gemacht, Israel erlebt eine internationale Isolation wie selten zuvor, und selbst innerhalb des Landes ist das Vertrauen vieler Bürger erschüttert. Dennoch bleibt Netanyahu politisch bemerkenswert widerstandsfähig.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In Israel finden in wenigen Monaten Wahlen statt. Eines der grossen Rätsel lautet längst nicht mehr, warum sich Netanyahu hält, sondern: Warum gelingt es seinen Gegnern trotz all den Krisen nicht, eine überzeugende politische Alternative hervorzubringen?An Gegnern mangelt es Netanyahu nicht. Meinungsumfragen zeigen seit Monaten eine breite Unzufriedenheit mit der Regierung, mit der ineffektiven Kriegsführung, mit der Macht der Ultraorthodoxen und mit dem Gefühl der permanenten nationalen Erschöpfung. Viele Israeli werfen Netanyahu vor, das Land gespalten, die Institutionen geschwächt und die Sicherheitslage falsch eingeschätzt zu haben.Netanyahu wurde zum Zentrum der PolitikDoch die Opposition bleibt erstaunlich unfähig, aus der Unzufriedenheit der Bevölkerung politisches Kapital zu generieren.Das hat zunächst mit Netanyahu selbst zu tun. Er ist nicht einfach ein Ministerpräsident, er ist längst das Gravitationszentrum der israelischen Politik. Er prägt seit vielen Jahren die politische Sprache, die Konfliktlinien und das Selbstbild eines grossen Teils der Gesellschaft. Für viele Israeli ist Politik inzwischen fast identisch mit der Frage: Bist du für oder gegen Bibi?Genau darin liegt die Schwäche seiner Gegner. Die Opposition besitzt zwar einen gemeinsamen Gegner, aber keine gemeinsame Erzählung. Ihr verbindendes Element ist vor allem der Wunsch, Netanyahu abzulösen. Doch eine negative Klammer reicht in Israel nicht aus, schon gar nicht im permanenten Ausnahmezustand eines Landes im Krieg.Hinzu kommt, dass Netanyahu etwas geschafft hat, was viele seiner Gegner lange unterschätzt haben: Er hat den politischen Referenzrahmen Israels nachhaltig nach rechts verschoben. Selbst viele seiner Kritiker teilen zentrale Annahmen seiner Politik, etwa das tiefsitzende Misstrauen gegenüber den Palästinensern, die Ablehnung weitreichender territorialer Zugeständnisse oder die Überzeugung, Israel könne sich letztlich nur auf militärische Stärke verlassen.Die Probleme der OppositionsführerDie Opposition versucht deshalb oft, Netanyahu von rechts aus anzugreifen. Das zeigt sich besonders an Figuren wie Naftali Bennett. Bennett gilt international häufig als moderater Gegenpol zu Netanyahu. Tatsächlich steht er in zentralen Fragen teilweise noch weiter rechts als Netanyahu. Auch er lehnt einen palästinensischen Staat kategorisch ab. Sein Vorteil liegt weniger in einer anderen Ideologie als in einem anderen Stil: technokratischer, pragmatischer, weniger toxisch.Doch genau das erzeugt ein strategisches Problem. Wenn die Opposition Netanyahus Weltbild übernimmt, verliert sie ihr eigenes Profil. Viele Wähler fragen sich dann: Warum das Original abwählen, wenn die Kopie kaum anders denkt?Das erklärt auch die Schwierigkeiten des Oppositionsführers Yair Lapid. Lapid verkörpert für viele säkulare, liberale Israeli die Hoffnung auf das Israel von früher: weniger ideologisch, institutionell stabiler, international anschlussfähiger. Aber genau diese Milieus schrumpfen seit Jahren. Der demografische und politische Trend verläuft zugunsten religiöser, nationalistischer und konservativer Gruppen. Netanyahu hat diese Entwicklung nicht geschaffen, aber er hat sie politisch kanalisiert.Dazu kommt ein kultureller Konflikt, der weit über die Tagespolitik hinausgeht. Viele misrachisch-orientalische Juden, traditionelle und religiöse Israeli empfinden die alten aschkenasischen, liberalen Eliten als herablassend. Netanyahu hat dieses Gefühl permanent verstärkt und politisch genutzt. Als Rechtspopulist inszeniert er sich sehr typisch als Verteidiger eines wahren Volkes.Die Opposition findet darauf bis heute keine überzeugende Antwort. Sie wirkt oft wie ein taktisches Bündnis unterschiedlicher Gruppen, denen eine gemeinsame gesellschaftliche Vision fehlt.Naftali Bennett (links) und Yair Lapid verkünden auf einer Pressekonferenz im April, dass ihre Parteien bei der anstehenden Wahl gemeinsam antreten werden.Ariel Schalit / APDie Opposition steckt in einem Dilemma Die Folgen einer fehlenden Vision zeigt die kurze Bennett-Lapid-Regierung von 2021 bis 2022: ein ideologisch extremes Bündnis von rechts bis links, zusammengehalten nur durch das Ziel, Netanyahu zu verdrängen.Damals wagte Bennett etwas, das heute kaum noch vorstellbar ist: Seine Koalition stützte sich auch auf eine arabische Partei. Schon damals galt das vielen Israeli als Tabubruch. Nach dem 7. Oktober hat sich das Klima jedoch weiter verhärtet. Das Misstrauen gegenüber arabischen Parteien ist massiv gewachsen. Genau das erschwert es der Opposition heute zusätzlich, eine Mehrheit von mindestens 61 der 120 Sitze in der Knesset zu