Konkurrenten aus China haben die Genfer Industriefirma LEM stark unter Druck gesetzt. Jetzt wird sie von Kaufinteressenten belagertLEM machte jahrelang gute Geschäfte mit Auto- und Schienenfahrzeugherstellern in China. Doch hohe Ertragseinbussen und der Zerfall seines Aktienkurses haben das Unternehmen in einen Übernahmekandidaten verwandelt.26.05.2026, 16.58 Uhr3 LeseminutenDie Komponenten von LEM zur Messung von elektrischen Parametern werden auch in chinesischen Zügen eingesetzt.ImagoWachsende Konkurrenz aus China macht vielen Schweizer Industrieunternehmen zu schaffen. Doch im Fall der Genfer Firma LEM hat der Wettbewerbsdruck in den letzten Jahren mit besonders hohem Tempo zugenommen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bis vor zwei Jahren erfreute sich das Unternehmen, das Komponenten für die Messung elektrischer Parameter unter anderem in Fahrzeugen herstellt, operativer Margen von rund 20 Prozent. Heute ist es weniger als halb so viel.Abbau von 150 StellenLediglich harte Sparmassnahmen ermöglichten, dass sich die Profitabilität jüngst wieder verbesserte. Der Personalbestand sank im vergangenen Jahr um 150 auf rund 1600 Mitarbeitende.Der deutlich gestiegene Konkurrenzdruck trieb viele Anleger in die Flucht. Der Aktienkurs von LEM büsste in den vergangenen fünf Jahren fast 80 Prozent ein.Für den hohen Wertverlust hat die Unternehmensführung nun die Quittung erhalten. Wie die Firma am Dienstag zusammen mit dem jüngsten Geschäftsergebnis bekanntgab, sind bei ihr Kaufinteressenten vorstellig geworden.Übernahmespekulationen beflügeln AktienkursDie Meldung trieb den gedrückten Aktienkurs deutlich in die Höhe. Bis zum Handelsende stieg die Notierung gegenüber dem Schlussstand vor dem Pfingstwochenende um 24,9 Prozent auf 409.50 Franken. An der Bilanzmedienkonferenz in Zürich sagte der Verwaltungsratspräsident Andreas Hürlimann, es hätten sich eine Reihe von interessierten Parteien gemeldet. Der Verwaltungsrat werde nun die strategischen Optionen prüfen. Noch seien keine Entscheide getroffen worden. Der Prozess befinde sich in einem frühen Stadium.Die Märkte, in denen sich LEM bewegt, sind stark fragmentiert. Das Unternehmen hat sein Geschäft selbst in fünf Absatzmärkte unterteilt, von denen die Industrieautomation, die Automobilbranche und der Bahnsektor die drei grössten bilden. Laut dem Konzernchef Frank Rehfeld, welcher der Geschäftsleitung seit 2018 vorsteht, bedient LEM weltweit 3000 Kunden. Zu ihnen zählen Industrieriesen wie ABB oder Siemens ebenso wie zahlreiche kleinere und mittelgrosse Firmen.Chinesische Mitbewerber drängen nach EuropaNamen der grössten Mitbewerber wollte die Unternehmensführung am Dienstag nicht nennen. Allerdings ist es ein offenes Geheimnis, dass in den vergangenen Jahren vor allem Anbieter aus China ihre Position markant ausgebaut haben. Ermutigt durch ihre starke Stellung im chinesischen Heimmarkt, versuchten manche von ihnen, nun auch in Europa Marktanteile zu gewinnen, sagte Rehfeld.So gesehen wäre es nicht überraschend, wenn sich unter den Interessenten für eine Übernahme von LEM auch chinesische Firmen befänden. LEM erzielte im vergangenen Geschäftsjahr in Europa trotz der schwierigen Konjunkturlage in Lokalwährungen beinahe einen stabilen Umsatz. Er erreichte mit 100 Millionen Franken 35 Prozent des Konzernerlöses. LEM kamen dabei steigende Einnahmen mit europäischen Autokonzernen zugute, die im Bereich der Elektromobilität zahlreiche neue Projekte lancierten.In China, wo das Unternehmen jahrelang von hohen Wachstumsraten profitiert hatte, widerfuhr ihm das Gegenteil: Wegen branchenweiter Überkapazitäten waren die Geschäfte mit Autoherstellern rückläufig. Insgesamt fielen die Einnahmen aus dem Reich der Mitte um 5 Prozent und lagen mit 103 Millionen Franken kaum noch über dem europäischen Niveau.Forscher-Arbeitsplätze von Europa nach China verschobenLEM unternahm in den vergangenen Jahren grosse Anstrengungen, um die chinesische Konkurrenz nicht davonziehen zu lassen. So wurden Teile der Forschung und Entwicklung von Europa nach China verschoben. «Wir müssen sicherstellen, dass wir schnell genug sind und uns im chinesischen Markt wie die lokalen Konkurrenten verhalten können», sagte Rehfeld.Nach Ansicht des Konzernchefs ist China trotz dem starken Wettbewerbsdruck «kein verlorenes Terrain». LEM will in absehbarer Zeit auch im Land mit dem weltweit grössten Industriesektor wieder wachsen. Für das laufende Jahr lasse sich die Geschäftsentwicklung momentan nicht abschätzen, meinte Rehfeld. Dazu sei die Volatilität wegen der geopolitischen Umwälzungen zu hoch.Ob der Markt dem Management genügend Zeit lässt, um die Früchte der Neuausrichtung zu ernten, ist offen. Zwar befinden sich 52,6 Prozent des Kapitals von LEM in festen Händen. Der eine Inhaber des Pakets, Ueli Wampfler, ist allerdings Mitte 70. Sein Partner Werner O. Weber, mit dem er die Beteiligung über viele Jahre aufgebaut hat, befindet sich in den späten Achtzigern. Ein Verkauf der Anteile würde den beiden ermöglichen, eine Nachfolgelösung für ihr Engagement zu finden.Passend zum Artikel