Die French Open haben eine gewisse Übung im Abschiednehmen. Jedes Jahr aufs Neue muss das Pariser Publikum einen seiner Tennislieblinge wohl oder übel ziehen lassen, weil er von einem Jüngeren aufs Altenteil geschickt wurde. Wie den ewigen Sandplatzkönig Rafael Nadal, der 2025 seine Abschlussfeier bekam. Diesmal kam’s doppelt dicke, verloren die Franzosen doch gleich zwei hochverehrte Tennisprofis an einem Tag: den Franzosen Gael Monfils, der nach der Auftaktniederlage gegen Landsmann Hugo Gaston seine Karriere beendete. Und Stan Wawrinka, der Roland Garros nach einer Niederlage gegen Jesper de Jong „Au revoir“ sagte, aber bis Saisonende noch durch den Rest der Tenniswelt tingelt.Manchen Abschiedsgast beschlich das ungute Gefühl, dass mit dem Schweizer French-Open-Sieger von 2015 auch sein „Signature Shot“ verschwindet. Auf Nimmerwiedersehen, einhändige Rückhand? Es gibt jedenfalls nicht mehr viele Profis, die mit einer traditionell geschlagenen Rückhand – am besten die Linie entlang, wie es Wawrinkas Spezialität ist – erfolgreich sind. Roger Federer ist längst im Ruhestand, der Grieche Stefanos Tsitsipas steckt seit Jahren in der Krise, der monatelang verletzte Bulgare Grigor Dimitrov scheiterte in Paris schon in der Qualifikation. Am besten steht der italienische Schönspieler Lorenzo Musetti da. Der ist Elfter der Weltrangliste, fehlt in Paris aber verletzt.Bei den Damen sieht’s noch schlechter aus. Wer Frauen mit einer einhändigen Rückhand sehen möchte, geht am besten ins Museum. Die Französin Suzanne Lenglen in den Zwanzigern, die Amerikanerin Billie Jean King in den Siebzigern, Steffi Graf und Gabriela Sabatini gegen Ende des alten und Amelie Mauresmo zu Beginn des neuen Jahrhunderts: Gemeinsam bilden sie in der aktuellen Ausstellung des Roland-Garros-„Tenniseums“ die Ahnengalerie des heute totgesagten Schlages. Wer traut sich heute noch eine einhändige Rückhand, abgesehen von denen, die das Tennisspielen ungefähr zur gleichen Zeit gelernt haben wie Steffi Graf in Brühl?Tagger, Parry und Mpetshi PerricardImmerhin darauf findet man einige schlagfertige Antworten in Paris, unter jungen Männern und Frauen. Da wäre zum Beispiel Giovanni Mpetshi Perricard. Der 22 Jahre alte Franzose ist vor allem für seinen Aufschlag bekannt, der zu schnellsten auf der Profitour gehört. In seinem Pariser Auftaktmatch gegen Novak Djokovic ließ es Mpetshi Perricard gelegentlich auch mit der einhändig geschlagenen Rückhand mächtig krachen. Das sei nicht unbedingt gewollt, erklärte er nach der Niederlage gegen den Grand-Slam-Rekordchampion. „Meine Rückhand dient eigentlich nur meiner Vorhand. Wenn ich sie ein- oder zweimal gespielt habe, will ich mich quer über den Platz bewegen und eine Vorhand schlagen.“Auch Lilli Tagger spielt die einhändige Rückhand nur, weil es nicht anders geht. Sie ist 18 Jahre jung, kommt aus Österreich und gehört zu den Attraktionen im Damentennis. Das Toptalent aus Osttirol startete als Nummer 776 der Weltrangliste ins vergangene Jahr, inzwischen ist die Jüngste unter den Top 100 (Platz 90). Vor allem verblüfft Tagger mit der einhändigen Rückhand. „Beidhändig habe ich mich nie wohlgefühlt“, hat sie mehr als einmal erklärt. Bei ihrem ersten Grand-Slam-Turnier in Paris unterlag Tagger der gesetzten Chinesin Wang Xinyu. Dass so ein Versuch gelingen kann, bewies der Amerikaner Pete Sampras, der als 14-Jähriger auf einhändig umschulte und 14 Grand-Slam-Turniere gewann.Wie alle Teenager des Jahrgangs 2008 hatte auch Lilli Tagger zunächst gelernt, beim Rückhandschlag beide Hände am Schläger zu haben. Als sie zwölf war, ging Tagger eine Wette mit ihrem Coach ein. Wenn sie das Turnier, an dem sie gerade teilnehme, mit einer einhändigen Rückhand gewinne, werde sie den Schlag beibehalten. Experiment gelungen, Wette gewonnen, Aufstieg eingeleitet. Lilli Taggers Vorbild wurde Justine Henin. Also jene Belgierin, die mit einer einhändigen Rückhand sieben Grand-Slam-Turniere gewann, darunter viermal die French Open.„Ein ikonischer Schlag“Mit der einhändigen Rückhand geht es Zuschauern heute mehr denn je wie mit einem Kunstwerk: Man staunt, was ein Mensch mit Auge und Hand zustande bringt. Sie sei „ein ikonischer Schlag“, elegant und technisch anspruchsvoll, so lehrt es der Startrainer Patrick Mouratoglou. Es komme auf die richtige Körperhaltung an, auf die Kontrolle des Schlägers und des Griffs und auf „exzellente Koordination“ diverser Körperteile. Für die meisten Tennisprofis ist das zu viel des Guten. Zumal die beidhändige Rückhand nicht nur als leichter zu lernen gilt, sondern auch als effektiver. Dies hatte der amerikanische Biomechaniker Jack Groppel herausgefunden.Die Französin Diane Parry ist wie Lilli Tagger eine Ausnahmeerscheinung auf der Damentour, aber auf andere Weise. Parry stellte auch auf einhändig um, als sie zwölf war, hat nun aber im Alter von 23 einen halben Schritt zurück gemacht: Die Aufschläge der Gegnerinnen retourniert sie neuerdings mit beiden Händen am Schläger, in den weiteren Ballwechseln benutzt sie weiter nur eine Hand. Einen Aufschlag könne sie nun besser „blocken und schneller retournieren“, erklärte Parry in Paris. Davor hätte sie eher langsam und unterschnitten retourniert und sei deshalb schnell in die Defensive geraten. Wenn’s besonders schnell gehen muss, wirft die 92. der Weltrangliste ihre Strategie jedoch über den Haufen.Dass es auch in dem talentierten Teenager Henry Bernet einen Tennisprofi gibt, der die Schweizer Traditionslinie fortführt, freut Wawrinka. „Ich bin zuversichtlich, dass die einhändige Rückhand überlebt und es damit auch künftig Grand-Slam-Champions geben wird“, sagte der 41 Jahre alte Wawrinka in Paris. Bei allem Optimismus: Besorgniserregend liest sich Bernets Eintrag im Handbuch der Spielerorganisation ATP. „Unbekannte Rückhand“, steht dort geschrieben.
Tennis bei French Open: Hat die einhändige Rückhand doch eine Zukunft?
Die einhändige Rückhand gilt im Tennis als ikonischer Schlag – aber auch als Auslaufmodell. Doch während sich bei den French Open ein großer Könner verabschiedet, nähren junge Profis die Hoffnung auf ein Comeback.