erreichen. Rechnerisch wäre ein Machtwechsel oft nur mit arabischer Unterstützung möglich. Politisch aber scheuen viele Oppositionspolitiker ein solches Bündnis – aus Angst vor Angriffen der Rechten und dem Verlust nationalistischer Wähler.Damit steckt die Opposition in einem strategischen Dilemma.Um Netanyahu zu schlagen, müsste sie in konservative und religiös-zionistische Milieus hineinwirken. Tatsächlich gäbe es dort sogar eine mögliche Bruchstelle: Viele nationalreligiöse Israeli – besonders Familien mit Söhnen in der Armee – lehnen die von Netanyahu geplante gesetzliche Freistellung ultraorthodoxer Männer vom Militärdienst ab. Der Krieg hat den Streit über die Wehrpflicht massiv verschärft. Während Reservisten monatelang kämpfen, empfinden viele die Sonderrolle der Ultraorthodoxen zunehmend als untragbar.Gerade hier könnte die Opposition ansetzen. Denn das Thema verbindet säkulare Liberale, die sogenannte Mitte und nationalreligiöse Wähler. Doch das Misstrauen sitzt zu tief. Nicht nur gegenüber Lapid, sondern vor allem gegenüber Bennett. Viele religiöse Zionisten glauben, dass er ihre nationalen und sicherheitspolitischen Interessen bereits 2021 verraten habe.So entsteht eine ambivalente Situation: Die Opposition könnte theoretisch Stimmen aus Netanyahus Lager gewinnen, schafft es aber kaum, diese Wähler emotional an sich zu binden.Jerusalem im Mai, Menschen demonstrieren gegen die Regierung von Benjamin Netanyahu.Mostafa Alkharouf / ImagoEin ehemaliger Militär könnte zur Brückenfigur werdenIn diesem Vakuum rückt ein ehemaliger Militär in den Vordergrund. Eine Persönlichkeit wie Gadi Eisenkot wirkt auf manche Israeli attraktiver als klassische Parteipolitiker. Eisenkot verkörpert Sicherheitserfahrung ohne die aggressive Polarisierung Netanyahus. Als ehemaliger Generalstabschef spricht er die Sprache des Sicherheitsestablishments, ohne automatisch mit dem liberalen Lager identifiziert zu werden.Gerade deshalb gilt Eisenkot für manche Strategen als mögliche Brückenfigur zwischen Mitte, gemässigter Rechter und Teilen der religiösen Zionisten. Seine politische Positionierung zeigt aber zugleich das ganze Problem der Opposition: Statt einer klaren gemeinsamen Linie dominieren taktische Manöver, Fusionsgespräche und Machtarithmetik.Eisenkot spricht mal mit Bennett und Lapid, die sich erst vor kurzem zu einer neuen gemeinsamen Liste verbunden haben, dann wieder mit dem rechten Avigdor Lieberman. Bündnisse wirken oft wie technische Konstruktionen zur Sitzmaximierung, nicht wie der Ausdruck einer neuen politischen Idee. Diese taktische Zersplitterung verstärkt bei vielen den Eindruck, dass Netanyahu trotz allem der einzige wirklich fähige Politiker bleibt, der feste Pol in einem fragmentierten System.Das politische Paradox nach dem 7. OktoberHinzu kommt die Logik des Krieges. Seit dem 7. Oktober hat sich Israels politische Psyche verändert. Die Massaker der Hamas haben ein kollektives Trauma ausgelöst, Sicherheitsfragen überlagern alle anderen Themen. In solchen Situationen profitiert ein erfahrener Machtpolitiker wie Netanyahu, selbst wenn ihm Versagen angelastet wird. Obwohl viele Israeli ihn für den 7. Oktober verantwortlich machen, scheinen sie eher ihm als seinen Gegnern zuzutrauen, mit den Folgen dieser Fehler umzugehen.Viele junge Soldaten erleben den Krieg nicht als Argument gegen eine harte Sicherheitspolitik, sondern als Bestätigung dafür. Der gesellschaftliche Rechtsruck speist sich daher nicht nur aus Ideologie, sondern auch aus Erfahrung: Wer den 7. Oktober erlebt hat und danach in Gaza, in Libanon und in Iran kämpfte, blickt oft anders auf Kompromisse, Grenzen und militärische Gewalt als frühere Generationen.Begriffe wie Friedensprozess oder Zweistaatenlösung spielen im öffentlichen Diskurs keine Rolle mehr. Selbst grosse Teile der Opposition vermeiden sie. Der Wahlkampf dreht sich weniger um Zukunftsentwürfe als um die Frage, wer Israel in Kriegszeiten am effizientesten führen kann. Netanyahu profitiert zusätzlich davon, dass das politische System Israels strukturell zersplittert ist. Selbst wenn seine Partei Stimmen verlöre, bedeutete das nicht automatisch einen Machtwechsel. Entscheidend sind Blockbildungen, Koalitionen und kleine Parteien.So entsteht das zentrale Paradox der israelischen Politik: Netanyahu erscheint vielen Bürgern zugleich als Ursache der Krise und als einzige bekannte Figur, die mit dieser Krise umgehen kann. Besonders sichtbar wird das bei jungen Israeli. Viele von ihnen kennen kaum einen anderen Ministerpräsidenten als Netanyahu.Seine Gegner hoffen auf einen Bibi-Überdruss. Doch Überdruss allein schafft noch keinen politischen Ersatz. Die Opposition kämpft deshalb nicht nur gegen einen Ministerpräsidenten, sie kämpft gegen ein politisches Zeitalter, das Netanyahu selbst geschaffen hat. Und dessen Ende irgendwann kommen wird, aber möglicherweise später, als seine Gegner hoffen.Passend zum Artikel