Wie jüdische Kinder vor den Nazis gerettet wurden: Dank den Kindertransporten nach England überlebten zehntausend den HolocaustDie britische Politik handelte rasch: Nach der Reichspogromnacht 1938 beschloss das Parlament, jüdische Kinder aus Deutschland aufzunehmen. Eine Rettungsaktion mit Schattenseiten.Christine Brinck27.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenKinder polnischer Juden aus dem Gebiet zwischen Deutschland und Polen bei ihrer Ankunft mit der «Warschau» in London im Februar 1939.Bundesarchiv«Wer nur ein Leben rettet, der rettet die ganze Welt» ist eine talmudische Weisheit. Die «Gerechten unter den Völkern», die Juden vor der Ermordung bewahrten, wurden von der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem mit einer Medaille geehrt, in die der Spruch eingeprägt ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch die etwa zehntausend Kinder, die zwischen Dezember 1938 und September 1939 aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei durch die Kindertransporte nach England flüchten konnten, sind solche Geretteten. Ihre Zahl ist vergleichsweise klein. In der Shoah wurden 1,5 Millionen jüdische Kinder ermordet. Doch wer nur ein Leben rettet . . .Die Geschichte der Transporte ist in Deutschland längst nicht so bekannt wie in Grossbritannien. Und sie galt lange als vorbildliche Hilfeleistung. In einer Zeit, in der alle Staaten ihre Einwanderungsquoten senkten und Juden oft gar nicht mehr aufnahmen, befreite das englische Parlament Kinder bis 17 Jahre von der Visumspflicht.Andrea Hammel, Professorin für Germanistik an der walisischen Universität von Aberystwyth, hat nun ein Buch vorgelegt, das die Kindertransporte als nicht so beispielhaft beurteilt. Der deutsche Titel «Die schwierige Geschichte der Kindertransporte» deutet das schon an. Das englische Original heisst schlicht «The Kindertransport». Die Autorin will die humanitäre Rettungsaktion nicht kleinreden, sieht aber im englischen Selbstlob doch Korrekturbedarf.Gesund und bravNach der Reichspogromnacht im November 1938 erkannten die deutschen jüdischen Hilfsagenturen, aber auch ausländische Politiker, wie gefährdet die Juden in Hitlers Machtbereich waren. Eine Gruppe deutscher exilierter Juden trug ihre Sorgen englischen Politikern vor. Neville Chamberlain und Innenminister Sir Samuel Hoare plädierten für die Aufnahme unbegleiteter Kinder. Das Parlament stimmte am 14. November 1938 der Einreise unbegleiteter Kinder zu. Schon am 2. Dezember erreichte der erste Kindertransport das englische Ufer.Dieses Tempo ist bewundernswert. Anderseits ist so mancher Fehler begangen worden, und der Entscheid zeugt nicht nur von Selbstlosigkeit, wie die Autorin zeigt. Die Kinder sollten nämlich den Staat nichts kosten. Dazu kam die selektive Auswahl der Kinder. Sie sollten gesund und brav sein. Kranke oder verhaltensauffällige Mädchen und Knaben fielen von Anfang an weg, was insofern verständlich ist, als die ehrenamtlichen Retter auf den guten Willen von Gasteltern und Schulen angewiesen waren. Es sollten Kinder sein, die sich in England rasch einfügten.Das ist zwar oft gelungen. Doch Andrea Hammel beschreibt Fälle, in denen die Integration nicht gelang. Auch dafür war die Hektik der Aktion verantwortlich. Innerhalb von Wochen kamen Hunderte, ja Tausende Kinder, die in Pflegefamilien platziert werden mussten. Die Hilfsbereitschaft war gross. Doch die zukünftigen Pflegeeltern wurden oft nicht sorgfältig genug geprüft. Manche waren als Ersatzeltern ungeeignet. Auch wurden Geschwister oft voneinander getrennt.Die Schicksale der Kinder, die mit der Trennung von den Eltern oder dem Unverständnis ihrer Pflegeeltern nicht zurechtkamen, werden packend erzählt. So wurden orthodoxe Kinder in christlichen Familien platziert. Bei Eltern, die die Pflegekinder missionieren wollten. Manche Kinder wurden als Haushaltshilfen missbraucht.Getrennt in einem fremden LandDie Vorwürfe, die Hammel vorbringt, spiegeln oft stark die heutige Sicht. Dass nicht alles ideal war, steht ausser Frage. Dass die Transporte viele Kinder vor dem Tod gerettet haben, ebenfalls. Immerhin herrschte in England Krieg. Doch auch heutzutage werden Geschwister auseinandergerissen, wenn sie vom Jugendamt ausserhalb ihrer Familie platziert werden. Auch heute werden Kinder in ungeeigneten Pflegefamilien untergebracht. Und elternlose Flüchtlingskinder werden nicht muttersprachlich empfangen.Flucht ist ein Trauma. Von den Eltern, von der Familie getrennt zu werden und in einem fremden Land zu landen, ist ein besonders einschneidendes Trauma. Die Helfer der Kindertransporte wussten das und standen unter ständigem Druck. Sie mussten Geldgeber und die richtigen Gastfamilien finden. Die Zeit rannte ihnen davon. Nach neun Monaten und zehntausend geretteten Kindern war Schluss. Mit Kriegsbeginn hörten die Transporte auf. Der letzte Zug aus Prag wurde wegen des Kriegsausbruchs zurückgeschickt. Von den 250 Kindern haben nur vier die Shoah überlebt.Viele Kinder haben gelitten. Dass sechzig Prozent nach dem Krieg von der Ermordung der Eltern und Geschwister erfuhren, ist das schlimmste Trauma. Dennoch bleibt die Aktion unter dem Strich ein Erfolg. Viele Kinder machten in England, Australien, Kanada oder den USA Karriere. Als Wissenschafterinnen, Maler, Politiker, Unternehmerinnen. Vier von ihnen wurden Nobelpreisträger. Steve Shirley, eine erfolgreiche IT-Unternehmerin, die mit fünf Jahren aus Dortmund flüchtete, sagte in einem BBC-Interview: «Ich wollte immer zeigen: Mein Leben war es wert, gerettet zu werden.»Die Analyse der Kindertransporte und die Kritik daran sind wichtig, der Erfolg der Rettungsaktion kann aber durch die erkannten Fehler nicht geschmälert werden. Sozialarbeiter und Psychologen, die es mit jungen Flüchtlingen zu tun haben, können aus diesem Buch einige Lehren ziehen. Erst 2019, achtzig Jahre nach der Kinderflucht, beschloss der Bundestag, eine Entschädigung an die Transportkinder zu zahlen. Pauschal 2500 Euro! Gerade genug für einen Monat Pflegekosten.Andrea Hammel: Die schwierige Geschichte der Kindertransporte 1938/39 nach Grossbritannien. Hentrich-&-Hentrich-Verlag, Berlin 2026. 183 S., Fr. 34.90.Passend zum Artikel
Kindertransporte nach England: wie jüdische Kinder den Holocaust überlebten
Die britische Politik handelte rasch: Nach der Reichspogromnacht 1938 beschloss das Parlament, jüdische Kinder aus Deutschland aufzunehmen. Eine Rettungsaktion mit Schattenseiten.







